Nachdem die Holi-Feiern in Vrindavan vorüber waren, machte ich mich schon wieder bereit dafür, von zu Hause abzureisen. Es war mir bereits zur Routine geworden, für Holi in Indien zu sein und daraufhin bald wieder abzufahren, bevor es in Indien richtig heiß wurde. Doch im Laufe der Jahre hatten sich meine Reisen in vielerlei Hinsicht sehr verändert.
Zum Einen reiste ich nun mit Yashendu. Im vorigen Jahr hatten wir die Internationale Yogalehrerausbildung mit der Universität von Köln begonnen und waren demnach in der Mitte der zweijährigen Ausbildung. Also waren wir zu zweit, nicht mehr nur ich allein.
Ich war mir nun auch sicher, wohin ich zu diesem Punkt im Jahr reisen wollte: nach Deutschland. Nicht nur, weil ich mit der Yogalehrerausbildung dort etwas zu tun hatte. Nein, auch, weil ich sehr gern nach Deutschland ging. Ich hatte schon viel Zeit dort verbracht und das Land, die Kultur, die Natur, die Landschaften und auch die Menschen waren mir ans Herz gewachsen.
Ich mochte die deutliche Art, mit der die Deutschen sich ausdrücken. Ihr Organisations-Talent und ihr Verantwortungsbewusstsein. Wenn sie zustimmen, etwas zu tun, nehmen sie ihre Verantwortung ernst und man kann normalerweise darauf zählen, dass die Leute einem helfen. Und natürlich hatte ich bereits viele Freundschaften geschlossen und damit Freunde, die ich nun wiedertreffen würde. Als wir also auf dem Weg zum Flughafen waren, freute ich mich schon.
Selbst die Reise an sich hatte sich verändert, verglichen mit meinen früheren Reisen in Indien. Immer, wenn ich in Indien in einem Zug gesessen war, hatte ich meinen Mund geschlossen gehalten und mit niemandem um mich herum gesprochen. Ich wollte mit niemandem reden, weil sich ein Gespräch für gewöhnlich immer in die gleiche Richtung bewegte: jemand fragte mich um Ratschläge und Führung auf seinem Lebensweg, bat mich um Segen oder um Weisheit aus den Schriften. Ich freute mich immer, wenn ich jemandem helfen konnte, aber hätte ich mich auf einer Zugfahrt von eineinhalb Tagen auf eine solche Unterhaltung eingelassen, hätte ich sicher eine Menschenmenge an Zuhörern um mich herum gehabt – da niemand im Zug etwas anderes zu tun hat – und ich hätte praktisch Vorträge in öffentlichen Transportmitteln gegeben. Ich hatte keine Absicht, so viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und deshalb reiste ich normalerweise in Stille.
Doch nicht, wenn ich außerhalb Indiens reiste. Ich hatte Indien sowieso verlassen, um etwas Neues zu tun, etwas anderes. Ich wollte mit anderen Leuten zusammenkommen – und als ich so an den Flughäfen und Bahnhöfen stand, in den Zügen oder Flugzeugen saß, blieb ich nicht stumm. Ich sah nicht nur aus dem Fenster oder nach unten. Ich nahm meine Umgebung in mich auf und sah mir die Menschen um mich herum an. Ich hatte meine Augen und meinen Geist offen – und das konnten die Leute sehen.
Ich wurde oft angesprochen und es wurden mir Fragen gestellt – nach meiner Kleidung, meinem Zielort, meiner Arbeit, meiner Philosophie, meinem Namen und meinen Kontaktdaten oder meinem nächsten Programm. Ich traf Leute auf der Reise. Ich wurde eingeladen, Gespräche begannen, wir schlossen Freundschaften. Ich lernte auf diese Weise viele Menschen kennen – unterwegs. Und es machte mir Spaß.
Eine dieser Begegnungen war recht interessant, aber davon erzähle ich euch nächste Woche.
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