Wie ich euch bereits erzählt habe, waren die Monate gegen Ende 2004 und Beginn 2005 nicht nur eine Zeit, in der ich mich von meiner Knie-Operation erholte, sondern während der wir auch viele Besucher im Ashram hatten. Es waren Europäer, Australier und auch einige Besucher aus Neuseeland und Fiji, bei denen ich auf meinen Reisen gewohnt habe. Unser Ashram war schon immer ein offener Ort gewesen und so begann es damals, dass hier oft Menschen unterschiedlicher Nationalitäten beisammen saßen. Ich erinnere mich an mehrere lustige Ereignisse, die das Ergebnis vom Aufeinanderprallen der Kulturen waren – und das besonders mit der westlichen und der indischen Kultur.
Als wir zum Beispiel Besucher aus Deutschland hatten, wo ich ja lange Zeit gereist war, gab es einen solchen Vorfall. Unsere deutsche Freundin saß in der Ashram Eingangshalle und beobachtete das Ashram-Leben um sie herum, als einer unserer Nachbarn den Weg des Ashrams heraufkam. Er war gekommen, um uns zu einer Feier einzuladen, die er geplant hatte. Während er auf meinen Bruder wartete, mit dem er sich noch unterhalten wollte, drehte er sich zu der deutschen Frau um. Sie tauschten ein begrüßendes Lächeln und ein ‚Namaste!‘ und er fragte ‚Wo kommst du her?‘ – Wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage für Ausländer in Indien. Sie antwortete ‘Aus Deutschland.’ Und mit einem Lächeln und voller Enthusiasmus, dass er etwas über ihr Land wusste, sagte er ‚Oh, Hitlers Land!‘ Ich lief gerade vorbei und hatte diese kurze Unterhaltung mitbekommen. Jetzt drehte ich mich um und sah, wie unsere Freundin ihn ansah, völlig verdutzt und unsicher, was sie denn dazu sagen sollte. Sie war überrascht, fühlte sich vielleicht ein bisschen angegriffen, gleichzeitig jedoch fand sie das auch amüsant. Das war das Einzige, was dieser Mann von Deutschland wusste und so versuchte er eben, eine Unterhaltung zu beginnen – es war ein Versuch ohne böse Absicht! Es hat uns auf jeden Fall einiges an Lachern beschert, jedes Mal, wenn wir die Geschichte später jemandem erzählten.
Auch Menschen mit indischen Wurzeln, die in anderen Ländern aufgewachsen sind, kommen in solche Situationen – weil ihre Kultur eigentlich nicht mehr wirklich indisch ist. Einer meiner Freunde aus England, dessen Vorväter aus Indien ausgewandert waren, war uns einmal in Indien besuchen gekommen. Gleichzeitig kamen auch einige Pilger in den Ashram, um mit meinem Vater zu reden. Einer von ihnen traf meinen Freund auf dem Ashram-Weg und begann eine Unterhaltung – oder eher, ein Verhör:
‘Wo kommst du her?’
‘Aus England.’
‘Was machst du?’
‘I arbeite.’
‘Was arbeitest du?’
‘Ich bin Steuerberater.’
‘Wie viel verdienst du?’
Meinem Freund blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Wie kann man denn einfach einen vollkommen Fremden nach seinem Einkommen fragen? In dem Augenblick sah er mich in der Nähe mit jemand anderem reden, murmelte etwas wie ‚Lass uns das später besprechen‘ und drehte sich so höflich wie möglich von dem Fremden weg, um zu mir zu kommen.
An einer weiteren Gelegenheit hatten wir eine Feier im Ashram und hatten indische und westliche Freunde eingeladen. Alle waren zusammengekommen und es schien, als hätte sich eine indische Gruppe und eine westliche Gruppe geformt. Um das ein bisschen zu mischen, stellten wir einzelne Personen beider Gruppen einander vor, so dass sie nicht anders konnten, als ihre Schüchternheit zu überwinden und Unterhaltungen anzufangen. Ich war Zeuge einer dieser Unterhaltungen, zwischen einer schweizer Frau und einer indischen Frau. Sie wurden einander vorgestellt und erfuhren, dass sie beide Lehrerinnen waren, was dazu führte, dass sie einander sagten, wie sehr sie ihre Arbeit mochten. Es war eine angenehme Unterhaltung, bis unsere schweizer Freundin unschuldig die Hand auf den – zugegebenermaßen umfangreichen – Bauch unserer indischen Freundin legte und sagte ‚Aber du unterrichtest wohl nicht mehr lange! Wie weit bist du, sechs oder sieben Monate?‘ Dabei war sie überhaupt nicht schwanger – was für eine Person leichte Peinlichkeit bedeutete, für alle anderen aber zu großer Heiterkeit führte. Wir sind nur froh, dass unsere indische Freundin eine realistische Einschätzung ihres Körperumfangs hat und mitlachte, was wiederum unserer schweizer Freundin ein besseres Gefühl gab!
Es ist immer schön, Menschen anderer Kulturen um einen zu haben und nicht nur 2004, sondern auch in den Jahren danach bis heute, haben wir gelernt, dass das Wichtigste ist, mit Liebe zu handeln und über solche Handlungen zu lachen – und wenn man miteinander lacht, machen kulturelle Unterschiede nicht mehr viel aus.
Mit solchen und ähnlichen Gedanken beendeten wir das Jahr 2004.
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