Ist religiöses Predigen eine darstellende Kunst oder eine göttliche Handlung? – 25 Sep 11

Stadt:
Vrindavan
Land:
Indien

Zu meinen Vorträgen und dem Programm in London, im Jahr 2002, kamen nicht nur junge Menschen auf der Suche nach Partnern. Im Publikum befanden sich auch ältere Menschen, die an den Schriften interessiert waren. Das waren hauptsächlich auch diejenigen, die in meiner Freizeit zu mir kamen, um über das zu sprechen, was ich auf der Bühne gesagt hatte. Sie kamen entweder zu mir oder sie luden mich zu sich nach Hause ein.

In meinen Vorträgen gab ich den Menschen immer die Möglichkeit, Fragen zu stellen, aber einige gingen tiefer und bedurften einer längeren Antwort, so dass es gut war, wenn wir etwas Zeit hatten, privat darüber zu sprechen. Fragen und Antworten waren also auch ein normaler Teil meiner Arbeit. Diese Zeit mit den älteren indischen Londonern machte mir auch viel Spaß. Sie sprachen gutes Hindi, oft besser als ihre Kinder, und sie hatten 50 Jahre oder mehr damit verbracht, die Schriften zu lesen, religiöse Texte zu verstehen und Zeremonien durchzuführen. Ich war jung, hatte aber von meinem Vater und anderen Lehrern gelernt und konnte mit diesem Wissen und meiner Erfahrung dieser Arbeit in Indien ihre Neugier stillen. Ich sehe mich immer noch als Schüler, war in meinem Beruf aber gut genug, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist mehrmals geschehen, dass ich ihnen eine Interpretation einer Schrift erklären konnte, die sie selbst in ihrer langen Zeit des Studiums nicht verstanden hatten. Das hat mir natürlich ihren Respekt eingebracht.

Es hat auch ihren Eindruck verstärkt, dass ich eine besondere und heilige Person sei. Ich war der Guru und in ihren Augen war ich göttlich und heilig. Ich gab sehr gute Antworten zu den Fragen des Lebens und sie, die 70-jährigen Männer konnten mir, dem 30-Jährigen Fragen stellen. Das hat natürlich den Eindruck gestärkt, den sie bekommen hatten, als ich auf der Bühne war.

Ich sehe die Bühnenauftritte als eine Kunst. Jeder, der auf die Bühne kommt, muss ein Künstler sein. Selbst Menschen mit viel wissen, die ein Thema lange studiert haben und darin Universitätsabschlüsse gemacht haben, werden zu Künstlern, wenn sie auf die Bühne kommen, um ihr Wissen zu präsentieren. Auf der Bühne muss man etwas aufführen. Man muss ein Bühnenprogramm haben, egal in welchem Bereich man etwas aufführt. Als ich auf die Bühne stieg, trug ich schöne, bunte Kleidung, ein wirklich gutes Outfit, das mich im besten Licht erscheinen ließ. Natürlich hatte ich auch das traditionelle, religiöse Make-up mit Sandelholz und Tilak im Gesicht. Ich bin auch ein Künstler und guter Darsteller. Dazu hatte ich aber auch das Wissen, um das interesse der Menschen und ihren Wissensdurst zu stillen.

Das Problem bei religiösen Darstellungen ist, dass die Menschen sofort meinen, dass ein guter Darsteller und selbst jemand, der etwas mehr Wissen hat, heilig ist. Wenn jemand viel gelernt hat und ein tieferes Verständnis hat als man selbst, das er sodann noch auf sehr gute Weise präsentieren kann, ist er deswegen noch nicht göttlich! Er hat sich dafür angestrengt und ist ein guter Künstler. Es mag sein Talent sein, aber er ist nicht Gott. Das geschieht in keinem anderen Bereich, nicht in der Musik, nicht in der darstellenden Kunst, nur in der Religion. Und ich war der Guru. Ich hatte Wissen, ich war ein guter Darsteller und ich habe die Menschen beeindruckt. Für sie war ich heilig.

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