Wenn ich an meine Zeit in Australien im Jahr 2006 zurückdenke, erinnere ich mich an einen weiteren Vorfall, von dem ich euch erzählen möchte. Es geht um Privatsphäre, Intimität und moralische Werte in therapeutischen Berufen.
Ich hatte ein einwöchiges Programm in einer Stadt und wie gewöhnlich gab es an den Abenden einige Workshops und Meditationen. Wie oft, sah ich mehrere Gesichter nicht nur in einer dieser Veranstaltungen, sondern öfter und viele von ihnen kamen auch zu Einzelsitzungen. Eine von ihnen war eine Frau in etwa in meinem Alter. Ich hatte sie in den Veranstaltungen gesehen, aber nicht viel mit ihr gesprochen, da immer viele andere Leute außen herum waren. Wir hatten einige Worte gewechselt, aber nicht mehr und nach einigen Tagen war sie schließlich da und saß vor mir in dem Zimmer, in dem ich Einzelsitzungen gab.
Es war eine Beratungssitzung, während der wir uns recht eingehend über ihre mentale Situation unterhielten, da sie mit Familienproblemen zu mir gekommen war. Wir diskutierten einen anderen Sichtpunkt, wie sie mit den Problemen etwas besser umgehen könnte und wie sie sich von all dem nicht so sehr runterziehen lassen könnte, wie sie es nun tat. Es half ihr.
Doch nach diesem Gespräch began sie ein weiteres Thema. Sie erzählte mir, ganz frei heraus, dass sie in mich verknallt war. Sie fand mich attraktiv und nett und würde dieses Gefühl der Anziehung noch gerne etwas weiter erkunden. Mit den Worten meines eigenen Vortrags sagte sie mir, da sei doch nichts falsch dran, wenn zwei Menschen, die beide in keinerlei Beziehung waren und sich an niemand anderen gebunden fühlten, miteinander intim würden. Schließlich hatte ich selbst gesagt, ich glaube nicht an ein Leben im Zölibat, warum also nicht? Sie würde mich abholen kommen und wir könnten zusammen irgendwo hingehen, vielleicht auch zu ihr nach Hause.
Sie war eine schöne und sehr liebe Frau und die Art, auf die sie diese Worte sagte, war in keinster Weise vulgär. Mir gefiel diese offene Annäherung und ich konnte der Tatsache nur zustimmen, dass sie und ich Singles waren und deshalb, allgemein gesehen, auch etwas private Zeit miteinander verbringen könnten. Ja, wäre da nicht dieses eine Gefühl und dieser Gedanke gewesen: Ich konnte nicht mit jemandem ausgehen, den ich gerade erst beraten hatte, mit dem ich gerade eine therapeutische Sitzung hinter mir hatte.
Ich brauchte nur einige Augenblicke, um dieses Gefühl auch wirklich in Worte zu fassen. Ich konnte nicht, sagte ich ihr, aufgrund der Weise, wie wir uns kennen gelernt hatten. Wenn das anders gewesen wäre, hätte ich ihr Angebot vielleicht angenommen. In dieser Situation jedoch fühlte ich mich nicht danach und konnte es also nicht.
Wir gingen als Freunde auseinander.
Für mich war es schön zu sehen, dass diese Begegung, obwohl sie anders hätte enden können, obwohl sie zu Sex hätte führen können und nicht tat, friedvoll miteinander endete. Sie hätte sehr enttäuscht sein können oder auch wütend mit dem Gefühl, zurückgewiesen geworden zu sein, was ich ja zuvor auch schon erlebt habe, doch so offen, wie sie mit ihrem Vorschlag war, so problemlos war es für sie auch, als ich ablehnte. Und so sollte es meiner Meinung auch sein.
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