In Indien bedient zu werden ist seltsam? Kultur und soziale Situationen verstehen - 6 Dez 11

Manchmal haben Menschen, die nach Indien kommen, viele Fragen zu dem, wie die Menschen hier arbeiten. In Indien ist es üblich, Angestellte zu haben, die als Bedienstete im Haus arbeiten. Ich habe gehört, dass das Wort ‚Bediensteter‘ für manche Leute eine negative Assoziation hat, doch diese Arbeit wird nicht wirklich etwas Negatives angesehen, es ist eine normale Arbeitsstelle.
Was machen solche Angestellten? Sie arbeiten bei dir zu Hause und tun Dinge, die du eigentlich selbst tun könntest, für die du aber oftmals nicht die Zeit hast, weil du arbeitest. Sie machen sauber, manchmal kochen sie, sie gehen einkaufen, bringen dir, was du brauchst, sie stellen die Dinge in deinem Haus um, wenn du ihnen das sagst und vielleicht machen sie auch Gartenarbeit.
Besonders Ausländer aus Ländern, in denen es nicht üblich ist, zu Hause Angestellte zu haben, können es seltsam finden und fragen, ob man das alles nicht auch selbst tun könnte. Die Antwort ist ja, natürlich könntest du das. Aber wenn du es selbst tun würdest, hätte der andere diese Arbeit nicht!. Es gibt viele Menschen, die mit dieser Arbeit in jemandens Haus ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie werden nicht zu dieser Arbeit gezwungen, sie bekommen dafür ihr Gehalt. Es ist ehrliche Arbeit, die sie auf keinste Weise erniedrigt.
Wenn sie das Gefühl hätten, ihre Arbeit würde sie erniedrigen, würden sie einfach ihre Arbeitsstelle verlassen. Es steht ihnen frei, das zu tun und sie wechseln ihren Arbeitsplatz, wenn es ihnen beim vorigen nicht mehr gefällt. Für einen Arbeitgeber kann es zu einer recht schwierigen Aufgabe werden, sie auf längere Zeit bei sich zu haben, weil es ihnen frei steht, sich eine andere Arbeit zu suchen und immer, wenn sich eine Möglichkeit auftut, mit der sie mehr Geld verdienen können, verlassen sie einfach ihren vorherigen Arbeitsplatz und arbeiten woanders. Sie haben keine höhere Bildung und sind sich dessen bewusst, dass sie keine Manager oder Ärzte sind, aber sie sind trotzdem stolz auf ihre Arbeit und glücklich damit und mit ihrer Flexibilität.
Diejenigen, denen diese Arbeit seltsam vorkommt, ob das nun das Saubermachen, die Gärtnerei oder auch das Chauffieren ist, sind normalerweise Menschen, die im Westen in der sogenannten Mittelklasse aufgewachsen sind. Sie können es sich nicht leisten, dort einen Fahrer zu haben und sie sind sich dessen nicht bewusst, dass das auch im Westen existiert. Es ist bereits für viele Leute üblich, jemanden einzustellen, der zum Putzen kommt. Andere haben Gärtner und vielleicht auch einen Koch. Aber vielleicht muss man nicht einmal so weit gehen, um Vergleiche anzustellen. Wenn junge Menschen im Westen in einem Restaurant kellnern oder hinter der Bar stehen, ist das nicht das Gleiche? Sie verdienen ihr Geld damit, anderen das zu bringen, was diese wollen, damit sie sich gut fühlen und sie glücklich sind. In Indien sieht man solche Arbeit auch in privaten Häusern häufiger, wahrscheinlich aufgrund der Weise, auf die sich hier die Kultur entwickelt hat. In Indien essen die Menschen lieber zu Hause als außerhalb und verbringen viel mehr Zeit bei sich zu Hause. Sie würden also lieber jemanden dafür bezahlen, bei ihnen daheim zu arbeiten, als in ein Restaurant zu gehen und eine Kellnerin zu bezahlen.
Unsere Angestellten, die wir oft einfach nur ‘die Jungs’ nennen, weil sie für uns ein Teil der Ashram Familie sind, arbeiten nicht nur für uns, sondern sie schlafen auch im Ashram, essen das gleiche Essen, das wir essen und kümmern sich um uns, wie wir uns um sie kümmern. Sie bekommen jeden Monat ihr Gehalt und da sie im Ashram alles haben, was sie brauchen, geben sie nur ein klein wenig dieses Geldes aus und schicken den Rest ihren Familien, um sie dort zu unterstützen. Mit ihrer Arbeit verdienen sie also nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt sondern auch noch den ihrer Eltern und Geschwister. Sie sind glücklich, dass sie bei uns sind und wir sind froh, dass wir sie haben. Auf diese Weise tun sie nicht nur ihre Pflicht, sondern bringen Liebe mit hinein. Und wir kümmern uns mit Liebe um sie. Ich sehe es eigentlich als eine Art Austausch. Sie arbeiten für uns, was uns Zeit einspart, um Arbeit zu tun, die sie nicht tun könnten, zum Beispiel am Computer, und mit dieser Arbeit sind wir in der Lage, ihr Gehalt zu bezahlen. Also arbeiten wir eigentlich füreinander.
Wenn du in den Ashram kommst und hier etwas Zeit verbringst, bin ich sicher, dass du bemerkst, wie wichtig ihre Arbeit ist, wie sehr sie für ihre Arbeit wertgeschätzt werden und wie frei sie in ihrem Leben und ihrer Arbeit sind.
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