Natürlich hatte ich auch Zeit, andere Dinge zu tun, als ich 2002 in London war. Mehrere Leute wollten mir gerne die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten zeigen. Eine Frau, die immer zu meinen Programmen kam, fragte mich, ob ich mir gerne die Stadt ansehen würde. Als ich zustimmte, erzählte sie mir, dass sie eine Tochter hatte, die etwas jünger war als ich und die sich freuen würde, wenn sie mich ein bisschen herumführen dürfte. Ich kannte ihre Tochter nicht, da sie nie zu meinen Vorträgen gekommen war, aber ich hatte keinen Grund, das Angebot auszuschlagen.
Ein paar Tage später wurde ich also von ihrer Tochter abgeholt. Wir gingen durch die Stadt und unterhielten uns etwas, als sich die junge Frau plötzlich zu mir umdrehte und mit einem halben Lächeln sagte: ‚Weißt du, warum meine Mutter mich geschickt hat und will, dass ich mit dir Zeit verbringe?‘ Ich lächelte breit zurück und sagte ‚Ja, ich weiß genau so viel, wie du weißt‘. Wir lachten beide und unterhielten uns noch etwas länger darüber, wie Inder in London es liebten, andere zu verkuppeln. Wir verbrachten einen schönen Tag zusammen, entwickelten aber nicht die Gefühle füreinander, die ihre Mutter sicher gerne gesehen hätte.
Die Verkuppelei beschränkte sich nicht nur auf anwesende Personen. Wie in einer Kultur üblich, in der arrangierte Ehen normal sind, denken die Leute ständig daran, wer mit wem zusammenpassen könnte. Eine andere Frau, die immer zu meinem Programm kam, fragte mich mehr zu meinen Geschwistern. Ich erzählte, dass ich zwei Brüder und eine Schwester hatte. Das erweckte ihr Interesse und sie fragte mich, wie alt meine Schwester war. Bei meiner Antwort nickte sie und fragte mich, ob ich meine Schwester gerne an jemanden in London verheiraten würde. Meine Antwort war, dass es mir gleich war, wo meine Schwester heiraten würde, in London oder irgendwo in Indien.
Diese Frau kannte meine Schwester nicht und ich hatte keine Ahnung, an wen sie als zukünftigen Ehemann dachte. Sie kannte nur mich und weil ich eine gute Person war, wäre es meine Schwester sicher auch. Sie fragte mich, ob ich ein Bild dabei hatte und als ich das verneinte, gab sie mir ihre Kontaktdaten, so dass ich ein Bild meiner Schwester und ihre biographischen Daten schicken könnte, wenn ich heimkam.
Es machte mir nicht wirklich etwas aus, dass sie meine Schwester verheiraten wollte. Ich war an das Konzept der arrangierten Ehen gewöhnt und dachte zu Beginn sogar, das wäre eine gute Idee. London ist eine schöne Stadt, eines der großen Zentren der Welt und viele Menschen hätten gerne die Möglichkeit, dorthin zu ziehen und dort zu leben. Was auch immer meine Schwester glücklich machen würde, würde auch mich glücklich machen.
Dieser Gedanke ließ mich jedoch erkennen, dass es für sie vielleicht doch keine so gute Idee wäre hierher zu heiraten. Ich hatte die Kultur der Londoner Inder nun etwas erlebt und fühlte, dass sie eigentlich altmodischer und konservativer waren, als wir in Indien. In der Bemühung, ihre Kultur weit weg von zu Hause zu bewahren, waren sie nicht so modern wie die Menschen in Indien. Und ich wusste, dass meine Schwester modern dachte und am Leben in London wahrscheinlich nicht viel Freude hätte. Meinem Gefühl nach wäre sie dort nicht sehr glücklich, weil sie freier dachte, als die meisten Inder, die ich dort getroffen hatte.
Also hörte ich zu, nickte und nahm die Kontaktdaten, machte mir aber nicht die Mühe, meiner Familie von dieser Idee zu erzählen, als ich nach Hause kam.
Ich hatte noch mehr Programm mit Menschen ausgemacht, die zu meinen Vorträgen kamen und die bei sich zu Hause auch etwas organisieren wollten. Diese Programme sollten etwa einen Monat später stattfinden und bis dahin hatte ich also noch frei. Ich beschloss, nach Deutschland und auch in die Schweiz zu reisen, wo ich einen Freund hatte. Also ließ ich meinen Musiker in London und Anfang Sommer 2002 nach Lüneburg. Ich wusste, ich würde dort mit den Patienten meines Freundes, des Arztes, etwas Arbeit haben. Ich freute mich darauf, hatte aber gleichzeitig noch ein bisschen persönliches Interesse daran, nach Lüneburg zu kommen: Ich erinnerte mich sehr gut daran, wie ich dort meine Jungfräulichkeit verloren hatte und ich hatte die Telefonnummer des Mädchens dabei, in der Absicht, sie anzurufen, wenn ich in Lüneburg ankam.
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