Tagesstätte für dein Kind – und was bleibt dir? – 28 Sep 16

Als Eltern denkt man natürlich immer darüber nach, was für sein Kind das Beste ist. In der Tat ist das das Hauptziel: eine Umgebung für das Kind zu schaffen, die die beste Zukunft garantiert und ihn oder sie glücklich macht. Darüber vergessen viele Leute jedoch, dass diese Kinder ihre Eltern auch körperlich brauchen. Dass sie sie bei sich brauchen!

Heute in Gurgaon sprachen Ramona und ich wieder einmal hierüber. Wir waren für eine Knie-Untersuchung meines Vaters im Krankenhaus. Er hatte im März neue Kniegelenke eingesetzt bekommen und hatte einige Themen, über die er mit dem Arzt sprechen wollte. Wir gehen immer in das große Privatkrankenhaus, in dem auch Apra geboren wurde. Man geht hinein und sieht glückliche Krankenschwestern und Koordinatoren, man spricht mit den Ärzten und hat ein gutes Gefühl damit, dass man sich an sie gewandt hat.

Wir warteten gerade darauf, dass wir an der Reihe waren, da sagte Ramona zu mir: ist es hier in der Stadt nicht schön? Die Leute haben ihre Arbeit, wie hier im Krankenhaus, sie arbeiten ihren Arbeitstag lang und sind glücklich, gehen dann nach Hause und haben ihre Familienzeit. Es fühlt sich an, als hätten sie ein gutes Leben.

Als wir in der Cafeteria saßen – nachdem wir mit dem Arzt gesprochen hatten und er meinem Vater weitere Übungen empfohlen hatte – schauten wir eine Weile lang aus dem Fenster. Neben dem Krankenhaus gibt es einen Kindergarten, den wir nun im Laufe der Jahre haben wachsen sehen. Naben dem Name oben auf dem Gebäude sahen wir ein großes neues Plakat: ‚Offen bis 19:30!‘

Als wir das sahen, fühlten Ramona und ich das Gleiche: wie schade, wenn man sein Kind in einen solchen Kindergarten oder eine solche Kindertagesstätte geben muss. Man weckt das Kind in der Früh auf und macht die Morgen-Routine mit Zähneputzen und Frühstück, aber da ist nicht viel Zeit, schon müssen sie in der Schule sein und du bei der Arbeit. Und dann bist du bis zum Abend um halb acht beschäftigt! Hole dein Kind ab, dann eine Abend-Routine mit Essen und Bettgeschichte – und schon wird geschlafen!

Was hat dein Kind da von dir? Was hast du von deinem Kind? Habt ihr überhaupt Zeit, die ihr miteinander verbringen könnt? Die Tatsache, dass eine solche Tagesstätte gebraucht wird, zeigt mir, dass da etwas falsch läuft! Und das ist ein Teil der riesigen Firmenwelt: der Druck, die Zeit, die man dort verbringen muss und das, was die Kinder dadurch verlieren, dass du nicht für sie da bist und bei ihnen bist.

Ist es nicht schrecklich, dass es so ist? Und deshalb ziehe ich dem das Leben in einer kleinen Stadt wie Vrindavan vor: hier verdienen die Menschen vielleicht etwas weniger Geld. Vielleicht haben wir auch weniger Möglichkeiten, wenn es ums Einkaufen und so geht. Was wir jedoch haben, das ist Zeit für unsere Kinder. Natürlich ist das verallgemeinert. Der Trend geht auch hier in diese Richtung. Es ist wirklich schade…

Was auch immer du tust und wo auch immer du lebst: ich bin immer noch sehr stark der Meinung, das es besser ist, etwas weniger zu verdienen, etwas einfacher zu leben – dafür aber glücklich zu sein!

Warum man in Indien Vierjährige dazu bringt, sich für Nacktheit zu schämen – 5 Jul 16

In den vergangenen Wochen habe ich wieder einmal etwas erlebt, was das letzte Mal ein Thema war, als Apra noch klein war, gerade mal ein paar Wochen alt: die Vorstellung, dass Nacktheit sogar bei Kindern etwas sei, für das man sich schämen müsste. Für mich ist es die absurdeste Idee, einem nackten Kind ‚schäm dich, schäm dich‘ zuzurufen!

Lasst mich das ein bisschen ausführen. Zum ersten Mal stießen wir auf dieses Thema, als Apra noch ganz klein war. Statt sie den ganzen Tag in Windeln zu stecken, krabbelte sie oft nur in ihrem Kleid herum. Die Unterhosen, die mit diesen Kleidchen kam, war für gewöhnlich zu eng für ihre Beine und störte sie – also ließen wir sie weg. Einige Male sahen sie Vorbeilaufende mit großen Augen an und sagten ‚Oh, schäm dich, schäm dich!’ Natürlich reagierte ein Kind im Alter einiger Wochen oder Monate da überhaupt nicht drauf, aber wir schon: wir erklärten immer so ruhig und nett wie möglich, dass an einem nackten Baby nichts war, wofür es sich schämen müsste. Der nackte Körper ist einfach nur natürlich.

Die Leute lernten das und in der Umgebung unseres Ashrams hörte man solche Worte bald gar nicht mehr. Je älter Apra wurde, desto öfter trug sie natürlich alle Kleidungsstücke, aber sie ist immer noch daheim – manchmal geht man daheim nun einmal ohne Kleidung von einem Zimmer ins andere!

Mit der Eröffnung unseres Restaurants haben wir nun viele neue Leute bei uns. Unsere neuen Angestellten kennen uns noch nicht so gut und so geschah es neulich wieder: wir hatten in der Früh geduscht und da die meisten von Apras Klamotten im Schrank bei meinem Vater sind, kam sie mit nichts als ihren Schlappen aus unserem Zimmer. Wir waren gerade auf dem Weg zum Zimmer meines Vaters, als ein Mitarbeiter die bekannten Worte sagte: ‚Ooooh, Apra, schäm dich, schäm dich!‘

Wir hielten an uns drehten uns um, wobei wir gleich zu unserer Erklärung ansetzen: Nacktheit ist nichts schamvolles! Wenn du findest, dass sich ein vierjähriges Mädchen dafür schämen sollte, dass sie nackt in ihrem eigenen Haus von einem Zimmer ins andere läuft, ist bei dir etwas falsch, nicht bei ihr! Wir Erwachsenen laufen aufgrund unserer kulturellen Konditionierung, unserem Moralsinn, Schamgefühl und so weiter nicht nackt rum, aber in Wahrheit gibt es nichts Natürlicheres als einen nackten Körper! Was du in meiner Tochter hervorbringen willst, ist etwas, was ich nicht will, dass sie lernt! Du sprichst von Schamgefühl zu einem Kind, das dieses Konzept noch gar nicht begreifen kann!

Wenn überhaupt, würde sie gerne nackt herumlaufen, weil es sich gut anfühlt oder eben, weil du ihr sagst, dass sie das nicht tun sollte. Es ist etwas, was man normalerweise nicht macht – also würde sie es extra und absichtlich machen, weil du ihr das beibringst. Ohne diese Art von Worten würde sie einfach üblicherweise Kleidung tragen, weil das jeder macht – ohne sich schrecklich zu fühlen, wenn sie mal nackt ist!

Langsam bekommen auch unsere neuen Mitarbeiter mit, dass wir etwas anders denken. Dass wir uns nicht so sehr an indischen Moralvorstellungen orientieren. Sie werden lernen, solche Dinge nicht zu sagen, selbst wenn sie unsere Gründe nicht verstehen oder ihnen nicht zustimmen.

Doch es bringt einen dazu, darüber nachzudenken, was wir unseren Kinder über unsere Körper beibringen – Scham- und Schuldgefühle. Ändere etwas. Bringe ihnen bei, sich selbst zu akzeptieren und natürlicher zu leben. Das wird ihnen im Leben sehr helfen!

Wenn Apra Spaß hat… – 18 Jun 16

Ich sehe fast täglich den Beweis, dass Apra meine Tochter ist – wenn Eltern ihren Kindern Schalk und die Neigung dazu Unsinn zu machen vererben! Gestern machte sie wieder etwas, was wir ihr sagten, dass sie es in Zukunft besser sein lassen sollte, worüber wir jedoch noch eine lange Zeit lang lachen werden!

Wir hatten Apra am Abend als es draußen dunkel wurde geduscht, weil sie draußen gespielt und geschwitzt hatte und eine Dusche eben brauchte. Als wir in Richtung Restaurant gingen, wollte Apra mit den anderen Kindern auf unserem Spielplatz spielen. Wir hatten dort mehr Sand aufgeschüttet, der immer noch in Hügeln an der Seite lag. Ramona stimmte zu, dass Apra spielen ging, aber unter einer Bedingung: dass sie sich nur die Füße dreckig macht, weil sie gerade geduscht hatte!

Wie zu erwarten war, kam Apra eineinhalb Stunden später ins Restaurant, glücklich lächelnd und von Kopf bis Fuß voller Sand! Im Haar, an den Armen bis zu den Schultern hoch und natürlich auch in ihrer Kleidung. Naja, seufzte Ramona, redete kurz mit ihr über die ‚nur die Füße‘-Regel von zuvor und wollte die nächste Runde Richtung Badezimmer antreten, als sie merkte: Apra trug keine Schuhe.

“Wo hast du denn deine Schuhe vergessen?“ wollte Ramona wissen. Sie bekam einen Schwenker mit der Hand in Richtung Spielplatz. Also ging es ab zum Spielplatz, wo Ramona die Schuhe ordentlich neben der Schaukel aufgestellt erwartete. Oder vielleicht nicht ganz so ordentlich, aber doch zumindest im Licht der Abenddämmerung erkenntlich. Sie erwartete auf jeden Fall nicht, dass sie gar nichts finden würde, keine Spur von Apras pinken Sandalen! „Wo sind denn nun die Schuhe?“ fragte sie unsere Vierjährige noch einmal, die sich direkt an die Arbeit machte: sie tauchte mit beiden Armen in den nächstgelegenen Sandhügel ein und begann dort zu graben!

“Wir haben sie irgendwo hier reingesteckt!“ erklärte Apra! Natürlich konnte sie sich nicht mehr erinnern, wo genau sie ihre Schuhe vergraben hatte!

Ramona gab auf und sagte ihr, dass wir in der Früh und im Tageslicht suchen würden – und natürlich erwähnte sie auch, dass das nicht der richtige Ort dafür war, ihre Fußbekleidung aufzubewahren… aber sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen!

Wir anderen auch nicht und so erinnerte ich mich an so viele Geschichten von mir, als ich so alt wir wie sie oder ein bisschen älter. Ja, so sollte Kindheit aussehen!

Inder schlagen ihre Kinder in der Öffentlichkeit – und haben keinerlei Schuldgefühle! – 8 Jun 16

In unserem Restaurant werden wir immer wieder Zeugen von etwas, gegen das wir nun schon viele Jahre lang arbeiten: häusliche Gewalt gegen Kinder. Leider ist das hier in Indien so üblich, dass kein Tag vergeht, an dem wir nicht sehen, wie ein Kind geschlagen wird oder ihm zumindest mit Schlägen gedroht wird. Mitten im Restaurant, wo es jeder sehen und hören kann. Ohne Scham oder Schuldgefühle. Es ist ganz normal.

Ich wusste das. Ich habe es schon immer gewusst, weil ich hier aufgewachsen bin. Für Ramona war es schockierend, wenn es auch im Laufe der Zeit erst so klar wurde. In den vergangenen Jahren, war das eher ein Thema, das wir in Schulen sahen. Klar: wir hatten Patenschaften für Kinder in anderen Schulen übernommen und körperliche Züchtigung, Gewalt, war eines der Probleme, die wir dort sahen. Wir eröffneten unsere eigene Schule und brachten unseren Lehrern bei, wie sie ohne Gewalt unterrichten. Es ist ein endloses Thema, weil man diese Gespräche, Workshops und Stunden mit neuen Lehrern immer wieder wiederholen muss! Es war ein direkter Austausch mit Lehrern, nicht so sehr mit Eltern – obwohl wir natürlich auch das sahen!

Mit Apras Geburt und in den Jahren, die folgten, wurden wir sehr stark daran erinnert, dass das auch in den Häusern und Familien ein Problem ist. Die Kinder von Angestellten im Ashram wurden geschlagen – und wir stellten uns dagegen. Wir schafften Regeln für Angestellte. Sie durften in unserem Ashram keine Gewalt und keine gewalttätige Sprache verwenden. Das war unsere kleine Welt hier, in der wir lebten.

Nun, mit der Eröffnung des Restaurants, ist die Außenwelt zu uns gekommen und dieser Aspekt davon ist etwas, was uns nicht gefällt. Etwas, was uns sogar sehr missfällt – was wir jedoch nicht ändern können, außer in unserer eigenen Umgebung.

Das sind kleine Kinder, die einfach nur hungrig sind, darauf warten, dass ihre Eltern endlich bestellen und dass dann das Essen kommt. Sie werden ungeduldig, können nicht stillsitzen und spielen mit dem Besteck, den Servietten und dem Geschirr. Manchmal gibt es nur die Drohung: ‚Hör jetzt auf oder es setzt was!‘, ‚Mach weiter und es hagelt Ohrfeigen!‘ und so weiter. Viel öfter sehen wir gleich die Handlung: eine Ohrfeige, ein Schlag auf die Hände, auf den Hintern. Und dann geht das Gespräch einfach weiter.

Es ist auch für alle um sie herum einfach nur normal. Nur wir sitzen da mit dem Gefühl, dass wir widersprechen wollen, dass wir einspringen und das Kind beschützen wollen. Mit dem Bedürfnis ihnen zu sagen, so etwas in unserem Restaurant nicht zu tun. Am Ende jedoch sind wir diejenigen, die hier seltsam erscheinen. Diejenigen, die es anders machen.

Schließlich sind unsere Gäste gebildete Menschen. Während die Eltern unserer Schulkinder daher kommen, was die Gesellschaft ‚untere Schicht‘ nennen würde, sprechen wir hier von der höheren Mittel- und der oberen Klasse.

Das, meine lieben Leser, ist Kultur. Es ist einer der dunkleren Aspekte unserer Kultur. Ich hoffe, das wird eines Tages verschwinden. Wir werden sowieso weiter dagegen kämpfen und hoffen nur, dass andere dem folgen, so dass wir den Tag noch erleben, an dem in unserem Restaurant kein Kind geschlagen wird!

Apras Fantasie erschafft ganze Welten – 20 Mai 16

Heute möchte ich euch von zwei Namen erzählen, die ich in letzter Zeit viel aus dem Mund meiner vierjährigen Tochter Apra gehört habe: Elsa und Rosa. Oh, die Eltern unter euch halten beim Lesen inne? Ja, ich spreche hier von Elsa, die Eiskönigin aus dem Disney-Film und auch von ihrer Schwester, nur, dass sie bei uns daheim Rosa heißt. Ich sage euch warum.

Um das zu verstehen, müsst ihr wissen, dass Apra noch keine Disney-Filme gesehen hat. In Indien sind sie zum Einen nicht so bekannt wie im Westen, mehr als das jedoch ist der Grund, dass wir nicht fernsehen und das Gefühl haben, dass sie noch zu klein für solche Filme ist. Es gibt da Elemente, die ihr unnötig Angst einjagen würden und welche sie in ihrem Alter auch einfach nicht verstehen würde.

Sie hat jedoch einige der Lieder gehört und auch gesehen, da viele von ihnen wirklich schön sind, eine Botschaft haben und leicht ins Ohr gehen. Apra sieht den Frauen und Mädchen, den ‚Disney-Prinzessinnen‘ gerne beim Singen zu – und so hat sie auch Elsa gesehen. Ramona hat gehört, dass diese Figur recht beliebt geworden ist, doch da weder sie noch Apra die Geschichte kannten, dichteten sie sich einfach ihre eigene Geschichte rund um Elsa und ihre Schwester.

Im Film heißt diese Schwester Anna, doch Apra hat ihr den Namen Rosa gegeben. Sie hat ihre eigene Geschichte um diese zwei Figuren erschaffen, wollte sie erst verheiraten – wozu ihre Mutter nein sagte, da man unter Schwestern nicht heiratet – und hat ihnen schließlich einen Prinz gegeben, unter der Bedingung, dass sie ihn teilen!

Natürlich sah Apra auch die zauberhaften Elemente des Videoclips und spann jede Menge Geschichten darum, wie Elsa mit ihren Händen zaubern konnte! Lange spielten wir, dass sie Dinge zu Eis erstarren lassen konnte und sie dachte sich aus, wie Elsa es auch Rosa ermöglichte zu zaubern: indem sie ihr einen Zauberstab gab, den sie selbst verzaubert hatte.

Schließlich brachte Eva Apra ein Buch mit der Geschichte des Disney-Films mit und Ramona musste es ihr eine Weile lang täglich vorlesen. Also kennt sie jetzt die Geschichte – doch das hält sie nicht davon ab, sich selbst zusätzliche Elemente auszudenken und Teile der Geschichte auszulassen, die ihr nicht gefallen!

Damit bleibt es spannend – und wir werden sicher noch viel von Elsa und Rosa hören!

Wie sich ein Kind über die Scheibenwischer eines Autos freuen kann! – 17 Mai 16

Als wir in Augsburg im Auto saßen, sah ich ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr Apra sich über die kleinen Dinge im Leben freuen kann. Es begann zu regnen, etwas, worüber man sich ja nicht üblicherweise freut. Für Apra war es jedoch Unterhaltung für die ganze Autofahrten von und zum Einkaufszentrum!

Sie saß in ihrem Autositz und begann plötzlich laut zu lachen, wobei sie auf die Windschutzscheibe deutete. Ramona fragte und versuchte von Apras Sichtpunkt aus rauszusehen, um zu verstehen, was sie draußen gesehen hatte, konnte aber nichts erkennen. Als Apra sich ein wenig beruhigt hatte, konnte sie schließlich unter Kichern erklären, was so lustig war: ihr Großvater wischte mit dem Scheibenwischer den Regen weg, aber dieser tropfte gleich wieder auf das Auto!

Sie sah Ramona an und sagte ‘Wäre es nicht lustig, wenn jedes Fenster im Auto so etwas hätte?‘ Ramona antwortete, dass nur die Windschutzscheibe und die Rückscheibe Scheibenwischer hatten – woraufhin Apra sich herumdrehte und darauf wartete, dass das Gleiche auch auf der Rückseite passierte!

Wieder drehte sich Apra zu Ramona und sagte ‘Es wäre doch lustig, wenn jedes Auto solche hätte!‘ Wir lächelten sie an: ‚JEDES Auto hat solche!‘ und sie war total überrascht: ‚Auch in Indien?‘ Als wir bestätigten, dass jedes Auto auch in Indien solche hatte und ja, auch unser Auto über Scheibenwischer an der Windschutzscheibe und an der Rückscheibe verfügte, war sie außer sich vor Freude!

Sie verbrachte die restliche Zeit damit, den Scheibenwischern vorne und hinten und den Regentropfen auf ihrer eigenen Scheibe zuzusehen. Das war wieder so herrlich aufregend für sie: ‚OH, SCHAU! Der große Regentropfen isst alle anderen auf! Da! Da sind sie verschwunden!’

Natürlich, sie hatte in einem Auto in Vrindavan noch keinen Regen gesehen. Wir haben nicht viel Regen und wenn es regnet sitzen wir nicht oft auch noch zufällig im Auto. Der Regen machte diese Fahrt zu einem tollen Abenteuer und wir erfreuten uns an ihrer Freude über diese kleine Sache.

Die Freuden eines Kindes: die einfachen Dinge! – 16 Mai 16

Es gibt Sprichwörter und beliebte Redewendungen, die den Wunsch ausdrücken, wieder wie ein Kind zu sein oder dass Kinder das Rezept zum Glücklich-Sein kennen. In der letzten Woche, mit Apra in Deutschland, habe ich mehrere Beispiele von Situationen erlebt, in denen diese Redewendungen lebendig geworden sind! Die Fähigkeit, sich über Dinge, die so klein erscheinen, so mächtig zu freuen, ist einfach nur herrlich!

Als wir Pavan und seine Familie letzten Sonntag bei ihnen daheim besuchten, saßen wir zum Abendessen und danach in ihrem schönen Garten. Sie wohnen in Mainz und wenn das Wetter gut ist – so wie letzte Woche – fliegen die Flugzeuge, die in Frankfurt landen wollen, so ziemlich über ihr Grundstück. Sie erwähnten, dass sie im Sommer leider oft die Nebenwirkungen hiervon erlebten: den Fluglärm! Apra jedoch machte das überhaupt nichts aus!

In Vrindavan sind wir weit weg von jeglichen Flugrouten, so dass alle Kinder aufgeregt rausrennen, wenn irgendwann doch einmal eines drüberfliegt. Sie zeigen darauf, hüpfen vor Aufregung und schreien laut, damit auch keiner es verpasst. Am öftesten ist es eigentlich ein Hubschrauber, aber das macht ihnen überhaupt nichts aus! Apra machte so ziemlich das Gleiche: jedes Mal, wenn sie ein Flugzeug sah, rief sie ‚MA! PA! EIN FLUGZEUG!‘

Frankfurt ist ein sehr viel angeflogener Flughafen und Apra wurde nicht müde, das immer wieder zu tun. Im Laufe der drei Stunden oder so, die wir dort verbrachten, hatte sie also sehr oft Gelegenheit, das zu rufen!

Ist es nicht herrlich, diese Freude über etwas zu sehen, was einem selbst eigentlich egal ist, nein, was einen eigentlich sogar nervt? Darum beneiden Menschen Kinder um diese Fähigkeit! Kinder leben wirklich im Augenblick, in der Gegenwart und erleben die Freuden des Augenblicks viel aktiver als wir, weil wir mit unseren Gedanken die ganze Zeit in der Zukunft oder der Vergangenheit leben! Kinder denken noch nicht so weit in jegliche Richtung – was bedeutet, dass sie den Augenblick und das, was jetzt gerade geschieht, einfach nur genießen können!

Dazu kommt, dass Kinder natürlich noch nicht so viel erlebt haben! An einem Tag gibt es Hunderte neue Dinge für kleine Kinder, während wir das Gefühl haben, dass immer alles gleich ist. Selbst Dinge oder Ereignisse, die sich wiederholen, können für Kinder spannend sein, einfach nur aufgrund der Tatsache, dass sie sich nun weiter entwickelt haben und diese auf einer anderen Ebene wertschätzen können! Sie können sie besser verstehen und sind deshalb auch aufgeregter!

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir diese Freude nicht spüren können! Es mag schwierig sein, sich genau wie Apra über das hundertste Flugzeug über unseren Köpfen zu freuen, aber wir können zumindest die Tatsache bewundern, dass es Flugzeuge gibt! Dass wir Tausende Kilometer um den Erdball fliegen können, um beieinander zu sein! Das wir dazu in der Lage sind, jemanden auf der anderen Seite des Planeten zu besuchen und alle Kontinente zu besuchen! Dass diese Maschine uns hilft, einen Traum zu verwirklichen, den Millionen Menschen hatten, bevor Flugzeuge erfunden waren: wir können fliegen!

Ich denke oft, es ist nur eine Frage unserer Einstellung und eine Entscheidung, glücklich und fröhlich zu sein wie ein Kind!

Können Männer Babys haben? Warum nicht? – Fragen einer Vierjährigen – 8 Mär 16

Gestern habe ich euch erzählt, wie fasziniert Apra von der Tatsache war, dass wir Freunde, Paare, haben, die zwar zusammen sind, aber nicht verheiratet. Sie ist mindestens genauso fasziniert von der Vorstellung, dass Frauen Babys bekommen können!

Schon lange weiß Apra, dass sie aus Ramonas Bauch gekommen ist. Wir haben ihr die Geschichte erzählt, wie sie im Bauch wir, wie wir ins Krankenhaus gegangen sind und die Ärzte den Bauch ihrer Ma aufgeschnitten haben und sie herausgeholt haben. Wir erzählen ihr, wie sehr wir uns auf sie freuten und wie schön es war, sie endlich zu sehen. Bis vor Kurzem ging es da einzig und allein um sie, da sie damit beschäftigt war, mehr über ihre eigene Identität zu lernen. Jetzt jedoch wird sie älter, weiß viel mehr über sich selbst und will mehr über die Welt um sich herum erfahren. Und dazu gehören natürlich auch Babys anderer Leute!

Also fragte sie Ramona ob nur Frauen Babys bekommen. Könnten denn nicht auch Männer Babys bekommen? Und warum denn nicht? Die nächste Frage war, wie viele Babys denn in einer Mutter sein könnten. Zwillinge, Drillinge, Vierlinge… es dauerte eine Weile bis sie verstand, dass dann all diese Kinder auch gleich alt sein würden und nicht, dass alle Geschwister Zwillinge oder Drillinge genannt werden!

Nun freut sie sich, wann auch immer sie eine schwangere Frau sieht. Sie ruft Ramona oder mich aufgeregt, zeigt uns die schwangere Frau und erklärt uns, dass diese bald ein Baby bekommen würde. Dann stellt sie für gewöhnlich weitere Fragen, die wir normalerweise nicht beantworten können: wann wird das Baby rauskommen? Wie viele Babys sind da drin?

Als wir neulich für eine von Monikas Untersuchungen im Krankenhaus waren, sah sie eine schwangere Ärztin, deren Arztkittel noch gerade so über ihrem Bauch zuging. Apra wurde so aufgeregt, dass sie sich nur mit Mühe beherrschte, Ramona nicht am Shirt zu der Frau zu ziehen: ‚Schau mal, Ma, eine Frau Doktor, die ein Baby bekommt! Sie hat ein Baby im Bauch!‘ Natürlich gingen ihre Gedanken noch weiter und eine Frage folgte: ‚Wer hilft ihr denn dann, das Baby rauszuholen?‘ Oh, eine andere Ärztin natürlich – und sie war die Chefärztin der zahnmedizinischen Abteilung des Krankenhauses, also gehört Geburtshilfe wahrscheinlich sowieso nicht zu ihren alltäglichen Aufgaben…

Ich liebe ihre Neugier, selbst wenn es manchmal ein bisschen viel des nie-enden-wollenden ‚Warum?‘ und ‚Warum nicht?‘ ist. Es hilft ihr mehr Wissen anzuhäufen, die Welt besser zu verstehen und eine bessere Vorstellung des Lebens zu bekommen! Eine neues, vierjähriges Wesen auf dieser Welt will besser verstehen, wie das Leben funktioniert, wie es beginnt – ist das nicht wunderschön?

Warum denken Inder, dass Kinder vor ihren Eltern Angst haben müssen? – 8 Dez 15

Die Kinder unserer Schule haben mit ihren Halbjahres-Prüfungen begonnen. Sie sind am Lernen, aufgeregt, alles richtig zu machen und freuen sich auf nächste Woche, wenn alle Prüfungen vorbei sind. Während Ramona Pranshu, einem der Jungen, die in unserem Ashram leben, beim Lernen für eine Prüfung half, blätterte sie durch sein Heft und fand eine Frage, von der sie erst gar nicht glauben konnte, dass sie in einem Schulbuch stand: ‚Vor wem hast du daheim am meisten Angst?‘

Es war eine Frage im Fach ‚Moral Values‘, also ‚Moralische Werte‘. Das ist ein Fach, das wir im Allgemeinen für unsere Kinder als hilfreich und wichtig ansehen. Es gibt ihnen die grundlegenden Vorstellungen davon, wie wir miteinander, unserer Umgebung und uns selbst umgehen sollten. Da gibt es Kapitel darüber, dass man höflich und respektvoll sein soll, andere dazu, dass man jedermanns Arbeit wertschätzen sollte und darüber, wie man Konflikte im Klassenzimmer löst. Das einzige Problem mit diesem Fach ist, dass das Buch und auch der Lehrer unvermeidlich eine subjektive Ansicht zu diesem Thema haben – und das mag nicht immer eine sein, der ich zustimmen würde.

In diesem Fall war es das Buch, das in einem Kapitel erklärte, dass jeder daheim wichtig ist. Die Großeltern, die Geschichten aus ihrer Zeit erzählen konnten, die Eltern, von denen einer oder beide zur Arbeit gehen, um Geld zu verdienen und auch die Kinder, die im Haushalt und den älteren Haushaltsmitgliedern helfen. So weit, so gut. Doch dann waren da noch Fragen, auf die die Kinder ihre eigene Situation erklären sollten: Wie viele Mitglieder hat deine Familie? Wer macht die Hausarbeit daheim?

Und ‘Vor wem hast du daheim die meiste Angst?’

Es zeigt sehr deutlich, dass das, was ich über die Situation in den Familien Indiens geschrieben habe, wahr ist: es herrschen Gewalt und Angst. Eltern denken, dass ihre Kinder nur auf sie hören, wenn sie Angst haben. Sie müssen Angst haben, um Anstand zu lernen und sich zu benehmen. Sie werden geschlagen, wenn sie das nicht tun. Und was wäre die Standard-Antwort auf diese Frage? Natürlich: vor dem Vater.

Den ganzen Tag lang drohen Mütter, Tanten und Großeltern den Kindern des Hauses: warte nur, bis dein Vater heimkommt! Oder ‚Das werde ich deinem Vater erzählen!‘ mit dem Versprechen, körperlich dafür bestraft zu werden.

Wie sollte ein Vater jemals eine gesunde Beziehung zu seinen Kindern aufbauen? Er ist den ganzen Tag nicht da, arbeitet hart, um Geld zu verdienen und wenn er heimkommt, erwartet man von ihm, die Strafen des Tages auszuführen! Was schafft man damit im Kopf des Kindes?

Als Vater finde ich das schrecklich und in meiner Familie würde niemand auch nur auf die Idee kommen, so etwas zu meiner Tochter zu sagen. Angst ist hier kein Erziehungs-Konzept – aber leider ist es das für viele indische Familien und dadurch auch in Schulen.

In unserer Schule jedoch haben wir nun sichergestellt, dass diese Frage aus dem Schulbuch gestrichen wurde und dass die Lehrer auch wissen warum: Kinder sollten keine Angst haben. Ihr Zuhause und ihre Schule sind sichere Umgebungen und ihre Eltern sowie ihre Lehrer sind diejenigen, die sie lieben und sie glücklich sehen wollen.

Weinende Kinder in deinem Flug? Was tun – und was nicht! – 17 Nov 15

Nachdem ich am Freitag 7 Stunden lang in einem Flugzeug gesessen waren, würde ich euch heute gerne eines bitten: wenn ihr jemals in einem Flug neben oder in der Nähe eines weinenden Babys sitzt, versucht bitte, den Druck auf die Eltern nicht noch zu erhöhen!

Ich sage das nicht, weil Apra so viel geweint hätte. Oh nein, wie ich ja schon erzählt habe, hat sie fast den ganzen Flug lang geschlafen! Es war jedoch ein Flug mit jeder Menge Kinder. Es gab viele leere Sitze, wahrscheinlich weil es nur zwei Tage nach der Hauptfeier von Diwali war. Nur ein paar Leute flogen bereits von Indien zurück und mehrere von ihnen waren offensichtlich Familien mit kleinen Kindern!

Wir hatten etwa fünf Kinder in unserer unmittelbaren Umgebung und wir hörten noch ein paar mehr von hinter uns. Jeder, der jemals in einem Flug mit mehreren Kleinkindern gewesen ist, weiß, dass es immer mindestens eines gibt, das nicht völlig glücklich darüber ist, in einem Flugzeug zu sitzen. Das Kind drückt sein oder Missfallen durch lautes Schreien und Klagen aus – sehr zur Freude der Mitreisenden, die verzweifelt zu schlafen versuchen.

Man sieht immer die unterschiedlichen Reaktionen der Leute in der Umgebung: da gibt es diejenigen, die die zusätzliche Lautstärke einfach ignorieren und ihre eigene Sache machen, wobei sie sich nicht um das Geschrei neben ihnen kümmern. Manchmal denke ich, Mamis und Papis mögen diese Leute am Liebsten.

Da gibt es noch eine weitere Art der Reaktion, die normalerweise auch willkommen geheißen wird: der Fremde, der versucht, das Kind von dem, was da nicht zu stimmen scheint, abzulenken. Das funktioniert manchmal, aber bei anderen Gelegenheiten ist das Problem bereits zu weit fortgeschritten, die Irritation schon zu groß und jeder Versuch macht die Dinge eigentlich noch schlimmer. Viele Eltern würden sich jedoch über die Bemühung freuen, also nur mal los!

Dann ist da noch die dritte Person und ich möchte euch bitten, nicht derjenige zu sein! Der, der ganz sichtbar genervt ist. Hör zu, ich weiß ja, dass du müde bist, dass du weder schlafen kannst, noch in Ruhe das Unterhaltungsprogramm genießen kannst. Das könnte keiner von uns. Übrigens auch nicht die Eltern. Sie sind sich der Unannehmlichkeiten bewusst, die die Lautstärke des Babygeschreis verursacht und sie tun ihr Bestes. Es wird jedoch nicht besser, wenn du ihnen wütende Blicke zuwirfst, übermäßig laut seufzt oder wütende Kommentare abgibst!

Im Gegenteil, das Einzige, was man erreicht, ist, dass ein Elternteil nervös wird, der andere genervt und man Ihnen beiden noch mehr Stress verschafft, was wiederum dazu führt, dass das Kind noch mehr weint und schreit. Kinder spüren genau, wenn ihre Eltern aus dem Gleichgewicht geraten und das macht sie unsicher und macht ihnen Angst – was bedeutet, dass du das Schreien mit deinen Handlungen eigentlich nur noch verschlimmerst!

Also bitte erkenne, dass diese kleine Wesen wahrscheinlich übermüdet ist, eingeschüchtert von den vielen Leuten um euch herum, die lauten Geräusche und die anderen Umstände. Er oder sie hat wahrscheinlich Probleme mit Druck auf den Ohren und versteht vielleicht einfach nicht, warum Mama und Papa an diesen schrecklichen Ort wollten, wenn sie doch auch alle zusammen daheim im Bett kuscheln könnten!

Jeder weiß, dass das für einen so kleinen Menschen keine ideale Situation ist. Alle Eltern sind mehr als glücklich, wenn ihre Kinder keine Tobanfälle oder Weinkrämpfe bekommen, während sie mit Hunderten anderen Leuten auf kleinem Raum sind. Also lasst uns doch einfach nett zueinander sein, einander etwas besser verstehen und entspannen. Ich sage euch – die Kinder spüren das und entspannen sich auch! So wird es ein sanfterer Flug für uns alle. Lehnt euch zurück, entspannt euch, vergesst den Lärm und genießt das Leben mit all seinen Abenteuern!