Unter den vielen Leuten, die ich 2005 getroffen habe, war da auch noch ein Rentner, mit dem ich eine Freundschaft schloss und der mir seine Lebensgeschichte erzählte. Ich hatte bereits viele ähnliche Fälle gesehen, doch weil wir uns näher kamen, erfuhr ich auch mehr Einzelheiten, was mir wieder einmal zeigte, dass die Lebensweise des Westens, getrennt von der Familie, für die mentale und emotionale Situation nicht wirklich gut ist, besonders, wenn die Leute älter werden. Es macht sie einsam!
Das war der vorherrschende Eindruck, den ich immer wieder hatte, wenn ich mich mit meinem neuen Freund unterhielt. Obwohl er mit seiner Frau zusammenlebte, fühlte er sich einsam. Er hatte nicht viele enge Freunde und seine Familienbande waren auch nicht sehr stark. Im Gegenteil, mit einigen seiner Verwandten hatte er große Diskussionen und sogar ausgewachsenen Streit gehabt.
Er erschien mit emotional sehr gestört mit Narben aus der Kindheit mit einem cholerischen Vater und im Allgemeinen enttäuscht von der Welt. Dieser Eindruck bestätigte sich, als er mir erzählte, er hätte bereits zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen – offensichtlich ohne Erfolg.
Ich hatte den Wunsch, ihm zu helfen und so wurden wir zu Freunden. Ich dachte, wenn sich jemand einsam fühlt, so ist es doch das Einfachste, ihm zu helfen, indem man einfach nur da ist für ihn. Ich war da. Er lud mich ein, bei sich Programm zu geben und ich kam zu Besuch. Es war recht erfolgreich, wie üblich an einem neuen Ort und er freute sich, da er dadurch viele neue Leute kennen lernte. Er dachte, er könne mit einigen sogar eine Freundschaft aufbauen, was mich natürlich auch freute! Ich lud ihn und seine Frau ein und sie kamen auch nach Indien zu Besuch.
Als wir uns näher kamen, begann er, mich Bruder zu nennen, da er nie zuvor mit jemandem diese brüderliche Verbindung empfunden hatte, nicht einmal mit seinem eigenen, wahren Bruder. Für mich war das völlig in Ordnung – in Indien ist es ganz normal, jemanden als Bruder, Schwester, Tante oder Onkel zu bezeichnen, nur um zu zeigen, dass man dieser Person wie einem Verwandten nahe steht.
Für ihn jedoch war das etwas ganz Besonderes und das ließ mich wieder einmal die kulturellen Unterschiede erkennen. In Indien, in der normalen Situation einer Familie, gibt es immer einige Verwandte, die im gleichen Haus wohnen, mit denen man den ganzen Tag über mal was redet, mit denen man Zeit verbringt und denen man vertrauen kann, mehr als man jemand anderem je vertrauen könnte. Die Familienbande sind normalerweise recht stark.
Bei diesem Mann und bei vielen zuvor konnte ich sehen, dass die Leute es im Westen wichtig finden, unabhängig zu sein. Sie wollen nicht mit ihrer Familie zusammenleben – wer das tut, wird als schwach angesehen, als wäre er nicht stark genug, alleine zu sein. Es wird einem sehr früh beigebracht, dass man in der Lage sein muss, alleine zu sein. Wenn man einen Partner findet, so ist das gut, wenn man Kinder hat, so kann man mit ihnen Zeit verbringen, bis sie erwachsen sind, aber danach, wenn man alt ist, ist man auf sich selbst gestellt.
Es schmerzt die Menschen, aber so akzeptieren sie es am Ende. Sie sind von ihrer Familie enttäuscht, vom ganzen System, von der Tatsache, dass es so normal ist, allein zu sein. Es ändert sich jedoch nichts und darum verbringt eine Generation nach der anderen ihr Alter allein, einsam, und vermisst die Liebe der Familie um sich herum.
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