Erfahrung der Überschwemmung in Indien – 17 Sep 10

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Als Ramona, Yashendu und Purnendu gestern nach dem Verteilen der Essenspakete aus der überschwemmten Gegend zurückkamen, beschrieb mir Ramona, wie es gewesen war und ich bat sie, das heute auch für das Tagebuch aufzuschreiben.

“Viele von denen, die das hier gerade lesen, waren selbst schon einmal in Vrindavan. Ihr habt die größten Tempel besucht, den weißen Marmortempel von ISKCON gesehen, den die Einwohner Vrindavans einfach nur den ‚Angrez Mandir‘, den Tempel der Ausländer nennen, und ihr seid wahrscheinlich den Parikrama Marg gelaufen, den Pilgerweg um Vrindavan. Kämt ihr heute hierher, könntet ihr nicht um die Stadt herum laufen. Ihr hättet sogar Schwierigkeiten, in der Mitte der Stadt zu laufen. Überall ist Wasser oder Schlamm. Die Straßen sind nicht mehr staubig, sie sind voller Pfützen und schlammiger Löcher, in denen ein Mensch verschwinden kann, sollte er hineinfallen.

Durch all diesen Schlamm und über die Pfützen steuerte Pankaj, unser Fahrer, das voll bepackte Auto, wobei er vorsichtig die Löcher vermied. Während die Jungs Spaß daran fanden, aus dem Fenster zu sehen, einander zu zeigen, wie weit das Wasser gekommen war und zu raten, wie tief die Löcher in der Straße vor uns wohl sind, machte ich mir ernsthaft Gedanken, ob wir dieses Mal unser Ziel erreichen würden.

Das Wasserlevel ist so sehr gestiegen, dass Wasser die niedrigeren Gärten füllt und von dort aus auf die Straße fließt. Das Wasser lässt die Straße aussehen wie ein kleiner See, den man überqueren muss. Wir rumpelten über unsichtbare Steine und Löcher in den Straße, hielten an, um andere Leute vorbeilaufen zu lassen und hörten uns ihre Ratschläge an ‚Hier kommt ihr nicht durch!‘, ‚Die Straße ist überschwemmt, kaputt, kein Weg für Autos!‘ und ‚Vorsicht, hier ist überall Wasser!‘

Ich war kurz davor vorzuschlagen, dass wir hier aussteigen und das Auto stehen lassen, bevor wir wirklich stecken blieben, aber ich hielt mich zurück – Ich wusste nicht, wie wir mehrere Hundert Päckchen Essen noch einen Kilometer weit transportieren sollten, wenn nicht mit dem Auto! Und Pankaj fuhr weiter, beständig und konzentriert, bis wir den Parikrama erreichten, von dem normalerweise eine Straße in die Kolonie führt.

Die Kolonie sieht jetzt aus wir eine halb-versunkene Stadt mit den Häusern bis zur Hälfte im Wasser. Eine Brücke, die die Menschen gebaut haben, um die geflutete Straße zu überqueren ist jetzt selbst überflutet und nur ein paar Pfosten ragen aus dem Wasser auf. Wir stellten unser Auto ab und stiegen aus mit dem Vorhaben, den Parikrama ein Stück hinunterzulaufen bis dahin, wo das Boot war – doch der Parikrama war nicht mehr sichtbar! Das Wasser hat sich bis zu den Mauern und Häusern auf der anderen Seite des Parikrama ausgebreitet und wir mussten dem Bootsfahrer winken, herzukommen und uns am letzten trockenen Fleck des Parikramas abzuholen. Einer der Jungen beschloss, im Auto zu bleiben – er kann nicht schwimmen und hatte Angst davor, weiterzugehen.

Auf der gesamten Überfahrt zu den Häusern der Kolonie saßen wir einfach nur im Boot und staunten, wie sehr sich alles mit der Kraft des Wassers verändert hatte. Einige Häuser sind bereits am Umfallen, eine Mauer, an der ich immer abgezählt hatte, wie hoch das Wasser gestiegen war, war völlig weg – noch acht Reihen Steine, dann einer, jetzt keiner mehr. Wir kamen in der Kolonie an, doch der Ort, an dem wir immer aus dem Boot ausgestiegen waren, war völlig im Wasser. Ich wäre gar nicht erst aus dem Boot ausgestiegen, wäre ich nicht zuvor schon dort gewesen und gesehen, dass es in der Tat festen Boden gab. Wir stiegen aus dem Boot aus und standen sofort bis zu den Knien im Wasser.

Wir schulterten die Kisten mit dem Essen und nahmen die kleineren Kinder auf den Arm. Mit Chhotu, unserem Kleinsten auf dem Arm und meinen Schuhen in der Hand begann ich zu laufen und tastete dabei vorsichtig mit den Füßen den Boden ab, bevor ich sie aufsetzte. Vor meinen Augen sah ich, wie die Straße, die wir in den letzten Wochen mehrere Male gegangen waren, in einen Kanal verwandelt hat und ich dachte an Venedig – doch natürlich mit sehr dreckigem Wasser und den Häusern tief im Wasser. Es war gut, dass ich zuvor schon einmal dort gewesen war, denn so konnte ich mir im Kopf wieder vorstellen, wo zuvor Steinhaufen gewesen waren und wo der Boden zuvor weich und eben gewesen war. Es half überhaupt nicht, nach unten zu sehen. Man konnte kaum einen Zentimeter seiner Beine sehen, wenn sie im Wasser waren.

Wir erreichten eine Kreuzung, die etwas höher lag und trocken war und hielten dort an, um die ersten Päckchen zu verteilen. Wie jedes Mal, als wir dort waren, begannen die Menschen von allen Richtungen zusammen zu kommen und es dauerte eine Weile, bis sie verstanden, dass sie für die Verteilung in einer Reihe stehen sollten. Ich sah mich um und war überrascht zu sehen, wie hoch überall das Wasser gestiegen war und wie manche Straßen, die zuvor noch trocken gewesen waren, jetzt voller Wasser standen.

Wir folgten den Vorschlägen der Leute um uns herum und gingen zu verschiedenen Orten, von denen die Menschen Schwierigkeiten hatten, zu uns zu kommen. Das hieß natürlich auch, dass wir genauso Schwierigkeiten hatten, zu ihnen zu gelangen. Ich war geschockt, das zu sehen. Wie lebten diese Menschen dort? Immer, wenn sie aus dem Haus gehen, werden sie nass. Wenn es regnet, werden sie nass, weil sie auf ihren Dächern leben. Manche von ihnen, besonders Frauen, können nicht einmal schwimmen, sie sitzen wirklich in ihren Häusern fest! Und niemand weiß, wie lange diese Situation so bleiben wird!

Manchmal gingen einige von uns mit einer Tasche voller Essenpakete los und der Rest blieb mit den übrigen Päckchen zurück und wartete, was das Verteilen vereinfachte. Auf einem dieser Trips mussten Yashendu und Purnendu Essenspäckchen auf die Dächer der Häuser werfen, in denen Menschen festsaßen mit dem Wasser um ihr Haus herum. Ich war zu der Zeit zurückgeblieben zusammen mit den Jungs, die jetzt im Ashram wohnen, deren Häuser jedoch in der Gegend sind. Die Mutter von zweien von ihnen war auch bei uns. Ich habe sie jedes Mal getroffen, als wir dort waren und jedes Mal trug sie ihre kleine Tochter mit sich herum. Immer, wenn die Kleine runter wollte, setzte sie sie ab – und das Mädchen lief einige Schritte und spielte mit ihren Brüdern im Dreckwasser.

Immer, wenn wir im Wasser liefen, zog ich meine Schuhe mit der verrückten Idee aus, sie davor zu bewahren, nass oder zu dreckig zu werden. Wir gingen langsam über Ziegel und durch Schlamm und mehr als einmal dachte ich, da muss ein Haufen Blätter unter meinen Füßen gewesen sein, der auseinanderfiel, wenn ich durchlief.

Als wir alle Essens-Päckchen ausgeteilt hatten, hatte die Abenddämmerung bereits begonnen und wir gingen zurück zum Boot, die Mutter der Jungs neben uns her. Sie sah sich wiederholt nach mir um, ob mit mir alles in Ordnung war und ich nicht ins Wasser gefallen war – eine peinliche Situation, die ich sehr versuchte zu vermeiden. Zum Glück gelang mir das und wir erreichten das Boot und die andere Seite des neuen Sees, ohne dass ich oder irgendjemand anderes in das schlammige Wasser fiel.

Als wir den Parikrama wieder erreichten, war es bereits dunkel und Lampen und Lichter der Häuser schienen etwas Licht auf den Weg. Doch das Boot setzte uns nicht dort ab, wo wir eingestiegen waren! Wir mussten über den überschwemmten Teil des Parikrama Marg zurücklaufen, um zum Auto zu kommen. Mit meinen Schuhen in der Hand griff ich nach Yashendu’s Schulter um mich abzustützen: der Boden war mit Steinen übersät und etwas, das sich wie kleine Felsenbrocken anfühlte! Ich sagte Yashendu: ‚Ich weiß nicht, wie die Pilger den Parikrama Marg ohne Schuhe laufen können! Aber ich glaube, wir haben jetzt die Hardcore-Erfahrung: ohne Schuhe, im Dunkeln und in dreckigem Wasser!‘ Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich die erleuchtende Idee meine Schuhe wieder anzuziehen! Wir lachten über uns selbst, die wir hergekommen waren, um anderen zu helfen und unsere Schuhe in den Händen herumtrugen.

Als wir zum Ashram zurückkamen, begrüßte uns mein Mann mit einem Lachen und sagte ‚Ihr stinkt alle schrecklich!‘ Wir merkten das nicht einmal mehr, aber es war offensichtlich warum! Nach einer Dusche und dem Abendessen saßen wir zusammen, sahen uns die Bilder an und Yashendu sagte ‚Oh, erinnerst du dich an diesen Ort? Du sagtest, es fühlt sich an, als würdest du durch Blätter laufen?‘ Ja, da erinnerte ich mich daran. ‚Ja, erinnerst du dich an das letzte Mal, als wir dort waren und dass dort ein Ochse und einige Kühe herumstanden?‘ Ich erinnerte mich auch daran! ‚Naja, sie haben den Ochsen und die Kühe weggebracht, aber dort, wo du gelaufen bist, haben sie die ganze heilige Kuhscheiße gelassen!‘ Wir lachten alle herzlich und ich konnte nicht anders als zu sagen ‚Gut, dass du mir das in der Zeit nicht gesagt hast! Ich wäre wohl durchgedreht!‘

Es war ein Abenteuer für uns, aber wir vergessen nicht, dass es für diejenigen, die dort leben, anders ist. Wir sind uns dessen jedes Mal bewusst, wenn wir die Jungs im Ashram sehen. Ihre Häuser fallen auseinander, ihre Familien sitzen dort fest oder leben in Ashrams in der Umgebung. Viele mehr sind dort und brauchen unsere Hilfe. Wir wollen und werden ihnen helfen. Übermorgen wieder, mit einem weiteren Auto voller Essen, einer weiteren Bottsfahrt und dieses Mal mit Schuhen an den Füßen.“

Wir bereiten uns auf die nächste Essensausgabe vor, also bitte lasst uns weiter eure Unterstützung zukommen.

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