Roger hat mir ein Gedicht geschickt, das er in der Nacht nach dem Tod seiner Mutter geschrieben hat. Er war mit ihr in ihren letzten Stunden. Es hat mein herz berührt und man kann die wundervolle Beziehung von Mutter und Sohn sehen. Diese Liebe ist wunderbar.
'Diese Hände, von Arbeit geprägt, die in den meinen jetzt stille ruh’n, sind fleissige Mutterhände.
Sie haben mich als Kind einst zärtlich gestreichelt, gehegt und gepflegt.
Gewaschen haben sie mich, gewickelt und in den Schlaf gewiegt.
Diese unermüdlichen Hände haben gekocht für mich, die Nahrung mir gereicht, den Mund abgewischt.
Kleider haben sie mir genäht, mit tausend Nadelstichen, liebevoll Socken und Schal gestrickt, Ohrenwärmer und Handschuhe gegen die Winterkälte.
Bei den ersten zaghaften Gehversuchen haben sie mich geführt und mir Sicherheit gegeben.
Diese Hände haben tröstend meine Tränen getrocknet.
In wirren Fiebernächten haben sie meine glühende Stirn gekühlt und die Dämonen verjagt.
Ineinander gefaltet, haben sie mich beten gelehrt.
Beim Schreibenüben haben sie meine ungelenke Hand geführt.
Sie haben mir Kraft und Stärke vermittelt und die Liebe zur Arbeit.
Diese Hände haben mich beschützt und fürsorglich behütet.
Sie haben mir den Weg gezeigt und mich ermutigend in die Welt entlassen.
Sie haben mir die Tür geöffnet und mich stets freudevoll begrüsst.
Diese Hände haben mich zum Traualtar geleitet und mich meiner Liebsten anvertraut.
Nun sind sie alt und schwach, hilflos und müde, vom Leben gezeichnet.
Jetzt, in der schwersten aller Stunden, in der Stunde des grossen Abschieds, halte ich Mutters Hände und begleite sie auf ihrem Weg in eine bessere Welt.
Meine Hand in der Deinen, geliebte Mutter, sind wir bis ans Ende vereint.
Der Kreis hat sich geschlossen.
Ich möchte Dir einen kleinen Teil von all dem geben, was Du mir gegeben hast, ein Bruchstück von dem, was ich Dir schulde.
Mögen jetzt meine Hände Dir Kraft spenden, Geborgenheit und Schutz.
Spürst Du meine ungebrochene Kinderliebe, liebe Mutter, meine unendliche Dankbarkeit und ewige Treue?
Ich will Dir Kraft geben und ernte Trost.'
(20. November 1997)
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