Perfektionismus ist keine perfekte Idee – 30 Okt 10

Psychologie

Vorgestern habe ich über Yogalehrer geschrieben, die in ihren Übungen und ihrem Unterricht perfekt sein wollen. Ich hatte schon oft den Eindruck, dass Perfektionismus eine Art westliche Krankheit ist. Ich meine damit, dass es eine sehr übliche Einstellung ist in den Ländern, in denen ich gereist bin. Die Menschen leben unter viel Druck, glauben, dass sie müssten die perfekte Mutter, die perfekte Tochter, der perfekte Bruder, der perfekte Großvater, der perfekte Partner, der perfekte Freund, der perfekte Schüler und der perfekte Lehrer sein. Das Problem ist, dass das jede Menge Stress auslöst, jede Menge Anspannung und am Ende leidest du unter Burn-out oder Depressionen und macht wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Dinge, die man eigentlich machen wollte, weil man Angst hat fehlzuschlagen.

Ich habe persönlich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass man viel glücklicher sein kann, wenn man so nicht zögert. Seht euch zum Beispiel mein Englisch an: Ich spreche englisch, obwohl ich weiß, dass ich Fehler in Grammatik und Aussprache mache und nicht immer die richtigen Worte finde! Über die Jahre hat sich das gebessert, aber ich habe vor acht Jahren schon Vorträge in englisch gegeben! Ihr könnt euch vorstellen, wie zu der Zeit mein Englisch war, aber ich habe trotzdem gesprochen und ich bin mir sicher, die Menschen haben auch in der Zeit verstanden, was ich sagen wollte!

Was ich damit sagen will ist, warte nicht damit, etwas zu beginnen, weil du meinst, du bist nicht perfekt. Ein Perfektionist wird immer zögern, aber du kannst diese Einstellung langsam hinter dir lassen, indem du anfängst, dich zu trauen! Ich habe Menschen getroffen, die sagen, sie würden erst zu sprechen beginnen, wenn sie die Sprache perfekt beherrschen. Die Wahrheit ist jedoch, dass du nie perfekt sein wirst und nie die Ausdruckskraft haben wirst, die ein Muttersprachler hat. Fang also einfach an!

Perfektionismus erzeugt auch Minderwertigkeitskomplexe. Du siehst jemanden, der irgendetwas besser kann als du und du fühlst dich schlecht. Du willst singen und weißt, dass du ‚ein bisschen singen kannst‘, aber da ist jemand, der viel besser singt, also bist du schüchtern! Deine Füße bewegen sich zu der Musik, aber da ist noch ein anderes Mädchen, dass so toll tanzt, wie könntest du da neben ihr das tanzen anfangen, du würdest dich ja lächerlich machen! Wenn du diese Definition der Perfektion hast, wirst du nie etwas tun können! Selbst wenn du meinst, du hast in einem Bereich des Lebens Perfektion erreicht, bist du so stolz, dass du schwerlich umhin kannst, das auch zu herzuzeigen! Und während du gerade damit angibst, wie toll du singen, tanzen oder irgendetwas anderes, zum Beispiel Kopfrechnen kannst, gibt es jemanden in der Nähe, der plötzlich besser ist als du. Jemand, der dir die Schau stiehlt. Wie peinlich wäre das?

Du siehst also, du kannst es so viel versuchen wie du willst, du wirst nie perfekt und besser als alle anderen sein und du wirst sicher nie perfekt in allem sein. Der Wunsch perfekt zu sein ist von dem Wunsch getrieben, ein Meister des Fachs, ein Experte zu sein. Wenn du diesen Wunsch ablegen kannst und in deinen Kopf bekommst, dass es immer eine Möglichkeit gibt, sich zu verbessern und etwas zu lernen, wirst du um einiges glücklicher sein. Ich sehe mich gerne als Schüler, nicht als Lehrer. Jemand, der alles versucht, um zu sehen, wie er sich verbessern kann. Verbesserung ist immer möglich, doch du bist gut, so wie du bist!

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