Philosophische Fiktion religiöser Schriften ist nicht die einzige Wahrheit – 27 Mai 11

Auf den gestrigen Tagebucheintrag habe ich viele Rückmeldungen bekommen und unter diesen war auch eine, in der ich nach meiner Meinung zu religiösen Schriften gefragt wurde.

Zuallererst möchte ich erwähnen, dass ich jede Schrift einer jeden Religion respektiere. Die Vedas, Gita, Ramayan, Puranas, Upanishaden, aber auch die Bibel und den Koran. Was ich an den Schriften liebe ist, dass sie immer etwas für jeden enthalten. In diesen Schriften ist so viel Philosophie, dass man wirklich einiges an Ideen bekommt, wie man sein Verhalten oder auch seine Denkmuster ändern kann. Viele Menschen, die die Schriften studieren, erkennen auf diese Weise viel über ihr eigenes Verhalten und entwickeln sich weiter, was im Allgemeinen etwas Gutes ist.

Ihr seht also, ich bin nicht gegen die Philosophie der Schriften, aber ich bin nicht damit einverstanden, eine Schrift zu seiner einzigen Wahrheit zu machen. Es gibt viele Menschen, die glauben, dass alles was in einer bestimmten Schrift geschrieben steht, die universelle Wahrheit für alle Menschen auf Erden darstellt. Dort steht was richtig und was falsch ist. Mit solch einer Person kann man keine gesunde Diskussion führen, da das immer damit endet, dass derjenige einem sagt, seiner Meinung nach ist etwas eine Tatsache, einfach weil es in der Schrift steht.

In diesem Fall glaube ich, dass die Verwendung der Schriften falsch ist. Du solltest darüber nachdenken, ob das, was du tust, für dich richtig oder falsch ist. Als Beispiel, können wir uns einmal die Bhagavad Gita ansehen. Ich liebe ihre Philosophie und verwende auch heute noch hin und wieder ein Shloka oder Mantra aus der Gita in meinen Vorträgen. Ich glaube, dass darin jede Menge Weisheit steht. Es gibt jedoch darin auch Passagen, denen ich nicht zustimme. Hier ist eines dieser Shlokas, das 24. und letzte Shloka des 16. Kapitels der Gita:

Tasmac chastram pramanam te karyakarya-vyavasthitau |
Jnatva shastra-vidhanoktam karma kartum iharhasi ||

Übersetzt bedeutet dieses Shloka in etwa:

"Man sollte also anhand der Regeln der Schriften verstehen, was seine Pflicht ist und was nicht. Mit dem Wissen dieser Regeln sollte man sich so verhandeln, dass man allmählich ansteigt.“

Dem stimme ich nicht zu. Die Regeln, die in diesen Schriften stehen, wurden vor mehr als tausend Jahren geschrieben! Die Zeiten haben sich geändert, wie sollte man sie den heute anwenden? Doch viele Menschen bestehen darauf, dass die Schriften genau das sagen und alles so getan werden muss, wie es dort beschrieben steht.

Das erinnerte mich an einen Kommentar, den ein weiterer Freund, Annan Boodram aus Amerika, mir schon vor einiger Zeit schrieb:

”Um ehrlich zu sein, stelle ich das Konzept von Avataren in Frage. Wenn man die Leben von Rama und Krishna analysiert, sieht man viele Dinge, die mit Gott inkongruent sind. Zum Beispiel entführte Krishna eine Frau, die kurz davor stand, zu heiraten. Und er scherzte mit den Gastgebern verheirateter Frauen. Beide, Rama und Krishna, unterstützten das unmenschliche Kastensystem und die Unterwerfung der Frauen. Beide waren Befürworter der Gewalt als Lösung für Probleme. Diese Auflistung kann man noch weiter betreiben… Andererseits ist der Gott, den ich akzeptiere gnädig, liebend, mitfühlend, gewalt-verneinend und toleriert keine Ungleichheiten jeglicher Art. Alles, was darunter liegt, kann nicht Gott sein.”

Ich stimme dem absolut zu und sage hier wieder, dass eine Schrift kein Beweisstück ist und nicht mit dem Gedanken gelesen werden sollte, dass alles, was darin steht, zu 100% richtig und für diese Zeit relevant ist. Und das ist etwas, das für alle Religionen wahr ist, nicht nur für den Hinduismus.

Ich habe nicht viel akademische Bildung genossen, habe aber dreißig Jahre meines Lebens damit verbracht, Schriften zu studieren. Meine persönliche Meinung ist heute, dass diese Geschichten, die in den Schriften stehen, vielleicht ganz schön sind, aber immer noch Fiktion sind, sie sind schöne erfundene Geschichten und keine Beweise. Wer weiß, ob Krishna das wirklich getan hat? Wer weiß, wer Rama wirklich war? In diesen Geschichten stecken viele Widersprüche. Die unterschiedlichen Schriften und manchmal sogar die unterschiedlichen Versionen der gleichen Schrift widersprechen einander. Das zeigt, wie die Dinge im Laufe der Zeit hinzugefügt wurden und sich verändert haben. Wenn jemand heute kommt und sagt, dass eine bestimmte Handlung richtig ist, nur weil Krishna auch so gehandelt hat, sehe ich es als Ausrede für ein falsches Verhalten.

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für diese Geschichten und wenn man sie mit Hingabe liest, sind sie schön. Ich möchte auch intellektuelle Menschen bitten, sie auf diese Weise zu lesen. Lies diese Schriften nicht vom intellektuellen Gesichtspunkt aus mit dem Versuch, den Inhalt wissenschaftlich zu beweisen. Es sind nur Geschichten.

Diese Schriften wurden von Menschen wie du und ich geschrieben, ganz normale Menschen. Es war ihre Erfahrung, die Erfahrung derhenigen, die in der Zeit geschrieben haben. Es war für sie okay und richtig, aber das bedeutet nicht, dass es auch heute noch passt. Du weißt nicht, in welchen Situationen sie sich befanden und zu welcher Zeit sie das schrieben. Die Zeiten ändern sich, Definitionen ändern sich, unsere Umgebung ändert sich und wir müssen uns auch mit entwickeln. Warum solltest du heute die gleiche Erfahrung machen wie jemand, der vor 1000 Jahren gelebt hat? Zeiten haben sich geändert und du machst deine eigenen Erfahrungen. Wenn deine Erfahrung sich von dem unterscheidet, was die Bibel oder die Gita dir sagen, warum glaubst du dann nicht an dich selbst? Warum vertraust du nicht deiner eigenen Erfahrung?

Was wir heute lesen ist sowieso meistens nur eine Interpretation. Jeder kann seine eigene Sicht der Dinge haben und ich weiß, dass es tausende unterschiedliche Interpretationen der Gita gibt. Wieder, vertraue nicht der Interpretation einer anderen Person, vertraue deinen eigenen Gefühlen. Du kannst den positiven Aspekt jeder Schrift nehmen und ihn für dich verwenden. Lass das weg, was nicht zu dir passt, was du so nicht fühlst und das, was du für falsch hälst.

Mein Konzept von Gott ist einfach nur Liebe, die in uns allen ist. Wir müssen nicht in Schriften oder in Religion nach Gott suchen. Deshalb ist für mich das Konzept von Avataren, einem Gott, der als Reinkarnation hier unter uns auf Erden lebt, nicht sinnvoll. Es ist einfach nur erfunden. Doch leider behaupten die Menschen aufgrund dieser Idee, dass sie Gott seien und andere verehren sie, als wären sie es wirklich. Deshalb sage ich immer, dass ich gegen Verehrung von Menschen bin. Es ist einfach nicht wahr.

Mein ganzes Leben lang habe ich die Schriften gepredigt, sie verehrt und ein ganzes Ritual aus einem Vortrag über die Schriften gemacht. Ich habe das in meinem Blog in der Kategorie ‚Mein Leben‘ beschrieben.

Heute predige ich keine Schriften mehr auf ritualistische Weise. Heute sind all diese Schriften zu fünf Buchstaben zusammengeschmolzen: LIEBE.

Das ist meine einzige Philosophie. Man muss keine komplizierte Philosophie verstehen, lerne einfach zu lieben!

Loslösung durch Kontrolle des Geistes – 16 Feb 10

Auf eine Weise ist das, worüber ich geschrieben habe auch die Philosophie der Bhagavad Gita. Wenn unser Geist aktiv ist und nicht konzentriert, ist es schwierig, Frieden zu spüren. Der Geist ist einmal hier und dann wieder dort. Die Gita sagt auch, dass man den Geist kontrollieren muss. Und um den Geist zu kontrollieren, muss man losgelöst sein.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man nicht an Materiellem anhaftet. Und deshalb frage ich mich, warum all diese Swamis und Gurus, die sogar Vorträge aus der Gita halten, so sehr am Materiellen anhafen. Wenn man ihren Lebensstil sieht, spiegelt sich das sehr schön wieder. Ich glaube, dass ich nicht weiter erklären muss auf welche Weise, jeder weiß das.

Jetzt eine Frage, die sich jeder selbst stellen kann: haftest du an Materiellem? Die sofortige Antwort vieler Menschen ist sicher ‚Nein!‘, aber wir wollen da tiefer gehen als nur das. Vielleicht glaubst du, dass du völlig losgelöst bist, weil du ja sowieso nicht viel hast, aber lass dir gesagt sein, das ist nicht die Definition von Nicht-Anhaftung. Wenn du wirklich viel hast und alles verlierst, dann merkst du, ob du wirklich losgelöst bist. Und auch wenn du nicht viel hast und den Rest verloren hast, wirst du die Anhaftung an die Dinge, die du verloren hast, vergessen können.

Es ist vielleicht sehr schwierig, nicht an irgend etwas anzuhaften. Versuche, so wenig wie möglich anzuhaften, lass alte Dinge zurück, sortiere aus und gib sie jemandem, der sie dringender braucht als du.

Von Anhaftung zu Verlangen zu Wut – 27 Jul 08

Gestern habe ich von Verlangen und Anhaftung gesprochen. In der Gita steht auch, dass Verlangen von Anhaftung kommt. Wenn ein Verlangen unerfüllt ist, verwandelt es sich in Wut und Wut macht blind. In Wut kann man die Wahrheit nicht sehen und die Weisheit ist verschwunden. Das ist der größte Verlust, den man haben kann. Wir müssen in die Liebe gehen. Nicht in die Anhaftung. Ich habe schon viel über Anhaftung und Liebe geschrieben. Wir müssen lieben. Das ist der einzige Weg, um die Wahrheit zu erkennen.

Karma und Tod – Warum es keinen Grund gibt sich zu Fürchten – 15 Mai 08

Ich möchte gerne den Rest des Vortrags auch schreiben, weil ich glaube, dass diese Dinge nicht nur für unsere Yogaschüler interessant sind. Gestern habe ich die Philosophie der verschiedenen Karmas und mit dem Tod erklärt.

Viele Menschen hier fürchten sich sehr vor dem Tod. Aber mit der Philosophie der Karmas gibt es dafür keinen Grund. Okay, wenn du heute stirbst, wirst du vielleicht schon morgen in einem neuen Körper wiedergeboren. Wenn du all dein Karma gelebt hast, bist du frei und das ist der wirkliche Tod. Und so ist es so wundervoll, wie in der östlichen Philosophie der Tod eingeladen wird. Sie wollden den Tod umarmen und feiern.

In der Bhagawat Gita gibt es einen Dialog zwischen Arjun und Krishna. Arjun fragt ob in dieser Welt irgendetwas sicher ist. Und Krishna antwortet mit nein, in dieser Welt kann alles geschehen. nichts ist vorhersehbar, nichts ist sicher, auβer einer Sache. Dem Tod. Der geschieht auf jeden Fall.’

Es gab einen tollen Mann, von dem ich euch schon erzählt habe, sein Name war Kabir. Er sagte ‚Die ganze Welt fürchtet sich vor dem Tod, doch ich freue mich darauf. Ich möchte den Tod umarmen und eins werden mit Gott.’ Viele Leute haben Angst vor dem Tod und wenn er kommt, so sind sie nicht bewusst. Kannst du dir vorstellen, wie es wäre, wenn diese gröβte Angst nicht mehr da wäre? Stelle es dir vor!

Ich denke, ich habe euch von diesem großartigen Yogi erzählt, der seine Anhänger Monate vor seinem Tod einlud, zu ihm zu kommen und ihn ein letztes Mal zu sehen. Er sagte, dass an einem bestimmten Tag die letzte Möglichkeit wäre, ihn noch einmal zu treffen. Also kamen tausende von Menschen und er hielt einen Vortrag und danach sagte er nur ‚Es ist Zeit zu gehen, tschüß’ und starb. Ihr seht also, es ist wahr, wenn man seine Karmas kennt, kann man seinen Tod vorraussagen. Das geschah in etwa vor 40 Jahren.

Diese Angst vor dem Tod ist irgendwie verrückt, weil wir doch eigentlich geboren wurden, um zu sterben. Doch viele Menschen schlieβen ihre Augen und tun so, also würden sie nie sterben. Sie erkennen nicht, dass nicht nur alle anderen, sondern auch sie eines Tages sterben müssen. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.

Als ich in Schweden war, drehte jemand einen Film und wollte dafür ein Interview mit mir. Weil sie ein paar schöne Aufnahmen machen wollten, hatten sie ein kleines Flugzeug gemietet und der Interviewer, der Kameramann, der Pilot und ich flogen los. Und der Journalist hatte sehr viel Angst in dem kleinen Flugzeug. Ihm wurde schlecht und er sagte mir, wie viel Angst er hatte. Aber ich fragte ihn ‚Was kann passieren? Das schlimmste ist, dass wir abstürzen und sterben. Das ist alles und das ist okay. Wenn es dafür jetzt Zeit ist, gut, dann passiert es. Er war sehr erstaunt über diese Antwort und konnte nicht wirklich was gegen diese Logik sagen.

Heute sind wir in Wuppertal angekommen und hatten am Abend einen Darshan. Die Leute haben die friedvolle Energie sehr genossen.