Gestern habe ich die ehemalige Tradition des Sati erklärt, in der Witwen zusammen mit den Körpern der verstorbenen Ehemänner verbrannt wurden. Wir sind froh, dass diese Tradition ein Ende gefunden hat, aber in den Schriften gibt es noch andere Richtlinien für Witwen, die auch heute noch befolgt werden und die ich als nicht viel besser erachte als das Töten der Frauen.
Wenn man die Schriften liest, findet man darin Sati, das Verbrennen der Witwen, und eine Alternative für Frauen. Anstatt sich selbst zu verbrennen, sollen sie den Rest ihres Lebens nur weiße Kleidung tragen, ein bescheidenes Leben führen, nichts genießen und eigentlich nur auf den Tod warten. Sie sollten keine Farben tragen, nur weiß, sie sollten kein Make-up auftragen und keinen Schmuck anlegen. Sie sollten sich nicht bemühen, hübsch auszusehen. An vielen Orten ist es für Witwen sogar üblich, sich die Haare abzurasieren. Diese Frauen sollen in Tempel gehen und dort beten und singen, so dass sie dort ein wohltätig gespendetes Essen bekommen. So sollen sie den Rest ihres Lebens verbringen. Dabei ist es egal, wie jung sie waren, als ihr Ehemann starb.
Die religiöse Erklärung ist, dass sie schlechtes Karma hatte, das ihrem Ehemann Unglück brachte, so dass er starb und sie nun ohne ihn leben muss. Ihre Familie, die glauben, dass sie nicht nur dem Ehemann, sondern auch ihnen Unglück bringt, wollen sie oft nicht mehr bei sich zu Hause haben. In Gegenden, in denen dieser Glaube stark ist, will sie niemand bei wichtigen Zeremonien oder Festlichkeiten dabei haben. Es heißt, dass sie Pech bringen. Darum fordern die Familien sie auf oder schicken sie regelrecht weg, um zum Beispiel nach Vrindavan oder Varanasi zu gehen. In diesen heiligen Städten sollen sie Gott den Rest ihres Lebens widmen. Dort sollen sie beten und singen. Ihre Leben sind für nichts anderes mehr gut.
So kommen auch viele Witwen nach Vrindavan. Es ist bekannt, dass diese Witwen in Vrindavan singen und ihre Arbeit für Gott verrichten. Vrindavan ist eine Stadt, in die Hindus gehen, wenn sie dem Tod nahe sind, weil sie glauben, dass jemand, der in Vrindavan, der Stadt Krishnas stirbt, vom Kreis der Wiedergeburten befreit wird. Diese Frauen, denen gesagt wurde, dass sie nur ein Ziel im Leben haben sollten und das ist das Sterben, kommen also hierher. Es wurden einige wohltätige Organisationen für sie gegründet, damit sie einen Ort haben, an dem sie wohnen können und an dem sie ein bisschen für ihren Lebensunterhalt arbeiten können. Sie singen dort und bekommen ein bisschen was zu essen.
Leider ist das normalerweise nicht genug, so dass sie davon leben könnten. Und so führt diese Tradition zu viel Missbrauch und Ausbeutung. Die Witwen müssen losgehen und sich Arbeit suchen, um zu überleben. Was sollten sie aber tun? Sie sind ungebildet, kommen aus armen Gegenden und haben oft noch nie in ihrem Leben gearbeitet. Einige von ihnen finden Arbeit als Putzfrauen, aber viele sind einfach zu alt, um wirklich zu arbeiten und fangen an, vor den Tempeln zu betteln. Frauen in dieser Situation haben keinerlei gesellschaftliche Stellung und können nirgendwohin. Sie sind nicht sicher, weil sie kein soziales Umfeld haben, das sich um sie kümmert. Darum werden einige von ihnen misshandelt und sogar vergewaltigt. Um zu überleben und nicht an Hunger zu sterben, sehen manche von ihnen, besonders jüngere Witwen, ihre einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen, in der Prostitution. Einigen von ihnen ziehen diese Arbeit vielleicht sogar anderer Arbeit vor, aber ich glaube, sie tun es meistens einfach nur aus Verzweiflung und dem Wunsch zu überleben. Während die Sati Tradition beendet wurde, wird diese Tradition immer noch fortgesetzt und auch heute kommen noch Witwen nach Vrindavan in der Hoffnung, dass sie hier mit Gebet und Singen überleben können. Als jemand, der in Vrindavan aufgewachsen ist, fühle ich besonders für diese Frauen, weil ich sie von meiner Kindheit an gesehen habe.
Ist es nicht schrecklich, was die Religion geschaffen hat? Es ist eine religiöse Tradition und man findet die Wurzeln dafür in den Schriften. Dadurch macht die Gesellschaft genau das Gegenteil von dem, was sie tun wollte. Die Leute sollten für die trauernde Frau da sein und ihr einen Grund geben, das Leben wieder zu genießen! Sie sollten sie dazu ermutigen, sich wieder zu verlieben, vielleicht zu heiraten, etwas aus ihrem Leben zu machen und sich zu freuen, auch wenn ihr Mann verstorben ist. Stattdessen zwingen sie sie dazu, dass ihr Leben ohne ihren Ehemann sinnlos ist! Sie glauben, sie bringe ihnen Unglück. Wir sprechen hier von den Kindern, Geschwistern und anderen Verwandten dieser Frau, die sie eigenhändig aus ihrem Heim vertreiben. Sie sind erleichtert, wenn sie weg ist.
Eine Witwe hat also laut den Schriften zwei Möglichkeiten: entweder bringt sie sich selbst um, indem sie sich zu den Überresten ihres Mannes ins Feuer wirft oder sie lebt ein Leben in Elend. Könnt ihr verstehen, warum viele Frauen freiwillig Satis werden? Nach ihrem Tod werden sie so als heilige Frauen verehrt, anstatt den Rest ihres Lebens in Armut und von ihrer Familie verstoßen zu verbringen und andere anzubetteln, ihnen zu Essen zu geben. Was würdet ihr wählen?
Was mir da auffällt ist, dass es wie üblich keine solche Regel für Männer gibt! Wenn ein Mann seine Frau verliert, trauert er vielleicht eine Weile lang, aber niemand sagt ihm, er solle seinen Lebensstil ändert oder sogar seine Familie verlassen! Es steht ihm frei, eine neue Frau zu finden und das so schnell wie möglich! Wie kann es sein, dass eine Frau es nicht wert ist, ohne ihren Mann ein gutes Leben zu führen, ein Mann ohne seine Frau aber dazu aufgefordert wird, nach einer neuen Frau zu suchen? Wie kommt es, dass eine Witwe ihrer Familie Pech bringen würde und ein Witwer nicht? Wenn ein Ehemann stirbt, ist es das schlechte Karma der Frau. Wenn sie stirbt, war es ihr eigenes schlechtes Karma. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?
Diese Ungleichheit existiert nur aus einem Grund: Männer herrschten in der Gesellschaft und verfassten die Schriften mit diesen Richtlinien und Regeln. Männer schrieben, dass Frauen ewig leiden sollten, wenn sie einmal sterben. Für sich selbst dachten sie sich keine solche Regel aus, denn wenn ihre Frau sterben sollte, würden sie ungerne das gleiche, elende Leben leben. Sie würden nichts in die Schriften schreiben, was ihnen einen Nachteil verschaffen würde!
Da sehen wir also wieder einmal, wie unfair Religion ist, wie viele Regeln alt und einfach nur falsch sind und wie wir unser tägliches Leben und unsere Gesellschaft verändern müssen. Viele moderne Frauen glauben nicht mehr an diese Tradition, in vielen Gegenden wird sie nicht praktiziert und gebildete Frauen wissen, dass sie auch nach dem Tod ihres Ehemannes leben und arbeiten können. Das ist schon gut, aber noch nicht genug. Wir müssen Veränderung bringen und damit auch die Geschlechtergleichheit für dieses Land, diese Kultur und diese Gesellschaft. Solche Traditionen zeigen, dass es immer noch ein weiter Weg ist.
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