Heute möchte ich euch einem Mädchen vorstellen, das seit drei Jahren in unsere Schule geht: Radhika. Sie ist elf Jahre alt und hat gerade das Jahr in der zweiten Klasse begonnen. Wie all unsere Kinder, kommt sie aus einer armen Familie. Und wie alle diese Familien, hat auch diese eine traurige Geschichte zu berichten.
Radhikas Eltern heirateten 1994 in einem Dorf in der Nähe von Vrindavan. Ihre Mutter Meena erzählte uns, dass sie vor fünf Jahren nach Vrindavan gekommen sind, als ihr Ehemann, ein einfacher Arbeiter, erkannte, dass sich die Stadt in der Entwicklung befand und auf den Baustellen immer Leute gebraucht wurden. Er begann dort und bei kleinen Theatergruppen zu arbeiten, wo Bühnen auf- und abgebaut werden mussten und Material von hier nach dort gebracht werden musste.
Zu dem Zeitpunkt hatte das Paar bereits vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. In Vrindavan kauften sie sich von ihrem Ersparten ein Haus auf Meenas Namen. Die Arbeit lief gut und obwohl es kein riesiges Einkommen war, war es doch genug, um das Haus einzurichten, die Kinder zur Schule zu schicken und ohne riesige Sorgen zu leben. Sie hatten sich mit anderen Arbeitern und Mitgliedern der Theatergruppen angefreundet. Meena war glücklich, der Umzug nach Vrindavan schien eine gute Entscheidung gewesen zu sein.
Das dachte sie, bis er mit einem seltsamen Vorschlag heimkam: er hatte eine andere Frau getroffen und wollte, dass sie auch mit einzog. Ungläubig hörte Meena sich das an und sagte ihm dann, naja, lebe mit wem auch immer, aber wenn sie herkommt, will ich Geld, um meine vier Kinder groß zu ziehen! Er antwortete, dass sie das Haus verkaufen sollten – dann würde er ihr Geld geben, sie könnte sich eine Wohnung kaufen und er würde sich eine für sich und seine Liebhaberin kaufen. Wenn man diese Zeilen so liest, hört sich das recht friedlich an, aber in Wirklichkeit streckte sich diese Unterhaltung über Tage hin und artete auch in Handgreiflichkeiten und Gewalt aus. Meena glaubte, ihren Mann nicht mehr wieder zu erkennen – er kam nach Hause, sie stritten, er schlug sie. All die Liebe, die sie zwischen ihnen einmal gespürt hatte, schien verschwunden. Und das alles wegen einer anderen Frau in seinem Leben!
Natürlich weigerte sich Radhikas Mutter, das Haus zu verkaufen, da sie wusste, dass sie einen Ort brauchte, um ihre Kinder großzuziehen. Mit all der Anspannung im Haus, hatte sie die Mädchen zu ihrer Schwester geschickt. Es war gut, dass sie ihre Söhne nicht auch noch weggeschickt hatte. Einige Tage später stritten sie sich so sehr, dass ihr Mann einen Hockeyschläger herausholte und sie damit verprügelte. Sie fiel nach einem Schlag ohnmächtig zu Boden, als ihre Söhne gerade hereinrannten, selbst erst zehn und elf Jahre alt. Sie schrien den Vater an, er solle der Mutter nicht wehtun. Als dieser sah, wie Meena regungslos am Boden lag, bekam er es wahrscheinlich mit der Angst und rannte davon. Die Jungs holten Hilfe, einen Nachbarn, der die Verwandten informierte und sie ins Krankenhaus brachte. Dort musste sie zwei Wochen bleiben, wurde an mehreren Stellen genäht und hatte, wie man sich denken kann, nicht nur körperliche Schmerzen.
Das war vor drei Jahren. Seitdem hat Meena von ihrem Ehemann kein Wort mehr gehört und auch die Kinder haben ihren Vater nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie haben das Haus – aber überleben können sie nur mit Hilfe von Meenas Familie. Meena hat versucht zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Eine Weile lang nähte Kleidung für Götterstatuen sie in den Tempeln Vrindavans, doch dann verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand, eine ihrer Nieren versagte und nun hat sie fast dauerhaft geschwollene Hände und Füße, was ihr die feine Näharbeit unmöglich macht. Ihr Körperzustand lässt sie keine Arbeit mehr finden.
Ihr älteste Tochter, jetzt 17 Jahre alt, hilft im Haus und ihr ältester Sohn bringt durch kleine Hilfsarbeiten nach der Schule ein bisschen Geld mit nach Hause. Radhika geht in unsere Schule und während sie verständlicherweise Ernst und gedankenverloren wirkte, während ihre Mutter uns von diesen finsteren Tagen erzählte, erhellte sich ihr Gesicht, als wir sie über die Schule fragten. Sie hat dort Freunde gefunden, kommt gerne und hat dort viel Spaß. Etwas, das die Mädchen bereits in ihrem jungen Alter wissen ist, dass sie Bildung brauchen, so dass sie Arbeit finden können und sich um sich selbst kümmern können, sollten sie sich jemals in einer ähnlichen Situation befinden wie ihre Mutter!
Wir machen es Radhika und ihren Klassenkameraden möglich, in unserer Schule kostenlos zu lernen. Wenn ihr uns helfen möchtet, Kinder wie sie zu unterstützen, könnt ihr eine Patenschaft für ein Kind übernehmen oder das Essen für einen Tag spenden!
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