Ich habe einen Freund in Deutschland, den ich jedes Mal treffe, wenn wir hier sind und der Religionslehrer ist. In Deutschland ist Religion ein Unterrichtsfach in der Schule, mit der Möglichkeit katholisch oder evangelisch christlichen Unterricht zu wählen oder stattdessen auch das nicht-religiöse Fach ‚Ethik‘, wenn man sein Kind keines von beiden lernen lassen will. Da ich wusste, dass mein Freund nicht wirklich eine religiöse Person ist, fragte ich ihn dieses Mal: ‚Unterrichtest du nur Religion oder glaubst du auch daran?‘
Seine Antwort: ‘Oh, ich unterrichte nur, ich glaube nicht!‘
Ich fand seine Erklärung dieser Tatsache recht interessant und dachte, vielleicht wäre das auch für euch etwas. Die Hauptsache ist, so meinte er, dass er die Bibel nicht als heiliges Buch ansah, sondern als Sammlung alter, religiöser Texte. Laut ihm sind es nicht, wie manche Leute glauben, wörtliche Aufzeichnungen der Worte Gottes, sondern eher eine Zusammenstellung von Geschichten, geschrieben von unterschiedlichen Leuten, sogar zu verschiedenen Zeiten mit dem Ziel, mit Beispielen und Symbolen eine Botschaft zu übermitteln.
Das muss man erkennen, wenn man sich die Bibel ansieht. Sie ist voller Symbole und Metaphern, die Leute in alten Zeiten brauchten, um die Nachricht dahinter zu verstehen. Man kann das also nicht wörtlich nehmen, man muss herausfinden, was sie sagen wollten. Und man muss erkennen, ob diese Botschaft in die heutige Zeit passt oder nicht.
Das Interessante ist laut ihm jedoch eher wissenschaftlich: in der heutigen Kultur und dem heutigen Leben kann man den Einfluss der Religion sehen, dieser Texte und Werte, die sie bereits vor Tausenden von Jahren vermittelt haben. Es sind historische Dokumente, die uns die Entwicklung unserer Gesellschaft zeigen! Die Werte, das Verhalten, die Sprachen und der Lebensstil von Europäern ist vom Christentum geprägt worden!
Es gibt andere Religionslehrer, sogar an der Schule meines Freundes, erzählte er, die die Bibel wirklich wörtlich nehmen! Sie glauben und unterrichten diese alten Texte Wort für Wort. Das ist natürlich lächerlich und die Schüler wissen das auch – aber es gibt alle Arten von Menschen und darum sollte man meiner Meinung nach auch so etwas wie eine Religionsklasse haben: die Möglichkeit, dass ein verrückter Führer einer christlichen Sekte versucht, deine Kinder für sich zu gewinnen, ist einfach zu groß! Dieses Feld ist einfach zu voll von Behauptungen, die man nicht beweisen kann und Möglichkeiten des Fanatismus, dass für mich nur ein rein wissenschaftlicher Ansatz Sinn macht.
Ich verstand also, als mein Freund sagte ‚Ich bin ein Wissenschaftler, kein Geistlicher. Wir haben beide Theologie studiert, aber es sind ganz unterschiedliche Wege!‘
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