Als ich gewarnt wurde, dass ich neben einem ‘Unberührbaren’ gesessen war – 4 Oct 15

Heute möchte ich gerne über einen Vorfall schreiben, der sich vor Kurzem hier ereignet hat und der wieder einmal zeigt, wie tief das Kastensystem in der indischen Gesellschaft verankert ist. Leider ist es immer noch sehr präsent und selbst das Konzept, dass einige Menschen ‚unberührbar‘ sein können ist auch in den Köpfen vieler Menschen noch ganz normal!

Vor ein paar Wochen saß ich auf unserem Sofa und unterhielt mich mit dem Mann, der die Schultoiletten putzt. Er hatte gerade seine Nichte in unserer Schule eingeschrieben und ich sprach mit ihm über das Mädchen.

Während wir uns noch unterhielten, kam ein weiterer Mann in die Haupthalle des Ashrams. Er war ein Ladenbesitzer aus der Stadt, der gekommen war, um etwas auszuliefern. Mein Gesprächspartner stand auf und ging und so wendete ich mich zu dem Neuankömmling. Ich bat ihn, sich hinzusetzen und wollte gerade Yashendu holen gehen, damit er sich darum kümmern würde, als der Mann sich zu mir herlehnte und mir mit halblauter Stimme sagte, als wäre es wichtige, halb-geheime Information: ‚Das wusstest du sicher nicht, aber er‘ und dabei deutete er auf unseren Mitarbeiter ‚ist aus der niedrigsten Kaste!‘

Ich weiß genau, dass er erwartet hatte, mich geschockt zu sehen. Vielleicht sogar angeekelt, da ich mit diesem Mann auf einer Couch gesessen war, Seite an Seite, wie ich es auch mit ihm tun würde. Natürlich reagierte ich nicht so! Ich wusste genau, mit wem ich geredet hatte und es war mir herzlich egal, aus welcher Kaste er kam!

‘Oh, er?’ antwortete ich. ‚Er arbeitet jetzt schon seit Jahren hier, er ist sehr nett!‘ Und mit diesen Worten ging ich schließlich davon, um Yashendu zu holen.

Nun war es an der Reihe unseres Besuchers, schockiert zu sein! Ich konnte sehen, wie schwierig für ihn die Erkenntnis war, dass ich genau wusste, dass diese Person in seinen Augen ‚unberührbar‘ war und dass ich trotzdem neben ihm gesessen war.

Leider ist eine solche Reaktion hier nicht unüblich. Leider hätten sich die meisten Menschen nicht neben diesen Mann auf ein Sofa gesetzt, wenn sie gewusst hätten, aus welcher Familie er ist und welche Arbeit er machte. Leider hätte dieser Mann es in anderen Häusern, in denen er Toiletten saubermacht, nicht gewagt, sich auf einen Stuhl oder eine Couch zu setzen, um ein Gespräch zu führen. Er wäre nicht dazu aufgefordert worden und es wäre definitiv nicht gerne gesehen.

Ramona erzählt das regelmäßig Gästen, die den Ashram und die Schule besuchen. Alle sind schockiert, wenn sie hören, dass es immer noch so üblich ist, dass ein Mensch den anderen als ‚Unberührbar‘ ansieht. Dieser Vorfall jedoch macht es wieder einmal so deutlich, dass wir mehr Orte wie unsere Schule brauchen, wo alle, egal welcher Kaste sie angehören, zusammen essen und wo wir den Kindern beibringen, dass jeder Mensch dem anderen gleichwertig ist!

Wie unsere Schule am praktischen Beispiel Gleichberechtigung vermittelt – 24 Aug 15

Jeder, der schon einmal hier war, weiß über unsere Schule Bescheid. Die große Mehrheit dieser Besucher hat auch mit uns eine Führung durch die Schule gemacht und von den grundlegenden Prinzipien unserer Schule erfahren: Gewaltlosigkeit und Gleichwertigkeit.

Ja, unsere Schule basiert auf Gleichwertigkeit und das alles begann mit der Vorstellung, dass die Kinder wirklich alle gleich sein sollten, egal, wie arm sie waren. Dieser Gedanke ging jedoch noch weiter: wir machten auch nie einen Unterschied zwischen den Kasten, etwas, was in vielen Schulen und in ganz Indien immer noch sehr stark geschieht! Und wir machen auch keinen Unterschied aufgrund von Religion.

Ja, wir haben Priester, hohe Brahmanen in unserer Schule, aber auch Kinder der ‚unberührbaren Kaste‘. Wir haben Hindu Kinder in unserer Schule und genauso auch Moslems.

Armut macht keinen Halt vor unterschiedlichen Religionen oder Kasten! Wir verweigern keinen Kindern aus religiösen Familien den Schulplatz, weil wir mit ihren Ansichten nicht übereinstimmen! Wir geben all diesen Kindern, die aus völlig religiösen Familien kommen, eine Schulbildung. Sie wachsen in ihrer Familie in der Umgebung einer scheinheiligen Religion auf und bringen natürlich all diese Gedanken auch mit in die Schule. Egal jedoch was daheim ihr Glaube ist, die Eltern haben finanzielle Schwierigkeiten ihre Kinder zur Schule zu schicken – und das ist es, was für uns zählt.

Hier also lernen sie vor allem eines: dass sie alle gleich sind. Sie sitzen alle nebeneinander und essen miteinander, egal, aus welcher Kaste sie sind und welcher Religion sie angehören. Sie spielen miteinander und laufen von der Schule gemeinsam nach Hause. Wenn dieser Same in der Schule in ihr Herz gelangt, werden sie irgendwann in der Lage sein, anders zu denken als sie es daheim gelernt haben.

Wir haben nun begonnen, uns jeden Samstag mit den größeren Kindern zusammen zu setzen und mit ihnen über verschiedene Themen zu sprechen – Atheismus natürlich, aber auch das Kastensystem, Aberglaube, Geschlechterrollen, Schönheitsideale und mehr.

Wir hatten das Thema ‘Kasten’ letzte Woche und die Kinder erzählten von sich daheim, wie ihre Eltern ihnen verbieten, mit den Kindern der niedrigsten Kaste zu spielen. Wie sie sich trotzdem rausschleichen, um zu spielen – weil sie so einen Unterschied nicht kennen.

Kinder haben ein begrenztes Verständnis dieses Kastensystems, weil es eine unlogische Trennung der Menschen in Gruppen darstellt, die einfach keinen Sinn macht. Mit ständigem Input werden sie sich eines Tages wie ihre Eltern verhalten und einander diskriminieren. Wir hoffen, dass wir für ihre Zukunft etwas verändern können.

Nein, eigentlich hoffen wir nicht nur, wir glauben stark, dass wir das auch werden! Eines Tages werden diese Kinder einander treffen und sich an ihre Zeit in der Grundschule erinnern. Sie werden wieder an einem Tisch sitzen, lachen und witzeln, sich daran erinnern, wie sie bereits als kleine Kinder miteinander aßen!

Vielleicht setzen sie sich eines Tages gegen diese Ungerechtigkeit füreinander ein. Vielleicht gehen sie mit ihren eigenen Kindern anders um. Auf jeden Fall haben sie hier, an unserer Schule, dann Gleichberechtigung erlebt, und das wird einen Unterschied bewirken!

Die Toleranz endet, wenn die Familie an Unberührbarkeit glaubt – 24 Dez 14

Gestern habe ich die Situation vieler junger Inder beschrieben: sie sind fortschrittlich und haben moderne Gedanken, während ihre Familien immer noch in diesen Traditionen und Ritualen feststecken, die sie nicht mehr mögen. Sie schämen sich und versuchen, Treffen zwischen Freunden und Familie zu vermeiden. Gestern sagte ich, man solle tolerant sein und einen Weg finden, wie man zusammen friedlich und liebevoll umgehen kann. Es gibt jedoch einige Situationen, in denen auch ich glaube, dass das nicht möglich ist. Situationen, in denen ich keine Toleranz mehr hätte und in denen ich jedem raten würde, auf ihrem Standpunkt zu verharren und kein bisschen abzurücken!

Probleme wie diese begrenzen sich natürlich nicht nur auf junge Leute. Du kannst in jedem Alter in eine solche Situation kommen, wenn deine Familie und die Menschen, die du liebst, sehr traditionell sind und du den veralteten und dümmsten ihrer Traditionen stark widersprichst. Zum Beispiel der Unberührbarkeit aufgrund der Kaste.

Wenn du Freunde aus der niedrigsten Kaste hast und eine Familie, die sie immer noch als ‚unberührbar‘ betrachtet, kann ich euch versprechen, dass es Probleme gibt, wo auch immer sie aufeinander treffen. Deiner Familie wird es nicht gefallen, wenn du diese Freunde mit nach Hause bringst. Sie werden ihnen Wasser in einem besonderen Glas servieren und nachdem deine Freunde weg sind, werden sie alles, was deine Freunde verwendet haben, mit Feuer ‚reinigen‘. Sie würden es auch vermeiden, ihnen zum Gruß die Hand zu schütteln – was ganz okay sein kann, da es ja keine indischen Tradition ist – aber sie würden sich auch bemühen, sie nicht aus Versehen zu berühren.

Wie würdest du dich da fühlen? Und schlimmer noch, wie würden sich deine Freunde fühlen?

Oder wenn deine Familie glaube, dass jedes Mädchen, das Jeans oder – Gott bewahre – Röcke trägt, ein leichtes Mädchen ohne Moral ist, du aber zufällig mehrere solcher Freundinnen hast, wirst du dir Moralpredigen anhören dürfen. Vielleicht verbieten dir deine Eltern sogar, mit ‚solchen Leuten‘ in Kontakt zu sein! Sie glauben sie hätten schlechten Einfluss auf dich – was meinst du?

Oder deine Eltern bestehen darauf, deine Ehe mit jemandem aus deiner Kaste zu arrangieren und nehmen oder geben dafür sogar eine Mitgift, ein Konzept, das du völlig ablehnst! Hättest du da nicht das Gefühl, dass sie einen Schritt zu weit gehen?

Es gibt soche Fälle und noch viele weitere Beispiele. Wenn deine Familie an Traditionen und kulturelle Gewohnheiten glaubt, die du für falsch hältst und sie auf diese Weise dein Leben aktiv beeinflussen, musst du mal energisch auftreten. Es gibt eine Grenze dessen, was für dich in Ordnung ist, ohne dass du ein scheinheiliges Doppelleben führst!

Ich weiß die Folge ist, dass sie entweder akzeptieren, was du sagst oder dass sich eine gewisse Distanz zu anderen Familienmitgliedern bildet. Es geht nicht anders – weil wir tolerant sein sollten, aber auch andere nicht unsere Leben mit falschen Werten und schädlichen Handlungen übernehmen lassen sollten!

Gegenteile ziehen sich an – warum also werden Ehen innerhalb der gleichen Unterkaste arrangiert? – 22 Okt 13

Gestern habe ich euch von den Vorteilen einer Beziehung mit jemandem erzählt, der einen völlig anderen Hintergrund hat, der aus einer anderen Kultur kommt und sogar eine andere Sprache spricht. All unsere Argumente weisen darauf hin, dass solche Unterschiede Grund für eine längere Beziehung sind. Seltsamerweise denken Leute hier in Indien beim Arrangieren von Ehen offensichtlich genau das Gegenteil: sie arrangieren eine Ehe zweier junger Menschen nicht nur aus der gleichen Kaste, aber sogar aus der gleichen Unterkaste. Natürlich nehmen sie an, dass der zukünftige Ehepartner ihres Kindes wohl ähnlich aufgewachsen ist und dass dies die Grundlage für den Erfolg der Ehe sein würde.

Der grundlegende Gedanke oder Wunsch dahinter mag ja verständlich sein. Wenn man seine Tochter an einen vollkommen Fremden verheiratet, so will man auch sicherstellen, dass sie ein Zuhause bekommt, das dem eigenen ähnlich ist, wo die Familie ähnlich denkt, wo sie die gleichen Gewohnheiten und die gleiche Kultur haben. Genauso würde man wollen, dass die neue Frau, die in die Familie einheiratet und dann auch mit im Haus lebt, die Rituale des Hauses schon so gut wie möglich kennt. Wenn man sich also sowieso für eine arrangierte Ehe für sein Kind entscheidet, ist das wahrscheinlich ein vernünftiger Gedanke.

Das Problem ist, dass diese Vorstellung auf einem kranken System beruht, das die Menschen in höhere und niedrigere Klassen unterteilt, das Kastensystem. Die Leute glauben nicht nur, dass andere Menschen der gleichen Kaste die gleiche Lebensweise haben wie sie selbst – sie glauben, dass Menschen aus niedrigen Kasten schmutzig sind, dass sie nicht so viel wert sind, wie sie selbst und dass ihr Sohn oder ihre Tochter mit jemandem aus einer solchen Kaste niemals glücklich sein könnte. Es ist also nicht nur der ehrbare Wunsch, das Kind möge ein gutes Leben mit einem verständnisvollen Partner haben, sondern ein Beweis der Abscheu gegenüber anderen menschlichen Wesen.

Dazu kommt, dass es noch nicht einmal wahr ist, dass alle Leute der gleichen Kaste gut miteinander auskommen, bei sich daheim die gleiche Kultur haben und einfach perfekt zueinander passen! Im Gegenteil, jede Einzelperson ist ein Individuum und in jeder Familie können sich mit individuellen Erfahrungen unterschiedliche Einstellungen entwickeln, die die Atmosphäre im Haus beeinflussen, den Charakter der Kinder beim Aufwachsen verändern und die wiederum aus diesen Kindern Individuen machen.

Wenn man erwartet, dass jemand genauso ist, wie man selbst, gibt man diesem frisch verheirateten Paar nicht einmal die Möglichkeit und die Freiheit, diese gesunde Beziehung zu entwickeln, die aus zwei verschiedenen Kulturen stammt. Man ist nicht offen für Veränderungen, intolerant gegenüber Dingen, die anders sind, selbst wenn das für seinen Sohn oder seine Tochter eine glücklichere und längere Beziehung bedeutet!

Also, liebe Mit-Inder, selbst wenn ihr das Argument nicht akzeptieren wollt, dass das Kastensystem unmenschlich ist und abgeschafft werden sollte, so hört doch wenigstens auf die Tatsache, dass eine gleiche Kaste keine Garantie dafür ist, dass deine Tochter oder dein Sohn eine glückliche, langlebige Beziehung haben. Denk zweimal nach, bevor du sie davon abhältst, diejenigen zu heiraten, die sie lieben, nur weil sie aus einer anderen Kaste kommen. Vielleicht haben sie jemanden gefunden, der deinem Herzen näher stehen kann, als du im ersten Moment erkennen kannst! Sei Neuem gegenüber offen und ich bin sicher, du wirst in einer ganz anderen Person wunderschöne neue Aspekte finden!

Widersprüche in Religion – Hat man nun Karma aus früheren Leben oder nicht? – 4 Feb 13

Letzte Woche habe ich über kontroverse Philosophien geschrieben, von denen man im Hinduismus einige finden kann. Ich habe die Karma-Philosophie beschrieben, erklärt, dass die Leute während der Kumbh Mela ihr Bad im Ganges nehmen, um in den Himmel zu kommen oder Erlösung zu erreichen. Heute möchte ich über einen weiteren Widerspruch in der Karma-Philosophie schreiben, der sehr leicht Verwirrung schaffen kann.

Ich habe bereits erklärt, dass Himmel und Hölle im Hinduismus Ort sind, an denen man entweder für seine Karmasünden zahlen muss, oder dafür belohnt wird, dass man positives Guthaben auf seinem Karmakonto hat. Wenn du für dein ganzes schlechtes Karma gebüßt hast und deine Zeit der Bestrafung in der Hölle verbracht hast oder wenn du extra gutes Karma hast und es während deiner Zeit im Himmel aufgebraucht hast, solltest du mit einem Karma-Kontostand von Null wiedergeboren werden, als hättest du gerade ein neues Konto eröffnet.

Ich glaube jedoch, dass ihr alle schon gehört habt, dass Leute von Lektionen aus vergangenen Leben sprechen, von Karma eines früheren Lebens, an dem sie noch arbeiten müssen und dass sie die Schuld für Ereignisse dieses Lebens auf ihr Karma von ehemaligen Leben schieben. Das ist natürlich auch ein Konzept, das seinen Ursprung in Indien, im Hinduismus hat.

Da ist die Vorstellung, dass man in diesem Leben schlechtes Karma sammelt und dann zur Strafe als Wesen niedrigeren Bewusstseins wiedergeboren wird, als Hund zum Beispiel. Wenn man viel gutes Karma begangen hat, soll man dadurch belohnt werden, dass man in ein gutes Leben wiedergeboren wird. Über reiche Menschen, die im Leben sehr viel Glück haben, sagt man, dass sie von einem früheren Leben gutes Karma haben, während Menschen, die in arme Familien hineingeboren werden oder ernsthafte, gesundheitliche Probleme haben, besonders, wenn sie diese von Geburt an haben, schlechtes Karma von früher haben sollen. Menschen aus niedrigen Kasten sollen im Allgemeinen kein gutes Karma ins neue Leben mitgebracht haben, während Menschen aus niedrigen Kasten angeblich noch von vergangenen Leben gutes Karma haben.

In dieser Philosophie gibt es keinen Himmel und keine Hölle dazwischen, alles geschieht auf Erden, im Leben. Man trägt sein Karma mit ins nächste Leben. Wenn man den Punkt erreicht hat, wo man kein gutes oder schlechtes Karma mehr erzeugt, erreicht man Erlösung.

Ihr seht also, diese zwei Philosophien passen absolut nicht zusammen! Man kann entweder glauben, dass man ganz ohne Karma auf diese Erde kommt oder mit dem ganzen Karma vorheriger Leben. Es passt nicht zusammen, aber Hinduismus ist flexibel genug, um seine Anhänger wählen zu lassen, was sie wollen.

Wenn du dachtest, dass Sadhus, die sich vollständig von allem Materiellem gelöst haben, sehr fromme Menschen sind, die anderen Gutes tun, so liegst du falsch. Sie wollen anderen nicht helfen, sie wollen nichts Gutes tun und auch kein gutes Karma haben. Sie wollen die Erlösung erreichen, also bemühen sie sich, weder gutes noch schlechtes Karma zu erzeugen.

Dieser Philosophie entgegengesetzt ist eine weitere Einstellung entstanden, die Einstellung vieler Leute besonders hier in Vrindavan: sie wollen in Liebe und Hingabe leben. Sie tun Gutes und schaffen so gutes Karma, so dass sie immer wieder wiedergeboren werden. Sie wollen keine Erlösung, sie wollen wieder auf die Erde kommen, so dass sie noch länger in Liebe und Hingabe leben können.

Seht ihr nicht, dass das alles nur davon abhängt, wie man die Worte dreht? Seht ihr nicht, dass man sich einfach nur aussuchen kann, was einem am bequemsten ist? Und sobald man das erkannt hat, meint ihr nicht, dass die Religion an sich nur ein schlechter Scherz ist?

Mahatma Gandhi – zwischen Respekt und Kritik – 2 Oct 12

Heute ist Mahatma Gandhi’s Geburtstag, ein nationaler Feiertag, an dem Schulen, Banken und Büros geschlossen bleiben. Die Nation feiert, Zeitungen drucken Geburtstagsgrüße an den verstorbenen ‚Vater der Nation‘, Artikel beschreiben sein Leben in kurzen und langen Versionen, Leute posten Bilder in sozialen Netzwerden, Fernsehsender zeigen unterschiedliche Dokumentarfilme über sein Leben und Regierungsbeamte legen zu seinem Gedenken Blumen am Raj Ghat in Delhi ab. Genau wie all diese Menschen denke auch ich heute an Mahatma Gandhi und widme ihm wie ihr seht sogar einen Blogeintrag.

Ich werde jedoch keine weitere Zusammenfassung seines Lebens schreiben. Ich werde nicht noch einmal die Daten und Ereignisse wiederholen, die zu Indiens Unabhängigkeit geführt haben. Ich nehme an, darüber habt ihr schon genug gehört und gelesen. Vielleicht wart ihr der Lobreden zu Gandhi bereits überdrüssig und habt einige Artikel gefunden, die diesen Helfen Indiens mit nicht so schönen Worten beschreiben. Autoren beschreiben seine Fehler, schreiben über Unstimmigkeiten zwischen dem, was und die Machthabenden glauben lassen wollen und dem, was geschichtlich belegt ist und manche hinterfragen sogar seine sexuellen Vorlieben, seine Idee eines reinen Lebens und was genau zwischen ihm und diversen Frauen geschehen ist.

Ich werde jedoch auch keinen von diesen Artikeln schreiben. Davon findet man mit einer einfachen Suche online genügend. Nein, ich möchte all den Menschen schreiben, die Mohandas Karamchand Gandhi zur Zeit ein sehr negatives Bild geben, denjenigen, die es leid sind, dass die Menschen ihn ehren und geradezu verehren und denjenigen, die seine Rolle in Indiens Weg zur Unabhängigkeit herunterspielen wollen.

Es gibt Menschen, zumindest in Indien, die für Mahatma Gandhi nur Worte voller Verachtung und Hass aufbringen. Hin und wieder lese ich, wie die Menschen ihn verfluchen und sehr schlimme Worte für diesen Mann verwenden, der üblicherweise die höchsten Ehren bekommt.

Ich möchte diese Leute fragen, wer seid ihr, dass ihr für diesen Mann solche Gefühle entwickelt habt? Wer seid ihr, dass ihr überhaupt so schlimme Worte über ihn sprecht? Was habt ihr in eurem Leben getan, dass dem, was dieser Mann getan hat, gleichkommt? Ein Kampf, in dem er sich der Gewaltlosigkeit verpflichtet hat, ein revolutionärer Weg des Widerstands, ein Vorbild für Tausende und Millionen Menschen seiner Zeit und der Zeiten, die noch kommen! Es gibt einen Grund dafür, warum die Menschen ihm so großen Respekt entgegenbringen und ich finde, du solltest diese Gründe verstehen und berücksichtigen!

Natürlich mögen auch einige der Kritikpunkte gerechtfertigt sein. Schließlich war dieser Mann auch nur ein Mensch und kein Mensch ist unfehlbar. Wir können nicht alle die gleiche Ansicht haben, das ist normal. Und ich kann definitiv keinen Kommentar zu seinem Sexualleben haben – dafür kenne ich einfach nicht genug Fakten und dann glaube ich auch, dass das ein Teil seines Privatlebens ist.

Natürlich gibt es immer Menschen, die daran Interesse haben, einen Nationalhelden zu erschaffen und dafür muss dieser Held natürlich fehlerfrei sein, obwohl das keine Person sein kann. Andere, die daran interessiert sind, dieses Bild zu zerstören, werden jeden Fehler aufzeigen, den sie finden können. Doch keiner dieser Fehler kann auch nur ein kleines Stück des Respekts zerstören, den ich für diesen Mann habe. Es war und ist immer noch bemerkenswert, wenn jemand dem Konzept der Gleichheit und Gewaltlosigkeit folgt, wenn Diskriminierung und Gewalt an der Tagesordnung stehen. Und das verlangt unseren Respekt.

Alles Gute zum Geburtstag!

Kastendiskrimination in indischen Schulen – Gleichheit in unserer Schule! – 17 Jul 12

Gestern habe ich über die Renovierungsarbeiten in unserer Schule geschrieben. Es ist herrlich zu sehen, wie die Kinder dort nun alle lernen, diejenigen, die vorher schon bei uns waren und die, die in unserer Schule neu angefangen haben. Alles in allem haben wir ungefähr 150 Kinder in der Schule und die Anzahl der Kinder aus niedrigeren Kasten ist ungefähr genauso hoch wie die Anzahl der Kinder aus höheren Kasten.

Dieses Jahr, also im letzten Schuljahr, haben ein paar unserer Kinder die fünfte Klasse abgeschlossen und so ihren Abschluss von unserer Grundschule gemacht. Wir haben ihren Eltern gesagt, dass wir ihre Bildung so lange unterstützen werden, wie sie den Wunsch haben zu lernen. Sie sind jetzt mit der Grundschule fertig und haben also die Grundlagen gemeistert, aber damit sie eines Tages einen guten Arbeitsplatz bekommen, müssen wir sie weiter unterstützen.

Wir haben die staatliche Schule kontaktiert, an der ich auch gelernt habe und nachgefragt, wie hoch die Schulgebühren für diese Kinder sind. Uns wurde gesagt, dass diejenigen unserer Kinder, die aus niedrigeren Kasten stammen, keine Schulgebühren zahlen brauchten. Wir müssten jedoch die Schulgebühren für die Kinder zahlen, die höheren Kasten angehören.

Das war eine sehr seltsame Aussage und andererseits ist das hier ganz normal. Ich habe einmal über die Reservationen in Indien geschrieben, eine bestimmte Prozentzahl von Angestellten, die aus niedrigen Kasten stammen müssen. Colleges und Universitäten müssen auch einen bestimmten Prozentsatz von Schülern aus niedrigen Kasten vorweisen können. Diese Regeln sind dafür geschaffen worden, die Diskriminierung aufgrund von Kasten zu verhindern. In Wirklichkeit jedoch macht es den Unterschied und die Trennung der Kasten nur noch deutlicher und vergegenwärtigt das den Leuten auch noch ständig.

In unserem Fall zum Beispiel diskriminiert die Regelung arme Kinder der höheren Kaste. Der einzige Fehler dieser Kinder war, in eine höhere Kaste hineingeboren zu sein. Wir wissen, dass das Einkommen ihrer Familien nicht groß genug ist, um eine Ausbilung in einer höheren Schule finanzieren zu können. Trotzdem müssten sie jedoch Schulgebühren zahlen, während Kinder der niedrigen Kasten, die vielleicht wohlhabender sind, keine Schulgebühren zahlen müssten.

Da ist es also Diskriminierung anders herum, während man in vielen Schulen sehen kann, dass Kinder aus höheren Kasten viel besser behandelt werden als Kinder aus niedrigen Kasten. Ihnen ist es erlaubt, in der Klasse vorne zu sitzen und der Lehrer schimpft sie weniger. Kinder der niedrigen Kaste müssen mehr Aufgaben in der Schule erledigen, darunter auch Dinge, die niemand sonst machen will, zum Beispiel das Saubermachen der Toiletten. Zur Essenszeit sind sie vollkommen voneinander getrennt, weil die Leute der höheren Kasten nicht wollen, dass das Essen ihrer Kinder von den Kindern niedriger Kasten ‚verunreinigt‘ wird.

In dem Video, das ihr unten seht, eine gute Dokumentation zum Thema Kastendiskriminierung, kann man Kinder in solchen Situationen sehen. Es ist ein Beweis dafür, dass Kastendiskrimination in Indien immer noch sehr lebendig ist.

Wir haben unsere Schule nach dem Prinzip der Gleichheit geschaffen. All unsere Kinder sind gleich, egal, aus welcher Kaste sie kommen. Sie sitzen auf ihren Bänken nebeneinander, lernen alle zusammen und, was am Wichtigsten ist, essen alle miteinander. Das lernen die Kinder in unserer Schule. Jetzt, da sie in die höhere Schule gehen, sollen sie lernen, dass Kinder der niedrigen Kasten nicht zahlen müssen und Kinder aus höheren Kasten schon.

Wir haben im Endeffekt beschlossen, die Kinder in einer private Schule zu schicken und zahlen ihre Bücher, Schulgebühren und sonstigen Ausgaben, auch wenn es etwas mehr kostet, weil der Bildungsstandard dort einfach viel besser ist.

3 Gruppen Menschen, die das Kastensystem befürworten und ihre Gründe – 20 Jun 12

Gestern habe ich fünf Ideen geschrieben, die helfen könnten, das Kastensystem loszuwerden. Wenn es nur solcher Ideen bedürfte, wäre das Kastensystem aus dieser Gesellschaft bestimmt schon verschwunden. Wenn wirklich alle das Kastensystem abschaffen wollten, sähen wir es jetzt nicht mehr in der Gesellschaft. Heute würde ich gerne ein bisschen über die drei verschiedenen Gruppen von Menschen schreiben, die nicht wollen, dass das Kastensystem in Vergessenheit gerät.

1. Politiker – weil es für sie von Nutzen ist

Ich habe bereits erwähnt, dass Politiker und die Regierung nie versuchen werden, meine Ideen in die Tat umzusetzen. Denn das würde vielen Politikern die Grundlage ihres Wahlprogramms nehmen. Sie werden in ihrer Gegend oft nicht wegen ihrer Ideologie oder ihren Vorstellungen für das Land gewählt, sondern weil sie zur gleichen Kaste gehören. Politiker wissen, dass besonders ungebildete Menschen mit diesem Gedanken wählen und diese Stimmen wollen sie nicht verlieren. Das würde ja mehr Arbeit bedeuten! Obwohl also die Politiker nicht wirklich daran glauben, dass das Kastensystem Gottes Wille einer Menschheitsordnung ist, verwenden sie es nur zu gerne für ihre Zwecke.

2. Angehörige höherer Kasten – weil sie ehrlich daran glauben oder einfach die Vorteile genießen

Eine weitere Gruppe Menschen, bei denen es offensichtlich scheint, dass sie das Kastensystem nicht abschaffen wollen: die Menschen höherer Kasten, die an das Kastensystem glauben. Das sind natürlich Brahmanen, aus der höchsten Kaste, aber auch Menschen anderer Kasten, die als höhere Kasten angesehen werden. Heutzutage wird diese Einstellung die ‚Brahmanen-Mentalität‘ genannt, weil es auch Brahmanen, die nicht an das Kastensystem glauben und auch Menschen anderer Kasten, die es unbeding weiter instand halten wollen.

Die seltsame Realität ist, dass es Menschen gibt, die wirklich glauben, dass das Kastensystem ein gutes System ist, dass es so sein sollte. Gott will, dass manche Menschen für andere unberührbar sind. Das ist ernsthaft das, was sie glauben.

Andere Menschen mit Brahmanen-Mentalität glauben vielleicht nicht wirklich, dass das wirklich so stimmt. Sie denken nicht wirklich, dass es von Gott so gewollt ist, aber sie mögen den Status, den sie haben. Es gibt Vorteile und die würden sie auch gerne so behalten. Sie glauben nicht ernsthaft an das Kastensystem, sondern nutzen einfach die Vorteile, die dieses falsche System ihnen bringt.

3. Angehörige niedriger Kasten – aufgrund von Kastenstolz und der Opfer-Mentalität

Dazu gibt es noch eine Gruppe Menschen, von denen man es am Wenigsten erwartet, dass sie das Kastensystem unterstützen: Menschen der niedrigeren und niedrigsten Kaste. Ja, es gibt Menschen in den niedrigen Kasten, die kein Interesse daran haben, das Kastensystem abzuschaffen.

Man muss sehen, dass jede Kaste eine Art stolz für ihre Kaste entwickelt hat. Selbst in der untersten Kaste, bei den Unberührbaren, gibt es Menschen, die auf eine Weise stolz sind, dass sie ihrer Kaste angehören. Es ist einfach ein Teil der menschlichen Psychologie. Sie identifizieren sich damit, dass sie eine Person dieser Kaste sind, das ist wer sie sind und sie sind stolz auf ihre Gemeinschaft, auf ihre ‚Art‘ von Leuten. Das Kastensystem abzuschaffen würde für sie bedeuten, dass sie einen Teil ihrer Identität verlieren. Das ist eine Illusion, aber für sie ist das die Wirklichkeit.

Der zweite Grund, und vielleicht der wichtigste, dafür, dass Menschen der niedrigeren Kasten gegen eine Abschaffeung des Kastensystems sind ist, dass sie gerne Opfer sind. Ich habe auch zuvor bereits über Menchen geschrieben, die gerne Opfer sind und viele Menschen der niedrigen Kaste gehören da dazu. Sie beschweren sich gerne, finden gerne Ungerechtigkeiten, fordern mehr, sind aber am Ende nicht wirklich dafür, etwas zu ändern. Ist es nicht ironisch, dass sogar die Meschen, die diskriminiert werden, üblicherweise nicht den Mut haben, aus ihrer Opferrolle zu kommen!
 

Ihr seht also, während es viele Aktivisten geben mag und viele Leute wie mich, die das Kastensystem verabscheuen und es ein für alle mal abschaffen wollen, gibt es auch recht viele Menschen, die nicht einmal an diese Möglichkeit denken wollen. Solange das der Fall ist, solange Politiker und Brahmanen nur an sich denken, solange Menschen dummerweise glauben, dass alles genau so ist, wie es sein soll und solange die Menschen niedriger Kasten nicht aufhören, Opfer sein zu wollen, wird das Kastensystem weiter existiern. Veränderung kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Ich bin dafür bereit, und du?

5 Ideen, wie wir das unmenschliche Kastensystem in Indien abschaffen können – 19 Jun 12

Wenn ich über das Kastensystem schreibe und sage, dass es ein veraltetes, verrücktes System ist, dass die Menschen trennt und diejenigen unterdrückt, die als ‚niedriger‘ eingestuft werden, bekomme ich ntürlich auch die Frage zu hören, wie man das Kastensystem denn abschaffen könnte. Wie wäre das möglich?

In einem früheren Blogeintrag habe ich geschrieben, dass Politiker aus dem Kastensystem ihren Nutzen ziehen. Darum haben Regierung und Politiker wirklich auch kein Interesse daran, es abzuschaffen. Sie ziehen Nutzen aus den Stimmen in dem Wissen, dass Leute ihrer eigenen Kaste eher für sie stimmen würden als für einen Kandidaten einer anderen Kaste. Und das ist etwas, das in gleichem Maße für höhere und niedrigere Kasten gilt. Deswegen halten sie das Kastensystem intakt. Das allererste, was notwendig wäre, wäre also, dass Politiker und die Regierung ihre Einstellung ändern. Sie sollten das Kastensystem nicht mehr unterstützen, sondern dagegen angehen. Ich hatte einige Ideen wie.

1. Gesetz gegen Organisationen, deren Grundlage Kastenzugehörigkeit ist

Zuallererst sollte es ein Gesetz geben, das Organisationen verbietet, die auf Kastenzugehörigkeit beruhen. Ja, es gibt solche Organisationen, in jeder kleinen Stadt, überall. Sie sind mit dem Namen einer Kaste registriert und haben nur Mitglieder dieser Kaste. Ihr Ziel kann ganz unterschiedlich lauten, doch eines ist sicher: was auch immer sie tun, liegt im Interesse ihrer Kaste. Diese Art von Organisation sollte verboten werden. Offiziell angemeldet oder nicht, es sollte nicht erlaubt sein, eine Organisation aufgrund von Kastenzugehörigkeit zu gründen.

2. Keine Kastenzugehörigkeit in Kontaktanzeigen in Zeitungen

Etwas anderes, was nicht erlaubt sein sollte ist, wie die Kontaktanzeigen in den Zeitungen aufgeteilt sind. Ich habe einmal einen Tagebucheintrag geschrieben, in dem ich beschrieben habe, wie die Anzeigen nach Kaste sortiert sind. Die Leute suchen also direkt nach einem ‚Brahmanen-Mädchen‘. Die Regierung kann ein Gesetz verabschieden, das diese ganze Struktur verändern würde. Die Menschen könnten einfach nach einem Partner mit bestimmten Charakterzügen suchen, nicht nach einem Menschen einer bestimmten Kaste.

3. Förderung von Ehen mit Partnern unterschiedlicher Kasten

Das wäre gleichzeitig der erste Schritt für den nächsten Punkt des Handlungsplanes. Ehen von Paaren aus unterschiedlichen Kasten sollten vom Staat gefördert werden. Wenn du nun protestierst und sagst, dass das eine private Sache ist, dass die Regierung da überhaupt nichts machen kann, muss ich dir sagen, dass du da nicht ganz richtig liegst. Die Regierung ermutigt die Leute auch, nicht so viele Kinder zu haben. Sie organisieren Kampagnen, mit denen Männer Geld bekommen, wenn sie sich sterilisieren lassen. Warum also sollten sie junge Leute nicht auch dazu ermutigen, sich einen Partner außerhalb ihrer Kaste zu suchen, indem sie ihnen Geld anbieten oder auch die Möglichkeit geben, dass ein neues Paar einen Kredit bekommt, wenn sie heiraten und sich zum Beispiel ein Haus kaufen wollen?

4. Tempelpriester aus niedrigen Kasten

Natürlich ist da noch ein weiterer Punkt, den ich eigentlich immer erwähne, wenn es um die Diskriminierung von Menschen niedrigerer Kasten geht. Die Regierung hat vollen Einfluss auf die Tempel und kann auch Menschen niedriger Kastenzugehörigkeit als Priester einstellen. Ich würde gerne sehen, wie Priester der unberührbaren Kaste Brahmanen Prasad geben, die heilige Opfergabe an die Götter. Warum nicht? Warum ist es Menschen niederer Kasten nicht erlaubt, einen Tempel auch nur zu betreten?

5. Änderung von Nachnamen

Im Moment ist es immer noch möglich, die Kaste einer Person anhand ihres Nachnamen zu erkennen. Obwohl sich das langsam verändert, glaube ich, dass es gut wäre, wenn die Regierung Menschen die einmalige Möglichkeit gäbe, ihren Nachnamen zu ändern. Danach gäbe es keine Möglichkeit mehr zu sagen, ob sie aus einer höheren oder niedrigen Kaste kommen.

Ich weiß, dass das allein nicht ausreicht. Das Hauptproblem und die Hauptaufgabe ist, an der Mentalität der Menschen zu arbeiten. Sie müssen ihre Denkweise verändern. Viele Menschen, die das Kastensystem unterstützen, werden dem, was ich schreibe, nicht zustimmen und sagen, dass all diese Punkte praktisch nicht umzusetzen sind. Doch wenn der Wille da ist, etwas zu verändern und damit zu beginnen, kann es geschehen. Die Punkte wären auf jeden Fall effektiv.

Tägliche Scheinheiligkeit von Anhängern des Kastensystems – 18 Jun 12

Letzte Woche habe ich erwähnt, dass es viele Leute gibt, die an die Regeln in religiösen Schriften glauben und sie befolgen, obwohl sie verrückt und grausam sind. Das Kastensystem ist ein Beispiel für eine solche verrückte Idee, die es geschafft hat, ihren Weg in die Gesellschaft zu finden und dort bis heute darin zu überleben. Es gibt Menschen, die behaupten, dass das Kastensystem im heutigen Indien bereits keine Rolle mehr spielt, aber die Wirklichkeit sieht da ganz anders aus. Viele Menschen glauben immer noch an das Kastensystem und befolgen es auch. In manchen Bereichen ist das jedoch schwierig und dann wundere ich mich über ihre Scheinheiligkeit.

Oft werden Menschen aufgrund ihrer Kaste extrem von einander getrennt. In Dörfern gibt es immer noch unterschiedliche Brunnen für Menschen unterschiedlicher Kasten. Leute höherer Kastenzugehörigkeit holen sich Wasser von einem Brunnen, während Menschen niedriger Kastenzugehörigkeit ihr Wasser an einem anderen Brunnen holen – meistens weiter entfernt oder auf eine andere Weise weniger attraktiv als der Brunnen der höheren Kaste. Oft gibt es Streitereien und richtige Kämpfe deswegen. Wenn eine Person einer niedrigen Kaste Wasser aus dem Brunnen einer höheren Kaste nimmt, werden sie sehr wütend und denken, ihr Wasser wurde verseucht.

Ich kenne viele Brahmanen, die das Kastensystem zu Hause und in ihrem Wohnort sehr Ernst nehmen. Sie machen ein großes Theater darum, achten sehr darauf, wo sie ihr Essen kaufen, essen nur mit Brahmanen und sollten sie aus Versehen einen der ‚Unberührbaren‘ berühren, gehen sie nach Hause und duschen!

Doch was tun sie, wenn sie nicht daheim sind? Wenn sie außerhalb sind, im Urlaub oder auf Geschäftsreise? Wie jeder andere auch gehen sie dann in Restaurants essen. Wie sollten sie da wissen, welcher Kaste der Koch oder der Kellner angehören? Sie fragen nicht, es macht ihnen auch nichts aus, sie essen einfach nur dort, ohne weiter darüber nachzudenken. Es kann gut sein, dass der Koch, der mit eigener Hand ihr Gemüse schneidet, ein ‚Unberührbarer‘ ist! Doch es gibt keine Möglichkeit, das zu erfahren, sie essen einfach, ohne mehr zu wissen und geben vor, der Koch sei Brahman, so wie sie.

Doch die größte Unstimmigkeit geschieht dann, wenn sie auf der Arbeit einen Chef bekommen, der au seiner niedrigen Kaste kommt! Dann verschwindet ihre ganze Vorstellung von Kasten, von höher und niedriger auf einmal.

Man muss wissen, dass Indien die ‘Chef-Kultur’ der Briten übernommen hat. In Großbritannien existiert das nicht mehr so, wie es einmal war, aber in Indien ist der Chef immer noch weit oben. Im Westen sieht man, wie ein Chef diejenigen, die für ihn oder unter ihm arbeiten, mit Respekt und wie Gleichgestellte behandelt. In den meisten Büros sieht man ganz klar, dass ein Chef der Boss ist und alle andern machen sich vor ihm klein.

Jetzt stellt euch jemanden aus der Kaste der Unberührbaren vor, der hart gearbeitet hat und so befördert wurde, bis er an einen höheren Posten gelangte, so dass nun auch Menschen unter ihm arbeiteten. In der Schule war er wegen seiner Kaste diskriminiert und einfach schlecht behandelt worden. Er war von Brahmanen verspottet worden, Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus höheren Kasten machten sich über ihn lustig und haben ihn einfach nur schlecht behandelt. Jetzt hat er die Möglichkeit, sich zu rächen. Es ist verständlich.

Ich sage nicht, dass das auf jeden zutrifft, aber selbst vor denen, die das nicht absichtlich tun, sind die Brahmanen, die unter ihnen arbeiten, so unterwürfig wie nie zuvor. Sie wissen, dass der Chef derjenige ist, der über eine Beförderung entscheidet. Deswegen sagen sie ‚Sir, Sir‘, bringen ihm Wasser, stehen, wenn er sitzt und müssen Dinge von hier nach dort bringen, auch wenn es gar keinen Sinn macht.

Wenn sie also in ihrem Büro sind, können die Brahmanded gut unter einer Person der niedrigen Kaste arbeiten – doch sie ändern dadurch ihre Mentalität in keinster Weise! In dem Augenblick, in dem sie aus der Bürotür gehen, sind sie wieder Brahmanen.

Wenn sie nach einem Partner suchen, ist es ihnen egal, dass sie jeden ihrer Arbeitstage von Menschen umgeben sind, die zwar einer niedrigeren Kaste angehören, die jedoch die gleichen Interessen und den gleichen Beruf haben. Sie suchen nach jemandem der gleichen Kaste.

Für mich ist das Scheinheiligkeit. Doch es ist alltägliche Scheinheiligkeit, ganz normal in jedem Büro und jeder Firma.

Unten sehr ihr einen Dokumentarfilm darüber, wie sehr Diskrimination aufgrund von Kasten auch heute in Indien noch präsent ist.