Wenn ein Bild nicht mehr sagt als tausend Worte – 30 Mai 13

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Als Thomas und Iris das letzte Mal hier waren, wollten sie ein paar Bilder mit den Kindern unserer Schule machen. Zusammen mit ihnen leiten wir unseren deutschen Wohltätigkeitsverein und da werden immer für den einen oder anderen Zweck Bilder gebraucht. Wir haben ein großes Gruppenbild gemacht und machten mit einem der Mädchen unserer Schule aus, dass wir sie bei sich zu Hause besuchen würden und dort auch noch ein paar Bilder machen würden. Ramona, Purnendu, Thomas und Iris gingen hin und kamen ziemlich nachdenklich zurück. Das, was Ramona mir von den Ereignissen des Tages erzählte, hörte sich für mich nach etwas an, was ich euch gerne erzählen würde.

Sie waren losgefahren, ohne zu wissen, was sie erwartet. Ramona kennt Priya aus unserer Schule, wo sie im UKG ist, einer der Vorschulklassen. Sie ist elf Jahre alt und in der Schule für gewöhnlich ein fröhliches Mädchen. Sie wussten, dass ihre Familie zur Miete wohnte und dass sie noch zwei Schwestern hatte, sonst jedoch nicht viel mehr. Als sie in der Straße und bei dem Haus ankamen, das Nachbarn als das anzeigten, wo Priya lebte, erlebten sie eine Überraschung: die Tür wurde von einem jungen Mann geöffnet, der sie in eine Art Empfangszimmer brachte, in dem einfache, aber gute Möbel und sogar Deko-Gegenstände standen. Der Mann bat sie zu warten und nicht viel später kam Priya ins Zimmer. Sie begrüßte alle etwas schüchtern und forderte sie auf, mit ihr mit zu kommen. Sie gingen über eine Treppe nach oben und mit jedem Stockwerk, das sie nach oben stiegen, wuchs die Überzeugung, dass sie in einem Mietshaus waren, in dem die Hausbesitzer die Zimmer an andere Familien vermietet hatte. Sie stiegen drei Stockwerke hinauf, bis sie auf dem Dach angekommen waren.

Dort sahen sie die Eingänge zu drei Zimmern und der Mittlere war der, zu dem Priya sie brachte. Wenn ich die Geschichte nun abkürzen wollte, würde ich euch einfach schreiben, dass sie Priyas Mutter und Schwestern trafen, ein Bild machten, die mitgebrachten Lutscher verteilten und dann wieder gingen. Das Bild sehr ihr oben, ihr habt einen Eindruck davon, wie eines unserer Kinder lebt und das war’s. Doch das war’s eben nicht und das war auch genau der Punkt, das Ramona und die anderen so nachdenklich stimmte: dieses Bild schafft es nicht, die Lebensumstände von Priyas Familie auszudrücken.

Das Bild zeigt nicht, dass dieser Raum, der vielleicht vier auf drei Meter misst, für die ganze fünfköpfige Familie Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Spielzimmer ist. Das Bild zeigt nicht, dass das Zimmer auf dem Dach des Hauses ist, worauf die Sonne runterbrennt, was das Zimmer im Sommer bei 48 Grad bestimmt ähnlich einem Ofen aufheizt und das ohne jeglichen Fan oder Ventilator im Raum. Das Bild zeigt nicht, dass Priyas jüngere Schwester taubstumm und dazu noch körperlich behindert ist, nicht in der Lage zu gehen, zu sprechen oder zu hören. Und man sieht nicht, dass Priyas Mutter mehrere Arbeitsstellen angenommen hat, so dass sie und ihr Ehemann sich Essen, Kleidung und vielleicht hin und wieder einen Besuch bei dem Arzt oder ein Haushaltsgerät leisten können. Im Austausch dafür, dass sie dort leben können, putzt sie auch das gesamte Mietshaus. Man sieht auch nicht, dass Priyas ältere Schwester, die selbst erst 14 Jahre alt ist, auf ihre beiden jüngeren Schwestern aufpasst, wenn Mutter und Vater nicht daheim sind.

Wenn man sich das Bild ansieht, sieht man ein sauberes Zimmer, natürlich voller Gebrauchsgegenstände, aber alles schön arrangiert in einer Zimmerecke, die Kleidung der Mädchen einfach, aber sauber, das Haar ordentlich zum Zopf geflochten. Sie achten auf Sauberkeit und Hygiene, die Kinder lachen und spielen. Das ist ihr Zuhause, das ist ihre Familie, das ist es, was sie kennen. Priyas Mutter ist froh, dass Priya in unserer Schule kostenlos lernen kann und wenn sie nach Hause kommt, ein warmes Mittagessen im Bauch hat.

Manchmal kann ein Bild eben nicht die ganze Geschichte erzählen und manchmal sagt ein Bild eben nicht mehr als tausend Worte.

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