Abschied von Vishal, dem besten Koch von Ammaji’s – 5 Jun 16

Heute muss ich euch traurige Nachrichten übermitteln: einer unserer Köche ist letzte Nacht verstorben. Er hieß Vishal und war erst 25 Jahre alt. Wir werden ihn sehr vermissen!

Vishal war einer der Köche, die wir gleich nach Beginn des Restaurants einstellten, als die Menge der Gäste jeden Tag wuchs und wir merkten, dass wir ein größeres Team brauchten. Er kam, um die chinesische Abteilung unserer Küche zu leiten, doch bald fanden wir heraus, dass er so viel mehr konnte: er half mit der kontinentalen Küche, er konnte auch mal eine Lücke in der nordindischen Abteilung füllen – er war wirklich ein Allrounder!

Der frisch verheiratete junge Mann erwies sich als wahre Bereicherung, nicht nur im kulinarischen Sinn. Er war ein enthusiastischer Koch, liebte das, was er tat und brachte einen frischen und positiven Wind in unsere Küche! Wenn neue Köche oder Helfer da waren, war er derjenige, der ihnen half, sich im Team wohl zu fühlen, der ihnen erklärte, wie die Dinge hier liefen, wo die Zutaten waren und so weiter.

Er kochte wirklich mit der Liebe, die wir in Ammaji’s Küche sehen wollen und die wir in unseren Mahlzeiten versprechen! Seine Liebe fürs Essen wurde in seinen Neuschöpfungen und seinem Wunsch, uns diese probieren zu lassen deutlich.

Es war ein Schock für uns, als wir vor etwa zehn Tagen einen Anruf mit der Nachricht erhielten, dass Vishal einen Unfall gehabt hatte. Ein Mann hatte ihn bis zum Krankenhaus gebracht – und sofort fuhren zwei unserer Mitarbeiter von hier los um zu helfen. Es war da bereits klar, dass es ein schwerer Unfall gewesen war.

Bei seinem Fall von seinem Motorrad hatte Vishal sich alle drei Knochen eines Beins gebrochen und beide Unterschenkelknochen des anderen Beins. Wundersamerweise hatte er keine anderen Verletzungen außer einigen blauen Flecken am Arm. In zwei Operationen arbeiteten die Ärzte an seinen Knochenbrüchen: an einem Tag ein Bein, zwei Tage später das andere.

Alle Operationen waren erfolgreich, wir besuchten ihn vorher und hinterher. Die Mitarbeiter und auch das Management waren ihn mehrmals im Krankenhaus. Es ging ihm den Umständen entsprechend gut, er redete und machte sogar Witze. Wir versicherten seiner Familie unserer Unterstützung bis er völlig genesen sein würde und wieder zur Arbeit kommen würde. Ramona und ich besuchten ihn noch einmal an dem Tag an dem er entlassen werden sollte. Am Abend wurde er mit dem Krankenwagen nach Hause gefahren.

Am Abend des nächsten Tages hatte er einen Herzanfall. Seine Familie brachte ihn noch ins Krankenhaus, doch die Ärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen. Es war ein Schock. Nach allen Operationen sollte er sich eigentlich nur noch erholen – und niemand weiß, was eigentlich gesehen ist und wie.

Es ist auch nicht mehr wichtig – Vishals Strahlen hat uns für immer verlassen. Das Restaurant war in Trauer heute Früh und Mittag geschlossen und erst am Abend wieder offen. Und was auch immer wir in unserer Küche zubereiten werden, Vishal wird in unseren Gedanken immer lebendig bleiben!

Die schreckliche Situation der Flüchtlinge in Europa – 31 Aug 15

In den vergangenen Wochen habe ich in den Nachrichten viel gesehen, was verstörend und bedrückend ist – denn Millionen Menschen leiden!

Europa wird von einer Flüchtlingswelle überrannt – könnte man sagen. Man könnte auch sagen, dass die Situation in mehreren Ländern über so lange Zeit hinweg so schrecklich schlimm war, dass Millionen Menschen ihr Zuhause verloren haben und fliehen mussten. Und nun erreichen sie nach oft sehr gefährlichen Reisen Europa und fast alle Länder dort sind mit der schieren Anzahl an Flüchtlingen überfordert. So kommt es, dass sie in Flüchtlingsheimen, Container-Städten, Sporthallen, Stadthallen, alten Baumärkten, Lagerhallen und ähnlichen Orten eng zusammenwohnen und auf Feldbetten schlafen. Regierungen mühen sich ab, Verwaltungsfragen schnell genug zu klären und die Bürokratie zu beschleunigen.

Wenn man die Berichte liest, ihre Geschichten hört und erfährt, was diese Menschen durchgemacht haben, fühlt man sich schrecklich, dass solche Dinge in der heutigen Zeit, in der heutigen Welt überhaupt möglich sind. Es sind Familien, die sich zusammen auf den Weg gemacht haben, als Gruppe, auf dem Weg jedoch auseinandergerissen wurden. Eltern suchen ihre Kinder, Männer suchen ihre Frauen. Andere wissen bereits, dass sie nicht suchen müssen: ihre Familienmitglieder sind tot.

Sie sind hunderte, sogar tausende Kilometer gelaufen. Viele von ihnen waren in diesen schrecklichen Schiffen und Booten, die das Mittelmeer überqueren. Boote, von denen schon zu viele in den Wellen versunken sind, was tausenden Menschen den Tod gebracht hat. Väter haben ihre Töchter und Söhne ertrinken sehen, über Bord geworfen von den unmenschlichen Monstern, die horrende Summen einkassiert haben gegen das Versprechen, diese Menschen sicher über das Meer zu bringen.

Schlepper, Kriminelle, beuten diese Leute aus, saugen ihnen den letzten Rest an Geld aus den Taschen. Diesen Menschen, die sowieso bereits von Krieg und Diktatoren in ihrem Land, von Verfolgung aufgrund ihrer Religion oder ihres Ursprungs, zerstört wurden. In der Hoffnung, einen friedvollen, sicheren Ort zum Leben zu finden, einfach irgendwo, ganz egal wo, nehmen sie Ausbeutung in Kauf, Schläge, Misshandlung und schließlich auch die Gefahr, auf dem Weg zu sterben, erstickt in einem Lastwagen auf einer europäischen Autobahn.

Sie klettern über und unter Stacheldrahtzäunen durch, um Grenzen zu überqueren. Sie steigen ohne Tickets in Züge. Sie versuchen, illegal in einen Tunnel zu kommen, um einen 50 Kilometer langen Weg unter dem Meer zurück zu legen. Sie sind bereits illegal da, sie sind bereits am Ende ihrer Kräfte, sie haben bereits alles verloren, außer dem bloßen Leben und, manchmal, einander. Wie viel schlimmer kann es jetzt noch werden?

Oh, das kann es! Leider ist auch das bereits bewiesen: sie kommen an einem Ort an, an dem ihnen gesagt wurde, sie sollen bleiben, bis der Papierkram erledigt wurde, bis sie vielleicht Asyl bekommen, ein Visum, eine Arbeitserlaubnis – und dann gibt es Leute, die vor ihren vorläufigen Häusern gegen sie demonstrieren! Es gibt diejenigen, die eben die Häuser in Brand setzen, in die sie gerade einziehen wollten! Es gibt diejenigen, die durch die Straßen laufen und dagegen protestieren, dass sie überhaupt da sind.

Wenn ich all das sehe, wenn auch nur von weit weg, macht es mich unglaublich traurig. Traurig, dass es so weit gekommen ist! So viele Leben haben sich nicht nur drastisch verändert, nein, das Leben so vieler Leute ist einfach zu Ende gegangen, ausgelöscht! So viele Leute leiden in einer Welt, in der so viele andere so viel mehr als genug haben!

Und trotzdem gibt es da diejenigen, die Beleidigungen schreiben und rumschreien. Für mich ist das unbegreiflich!

Am Ende jedoch ist da immer noch diese Hoffnung, das Licht, auch ein Schein des Positiven: es gibt auch andere! Es gibt Menschen, die helfen und es anders machen! Und über diese Menschen möchte ich morgen schreiben.

Wie das Leben selbst nach Tragödien weitergeht – 26 Okt 14

Zurück in Deutschland arbeiteten Yashendu und ich weiter so, wie wir es vor dem Tod meiner Schwester getan hatten. Wir reisten von einem Ort zum anderen, blieben überall etwa eine Woche lang, gaben Workshops und Einzelberatungen. Wenn im Leben etwas Schlimmes geschieht, muss man weitermachen, aber Tragödien verändern das Leben eben doch – und das merkt man auch im Alltag.

Wir reisten zusammen mit unserem indischen Flötenspieler in viele verschiedene Städte Europas. Wir waren schrecklich traurig, aber sogar in dem Zustand kamen wir mit Leuten in Kontakt, machten unsere Workshops, lächelten und teilten. Wenn man seinen Verstand mit etwas anderem als seiner Trauer beschäftigt, ist es einfacher, nicht daran zu denken, nicht wieder in die Trauer zu verfallen und einfach so zu reagieren, zu denken und zu sprechen, wie man das normal auch tun würde. Doch während den Einzelsitzungen musste ich oft an meine Schwester denken.

Die Leute kommen zu mir, um ihre Probleme mitzuteilen und oft sind diese von emotionaler Natur. Als eine Frau damals zu mir kam und mir erzählte, dass ihr Ehemann gestorben war, wie hätte ich da nicht an meine Schwester denken können? Ich teilte meine eigene Trauer mit ihr. Zusammen saßen wir einfach nur eine Weile da und spürten die Liebe für die, die gegangen waren. Wir teilten das Gefühl, einen geliebten Menschen im täglichen Leben zu vermissen. Am Ende sagte ich ihr, wir müssten weitermachen und wir sahen uns an in dem Wissen, das wir beide genau das tun würden.

Ein anderes Mal kam eine junge Frau und erzählte mir von einem großen Streit mit ihrem Bruder. So schlimm war es gewesen, dass sie allen Kontakt zu ihm abgebrochen hatte. In Tränen erzählte sie mir, dass sie ihn liebte, dass sie ihn aber auch nie wiedersehen wollte. Gegensätzliche Emotionen. Ich konnte nicht anders als froh sein, dass meine Schwester und ich nie einen solchen Streit gehabt hatten. Ich erinnerte diese Frau an die Tatsache, dass das Leben sehr kurz sein kann. Sie liebte ihn und in diesem Wissen sollte sie diesen Streit nicht das Letzte sein lassen, das zwischen den beiden geschah. Beende nicht alles mit einem Streit – man weiß nie, was morgen sein wird!

Mehrere Male weinte ich mit Freunden, die sie gekannt hatten. Wir erinnerten uns zusammen an sie und ich spürte wieder einmal die Unterstützung derjenigen, die mich liebten.

Das Leben ging weiter und gleichzeitig war Para immer bei mir und kein Tag ging vorbei, an dem ich nicht an sie dachte.

Worte können die Trauer um einen geliebten Menschen nicht beschreiben – 5 Okt 14

Am letzten Sonntag habe ich euch erzählt, wie meine Schwester am 18. September 2006 ums Leben gekommen ist. Die Tage nach ihrem Tod verbrachte ich in einer Art Umnebelung. Ich erinnere mich nicht genau daran, was wann passiert ist, aber an die extreme Traurigkeit der Zeit erinnere ich mich genau.

Was taten wir denn zuhause, nach ihrem Tod? Wir hatten eigentlich nichts zu tun. Wir klammerten uns nur aneinander und stützten einander in unserer Trauer. Naniji hatte eine Enkelin verloren. Babbaji und Ammaji ihre einzige Tochter. Wir drei unsere Schwester.

Am Anfang stand ich noch ganz unter Schock. Ich weinte nicht. Ich hielt meine weinende Mutter in den Armen, war so traurig und in Kummer wie noch nie zuvor oder danach in meinem Leben, aber ich konnte nicht weinen. Wir sprachen über Para und dachten an eine Zukunft ohne sie, die grau, traurig und einsam aussah. Alle weinten – nur ich konnte es nicht.

Ich glaube, der Schock hatte meinen Verstand wirklich zerrüttet. Ich hatte noch nie viel Schlaf gebraucht, aber in den Tagen schlief ich extrem schlecht. Eines Morgens nach einer solchen Nach kam ich in einer Art halbwachem Zustand aus der Höhle. Ich hatte eine lächerliche Idee im Kopf, die mir in dem Augenblick als die Lösung erschien. Als ich Yashendu sah, drängte ich ihn dazu, schnell den Computer anzuschalten: wir würden auf Google nach ihr suchen! Das war’s, sie war nicht weg, wir würden sie finden! Ich konnte die bittere Wahrheit nicht akzeptieren, der Realität nicht ins Auge sehen.

Viele Leute kamen in den Tagen nach Paras Tod bei uns vorbei. Noch mehr Leute, Freunde aus der ganzen Welt, schickten Emails und Nachrichten oder riefen an, um ihre Unterstützung zu zeigen und ihr Mitgefühl auszudrücken. Mit jeder Mail, jedem Wort über sie, sei es eine Erinnerung an die Zeit zusammen oder nur ein Versuch, Trost zu spenden, hatte ich das Gefühl, dass nicht nur ich und nicht nur meine Familie eine wundervolle Person verloren hatte. Nein, die ganze Welt hatte sie verloren. Sie war zu jung, sie hätte so viel von der Welt sehen können und hätte mit ihrem Herzen so viele andere bewegen können!

Eine liebe Freundin, bei der Para nach ihrer Landung in Deutschland eine Weile wohnen wollte, stieg sogar ins Flugzeug und kam in den Ashram. Sie kam zu uns, um einfach nur da zu sein und mit uns um meine Schwester zu trauern.

Schließlich kam jedoch der Punkt, an der ich es loslassen konnte. Ich fing an zu weinen und weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte. Es war erleichternd, es rauszulassen – aber es linderte die Trauer kein bisschen. Nichts würde jemals diesen Raum füllen, den sie zurückgelassen hatte.

Die schlimmste Zeit meines Lebens: als meine Schwester starb – 28 Sep 14

Im September 2006 stieg ich, nach einer herrlichen Zeit mit meiner Familie in Vrindavan, in meinen Flug nach Südafrika. Es sollte ein kurzer Aufenthalt werden, gefolgt von der schlimmsten Zeit meines Lebens bis heute.

Ich arbeitete wie überall, gab Einzelsitzungen, Workshops und Vorträge. Nach ein paar Tagen, am 18. September 2006, bekam ich am frühen Morgen einen Anruf. Es war mein jüngerer Bruder Yashendu aus Deutschland. Mit erstickter Stimme und unter Tränen gab er mir die schrecklichsten Nachrichten, die ein Bruder jemals hören muss: unsere Schwester war in einem Autounfall gestorben.

Purnendu und Para waren in der Nacht auf dem Weg zum Flughafen gewesen. Para wollte nach Deutschland fliegen, wo sie Yashendu treffen sollte und ich würde mich später denen beiden anschließen. Ihre zweite Reise nach Deutschland.

Aber nun war sie tot. Sie hatten einen Autounfall gehabt. Purnendu war im Krankenhaus. Yashendu sagte, er würde nun einen Flug buchen.

Meine Hände und Beine zitterten. Ich schwitzte und einige Minuten lang war es schwierig, überhaupt etwas zu denken. Dann rief ich unseren Vater an und sagte ihm, ich würde sofort kommen.

Der nächste Flug nach Delhi war via Dubai. Ich buchte das Ticket und eilte zum Flughafen. Ich kann meine Gefühle nicht beschrieben. Nie zuvor und niemals danach habe ich einen solchen Schock gespürt, diese Schmerzen, dieses Unglauben und dann wieder Schmerzen, als mich die Realität wieder einholte. Ich weinte keine einzige Träne. Irgendwie schaffte ich es, diese Stunden rumzubringen, der schwierigste Flug, den ich je hatte.

Ich landete am Morgen und erreichte das Krankenhaus, wo meine Eltern und Yashendu auf mich warteten. Purnendu war im Krankenhauszimmer, sein Bein gebrochen und im Gips. Ansonsten ging es ihm gut. Ein paar Kratzer, ein kleiner Verband hier oder da. Er hatte vor dem Unfall geschlafen und war danach bewusstlos gewesen. Aufgewacht war er im Krankenhaus. Ich erfüllte die schwierige Aufgabe, ihm zu sagen, dass Para nicht mehr am Leben war.

Sobald Purnendu entlassen wurde, nahmen wir Paras Leichnam aus dem Krankenhaus und fuhren in Richtung Vrindavan. Auf dem Weg riefen wir ein paar Leute an, um die Verbrennung zu organisieren. Wir wollten keine Minute länger warten, als unbedingt notwendig. Alle weinten, Ammaji am Boden zerstört über den Verlust ihrer Tochter und wir mussten noch unserer Großmutter, die daheim wartete und vom Ausmaß der Tragödie nichts wusste, die traurigen Nachrichten überbringen.

Im Ashram waren die Vorbereitungen für die Verbrennung begonnen wurden. Dadurch hatte Naniji verstanden, dass das Schlimmste geschehen war. Es waren die dunkelsten Stunden für unsere Familie.

Alle weinten, aber ich fand weder Zeit noch Raum für Tränen. Es schien, als wäre mein Verstand noch nicht zu dem Punkt gekommen zu akzeptieren, was geschehen war. Einmal hob ich sogar das Tuch über ihrem Gesicht an, als könnte ich nicht glauben, dass das wirklich geschehen war. Es war sie.

Wir brachten ihren Körper zum Verbrennungsplatz. Purnendu blieb wegen seinem gebrochenen Bein zuhause. Ich habe zuvor schon und auch danach noch den Tod gesehen, aber bis heute bleibt dies der schrecklichste Augenblick meines Lebens: als wir das Holz unter dem Leichnam meiner Schwester in Brand setzten. Sie war weg.

Mit Trauer umgehen – nur nicht unterdrücken! – 12 Dec 13

Gestern habe ich euch erklärt, warum ich meine, dass religiöse Philosophien überhaupt nicht helfen, wenn jemand um einen geliebten Menschen trauert. Ich habe euch gesagt, dass man das einfach nur akzeptieren muss. Natürlich ist das die Wirklichkeit, aber es gibt auch einige Schritte dazu ich möchte euch gerne aus eigener Erfahrung erzählen, wie meiner Meinung nach dieser Vorgang aussieht.

Zunächst einmal ist da eine Zeit des Schocks. Natürlich hängt die Länge und Tiefe dieses Schocks sehr davon ab, ob es ein erwarteter oder unerwarteter Tod war und wie nahe man dem Verstorbenen stand.

Wenn ich von mir selbst spreche, so war es im Fall meiner jüngeren Schwester eine ganze Woche. Sie starb im Jahr 2006 in einem Autounfall, als ich nicht einmal in Indien war. Eine ganze Woche lang war ich wie verrückt und wollte nicht wahrhaben, was geschehen war. Ich weinte nicht und konnte es nicht rauslassen. An einem Morgen stand ich auf und sagte meinem jüngeren Bruder, er solle sie auf Google suchen, da würden wir sie finden, da wäre sie! Ich verweigerte einfach, die Realität anzuerkennen. Doch eines Tages holte mich die Realität ein und ich konnte endlich weinen.

Als Ammaji mit uns allen um sie herum und trotz unserer Bemühung, sie ins Krankenhaus zu bringen starb, hatte ich wieder das Gefühl als wäre ich aus Stein. Von dem Augenblick an, in dem wir wussten, dass sie uns für immer verlassen hatte, bis die Verbrennung vorbei war, erreichte keine einzige Träne meine Augen. Erst, als wir wieder in den Ashram zurückkamen, in einen leeren Ashram ohne meine Mutter, traf mich der Schmerz und ich weinte. Wir alle weinten.

Das ist glaube ich der nächste Schritt und dazu ein sehr wichtiger. Du musst die Trauer überhand nehmen lassen. Erlaube der Traurigkeit, aus dir raus zu rinnen, in der Form von Tränen und Schluchzen, lass dein Weinen dich schütteln. Es ist nötig, dass du da durchgehst und deine Emotionen nicht zurückhälst!

Ich weiß, dass viele Menschen diesen Schritt nicht ordentlich geschehen lassen. Ob es an ihrer eigenen Natur liegt oder in ihrer Kultur, sie halten diese Steinmauer um ihr Herz herum aufrecht und lassen den Schmerz einfach nicht raus. Sie unterdrücken ihn, etwas, das niemals gut ist. Du musst die Trauer zulassen, damit sie vorübergehen kann. Das kannst du auch alleine in deinem Zimmer, aber ich sage dir, dass dich niemand für diese Tränen verurteilt! Wenn du die Trauer mit jemand anderem teilst, fühlst du dich nicht nur schneller wieder besser, sondern hast du mit jemandem von da an eine enge Verbindung!

Das Leben geht weiter. Du musst dich anpassen und vielleicht füllt sich die Lücke, die diese Person hinterlassen hat, nie wirklich. Eine Zeit lang konnte ich mir keine Bilder meiner Schwester ansehen. Selbst mit Ammajis Bildern war es schwierig, aber ich glaube, dass es gesund ist, sie nach einer Weile herauszuholen und die schönen Erinnerungen an eine frühere Zeit wiederaufleben zu lassen.

Vielleicht gibt es Menschen, die in unserer Situation nie wieder Gakadiya (Brot vom offenen Kohle-Feuer) oder Gajar ka Halwa (ein süßes Karottendessert) essen würden – weil meine Mutter das Beste der Welt macht und wir es nur von ihr aßen. Wir wissen jedoch, wie man es zubereitet und wir haben Mitarbeiter, die von ihr gelernt haben, also kochen und essen wir. Während wir essen, erinnern wir uns an den Geschmack der Gakadiya und Gajar ka Halwa von ihrer Hand und vergießen vielleicht die ein oder andere Träne zusammen oder essen einfach gemeinsam im Gedenken an ihre Liebe.

Das Leben geht weiter und wir gehen mit. Wir halten die Erinnerungen in unseren Herzen lebendig und fühlen die Liebe. Versuche nicht, die Erinnerungen aus deinem Herzen zu verbannen. Lebe sie, liebe sie und spüre, wie sie dir diese Person wieder ganz nahe ins Herz bringen.

Tod eines geliebten Menschen – wenn religiöse Philosophien versagen – 11 Dez 13

Natürlich dachte ich nach Ammajis Tod damals und auch jetzt, nach einem Jahr, darüber nach, wie man am Besten mit seiner Trauer umgeht. Was kann man für seine Emotionen tun, wenn eine geliebte Person stirbt und so für immer aus dem Leben scheidet?

Für manche Leute kommt der Tod dieses geliebten Menschen als Schock, zum Beispiel bei einem Herzanfall, wie in Ammajis Fall, oder einem Unfall, wie es bei meiner Schwester 2006 der Fall war. Auf den Tod anderer ist man so vorbereitet, wie man für so etwas nun mal sein kann – derjenige war bereits lange krank, hat seit Monaten oder Jahren gelitten oder ist einfach sehr alt, in einem Alter, in dem der Tod zu jeder Tag- und Nachtzeit einfach so vor der Türe stehen kann.

Egal, ob ein Leben überraschend oder wie erwartet zu Ende geht, die Trauer kommt und manchmal ist sie überwältigend. Was kann man da tun?

Wenn man sich verschiedene Religionen ansieht, kann man unterschiedliche Versuche erkennen, dem Trauernden zu helfen. Manche Religionen sagen einem, man soll nicht traurig sein, denn derjenige, der von uns gegangen ist, war eine gute Person voller Tugenden, also wird auch sein Leben nach dem Tod gut sein. Der Verstorbene hat ist nun im Himmel und sitzt auf Gottes Schoß. Er oder sie hat nun die Familienmitglieder getroffen, die diese Welt schon zuvor verlassen haben. Sie alle sind dort vereint und warten freudig auf dich.

Ein weiteres Konzept ist, dass der Körper nur eine zwischenzeitliche Form ist, wie ein Fahrzeug, dessen man sich nun entledigt hat. Die Seele ist nicht gestorben, sie ist immer noch um uns, da, um dich zu trösten und dir in deinem Leben zu helfen. Manche Religionen behaupten, dass diese Seele eines Tages einen anderen Körper finden wird und wiedergeboren wird. Man soll also nicht traurig sein, denn er oder sie schließt sich uns bald auf Erden wieder an.

Die Wirklichkeit ist jedoch, dass man in dieser Situation mit jeglicher weiser Philosophie kommen kann, doch die trauernde Person sieht nur eines: diese liebe Person ist nicht mehr da. Solche Weisheit ist immer gut für andere, wenn man sich selbst jedoch in dieser Situation befindet, weiß man, dass das alles nichts hilft. Man stellt sich vor, was wäre, wäre derjenige nicht gestorben, wie man lachen, spielen und einfach zusammen sein würde. Jegliche Erklärung ist nur eine Illusion. Nach meiner Erfahrung liegt in den Philosophien der Religionen kein Trost – und obwohl die Menschen das wissen, bieten sie diese trotzdem den Trauernden an, in einem Versuch, sie zu trösten.

Doch das tut es nicht. Da ist nur diese eine Tatsache, die man zuerst akzeptieren muss: die geliebte Person ist für immer weg. Es ist unabänderlich, das Einzige, was du nie ändern kannst. Du musst es akzeptieren. Behalte die Erinnerungen und die Liebe in deinem Herzen!

Ein Jahr ohne Ammaji – 10 Dez 13

Heute ist also der Ammaji’s erster Todestag. Es ist nun ein Jahr her, aber wir haben die Bilder der Nacht ihres Todes vor unseren Augen, als wäre es gestern. Ein ganzes Jahr ist vorüber, aber wir denken immer noch täglich an sie und vermissen sie sehr.

Eine lange Zeit lang war der Schmerz zu frisch für uns, als dass wir ein Bild von Ammaji hätten aufhängen können. Ich vermied es sogar, Bilder von ihr auf dem Computer anzusehen, besonders, wenn Apra in der Nähe war. Apra vermisste sie und wir hatten das Gefühl, dass sie beim Anblick der Bilder auch traurig war und nicht verstehen konnte, warum Ammaji nicht mehr bei ihr ist. An diesem Diwali jedoch haben wir ein großes Bild entwickeln lassen und es in Babbajis Zimmer an die Wand gehängt.

Babbaji erzählt, dass er ihr nun mit einem Blick auf das Bild einen guten Morgen und eine gute Nacht wünscht. Ihr Platz auf seinem Bett bleibt leer und wir alle können uns seine Trauer um die Frau, die er liebte und fünfzig Jahre lang an seiner Seite hatte.

All unsere Leben haben sich nach dem 10. Dezember 2012 verändert. Der ganze Ashram hat sich verändert. Die Küche war ihr Reich und das Reich hat seine Königin verloren. Viele unserer Mitarbeiter sind die Gleichen und haben von ihr gelernt, aber wir merken immer wieder, dass die Dinge nicht so glatt laufen, wie sie sollten. Alles geht weiter, aber diese zwei Hände fehlen. Das Essen schmeckt gut, aber Ammajis Liebe fehlt.

Es kann nicht genau so schmecken und so haben die Erinnerungen an ihre liebevolle Zubereitung und den Stolz, wenn sie ein neues Gericht oder eine ihrer Spezialitäten gekocht hat, während dem Essen oft zu Tränen geführt. Gleichzeitig jedoch kochen wir, mischen Gewürze, probieren neue Gerichte aus, denken an ihre Freude in der Küche und stellen uns vor, wie es wäre, wenn sie noch da wäre. Wie sie Ideen hätte und diese in leckere Essensschöpfungen verwandeln würde. Wie sie uns vorschlagen würde, noch etwas mehr vom einen oder anderen Gewürz hinzuzugeben. Wie sie unserer kleinen Apra beibringen würde, wie man Rotis rollt oder das Gemüse umrührt.

Ammajis Gemüsegarten ist mit ihr gegangen. Keiner von uns hat die Geduld oder Hingabe, die sie mit diesem Pflanzen hatte und niemand will dieses kleine, umzäunte Gebiet unseres Gartens betreten, weil wir uns an den Stolz erinnern, mit dem sie Bockshornklee, Spinat, Brokkoli, Blumenkohl, Auberginen und so viel mehr aus dem Garten geerntet hatte.

Da sind noch so viel andere Erinnerungen, Gedanken, Gefühle und Emotionen und das alles läuft auf diese Schlussfolgerung hinaus: wir vermissen unsere Mutter, Frau, Tochter, Schwiegermutter und Großmutter. Doch während wir mit Freuden Apra beim Größerwerden zusehen, dreht sich auch unsere Welt weiter und wir denken jeden Tag mit Liebe an unsere Ammaji.

Ein stiller Trost in Zeiten der Trauer – 7 Jul 13

Nach den Radhashtami-Feierlichkeiten im Jahr 2005 verließ ich Indien wieder, um eine weitere Tour durch Europa zu machen. Ich hatte wieder mehrere Stationen und kam natürlich auch wieder nach Deutschland. Während dieser Reise beschloss ich jedoch, dass ich auch etwas Zeit in Stille, also schweigend verbringen wollte. Das hatte ich auch zuvor bereits getan und für mich war es immer eine schöne Erfahrung.

Ich wollte nicht die ganze Zeit schweigen. Noch nicht einmal ganze Tage lang. Ich wollte eine feste Zeitspanne von mehreren Stunden pro Tag haben, sechs oder acht, das weiß ich nicht mehr genau, während denen ich nicht sprechen würde. Ansonsten würde ich einfach meinem normalen Tagesablauf nachgehen und eben einfach nicht sprechen. Ich erzählte das meinen Organisatoren und obwohl es für sie etwas Neues war, konnten sie verstehen, warum ich das tun wollte. Meine Sinne zurückziehen und nicht viel Energie aufs Sprechen verwenden.

Also blieb ich zu bestimmten Zeiten still und alle akzeptierten das. Es wurde sogar von mehreren Leuten begrüßt und viele, die mich so erlebten, probierten die gleiche Art des Retreats für sich selbst auch aus. Damals kommunizierte ich in auf keinem Wege außer mit den Augen. Ich machte keine Zeichen und ich schrieb auch nicht – das hätte nicht die gewünschte Wirkung gehabt.

Ich weiß nicht, wie es dann an einem Tag wie allen anderen kam, dass ich per Zufall sah, dass an meinem Telefon ein Licht blinkte. Da war eine neue Nachricht gekommen. Ich nahm es in die Hand und las eine traurige SMS: mein Freund seit mehreren Jahren, mein erster deutscher Freund, der Arzt aus Lüneburg erzählte mir in knappen Worten, dass sein Vater verstorben war.

Natürlich war trauerte ich mit meinem Freund. Ich war in Stuttgart, mehrere Hundert Kilometer von ihm entfernt, aber ich wusste, dass ich ihn in einigen Wochen treffen würde, wenn ich wieder nach Lüneburg kommen würde. Für jetzt jedoch wollte ich ihm ein Zeichen meiner Anteilnahme schicken.

Ich schickte ihm eine leere Nachricht zurück.

Mein Freund wusste, dass ich meine Tage im Schweigen verbrachte. Er selbst saß in Trauer vor dem Leichnam seines Vaters, meine Nachricht kam und er sah sie sich an, wahrscheinlich in Erwartung der üblichen Beileidsbekundungen. Leere Zeilen. Stille. Eine Umarmung, Liebe, alles ausgedrückt in einigen leeren Zeilen. Trotz des Ortes und seiner Situation musste er lächeln. ‚So etwas kann auch nur Balendu!‘ dachte er – etwas, das er mir auch heute noch erzählt, wenn wir über diesen Tag sprechen.

Die Iren und der Alkohol – die Bestätigung eines bekannten Vorurteils – 19 Mai 13

Ich habe euch erzählt, dass ich auf meinen Reisen nach Irland, zum Beispiel im Sommer 2005, die Iren im Allgemeinen als fröhliche, glückliche und absolut nicht schüchterne Leute kennen gelernt habe. Ich habe jedoch etwas bemerkt, was man die Bestätigung eines Vorurteils nennen könnte. Eine Klischeevorstellung des typischen Iren ist, dass er trinkt. Viel trinkt.

Als ich dort war, hatte ich viele Einzelsitzungen und viele Leute kamen wie üblich zu mir, um mir von ihren Problemen zu erzählen. Diese verteilen sich normalerweise sehr breit auf alles, was im Leben so passieren kann. Die Leute hatten Beziehungsprobleme, emotionale Unklarheiten, Schmerzen und Krankheiten, geistige Schwierigkeiten, Trauer oder Unruhe, sehnten sich nach innerem Frieden, Stärke oder versuchten, eine Sucht hinter sich zu lassen. In meinen Sitzungen in Irland war ein merklich großer Anteil von Leuten da, deren Probleme auf die eine oder andere Weise mit Alkohol zu tun hatten.

Da war ein Mann, der eine tiefe Depression hatte. Er erzählte mir, dass es alles begonnen hatte, als seine Freundin ihn verlassen hatte. Er war traurig und beschloss, mit einem Freund ein bisschen was zu trinken. Er fühlte sich besser, sei das nun durch den Alkohol oder das Zusammensein mit seinem Freund. Was auch immer ihm geholfen hatte, er probierte es am nächsten Tag nochmal. Der Alkohol schien den Schmerz zu lindern und ließ ihn an andere Dinge denken – oder auch an gar nichts. Er fing langsam an, immer mehr zu trinken und irgendwann fühlte es sich nicht mehr gut an, sondern verursachte Stimmungsschwankungen, schlechte Stimmung und ein allgemeines Unwohlsein. Er machte Suchttherapie und entsagte dem Alkohol – war aber immer noch nicht in stabiler Stimmung.

Eine Frau erzählte mir, dass sie über so lange Zeit hinweg regelmäßig Alkohol getrunken hatte, dass sie nun ernsthafte gesundheitliche Probleme hatte. Sie hatte viel Gewicht zugenommen, was ihrer Beschreibung nach nur vom Alkohol kam, und Ärzte hatten ihr geraten, sofort mit dem Trinken aufzuhören, wenn sie ihre Leber retten wollte. Sie war jedoch süchtig und hatte große Probleme, die Stärke zum Aufhören zu finden.

Ein weiterer Mann erzählte mir unter Tränen, wie viel Trauer der Alkohol in sein Leben gebracht hatte und es war schrecklich, dem Schmerz in seiner Stimme zuzuhören. Einer seiner besten Freunde war mit ihm auf einer Party gewesen und die ganze Gruppe war wie gewöhnlich am Trinken. Er selbst blieb über Nacht, total fertig auf dem Sofa, aber seine Freunde beschlossen, heimzufahren. Es regnete, da war eine Kurve und sie konnten das Auto auf der rutschigen Straße nicht halten. Zwei von ihnen starben. Jahre später ist seine Frau auf dem Weg nach Hause. Ein angetrunkener Fahrer fährt sie an. Sie kam nie wieder zu Hause an.

Trotzdem schienen junge Leute noch mehr zu trinken, als die Generationen vor ihnen, wie die Leute mir erzählten. Komatrinken, den Alkohol in sich hineinschütten, bis sie im Krankenhaus wieder aufwachen. Alkohol, die größte Gefahr auf der Straße und der Grund für die Krankheiten und Trauer der meisten Leute.

Ich war mir dessen nicht bewusst gewesen, dass dieses Bild der Iren so wahr war. Natürlich gibt es auch Leute, die nicht trinken und ich denke mal, dass ich mit meiner Arbeit in der spirituellen Szene viele von ihnen getroffen habe, solche Leute sich ihrer Körper und der schlechten Auswirkungen solcher Drogen bewusster sind. Trotzdem hörte ich jedoch viele, wirklich viele Geschichten und das machte mich traurig.

Ich hoffe, dass nicht nur die Iren, sondern Leute auf der ganzen Welt eines Tages verstehen, dass Alkohol sehr gefährlich ist.