Nach einigen weiteren Programmen an verschiedenen Orten in Europa, kam ich 2005 schließlich gegen Ende der Regenzeit zurück nach Vrindavan. Es war genau die Zeit, für die eine neue Freundin aus Deutschland auch ihren Besuch bei mir und meiner Familie geplant hatte. Sie überraschte mich während sie da war mit einer Bemerkung, die mich über die Nähe von Beziehungen nachdenken ließ und da natürlich auch über die Unterschiede zwischen Deutschland und Indien – denn diese Unterschiede schienen gewaltig!
Ich erkläre euch die ganze Situation am besten von Beginn an. Diese Frau war 2005 eine der Organisatorinnen für mein Programm und ich war auf meiner Reise zweimal bei ihr gewesen. Sie hatte den Wunsch geäußert, Indien und das Taj Mahal zumindest einmal im Leben zu besuchen. Eine Indienreise war schon seit Langem ihr Wunsch gewesen, aber sie hatte sich bis dahin einfach nie getraut. Nun, da sie endlich jemanden gefunden hatte, der in Indien wohnte, wollte sie diesen Traum verwirklichen. Ich lud sowieso jeden, den ich traf ein, uns in Indien zu besuchen und ich freute mich, dass sie diese Einladung annehmen wollte.
Als sie mir am Telefon erzählte, dass sie kommen wollte, erklärte sie mir, dass sie nicht alleine reisen wollte, weshalb sie in Begleitung einer anderen Frau kam. Das war für uns vollkommen in Ordnung, wir holten die beiden am Flughafen ab und brachten sie zum Ashram. Wir zeigten ihnen die Stadt und auch das Taj Mahal in Agra. Sie hatte eine tolle Zeit und uns machte es auch Spaß.
Irgendwann fragte ich inmitten einer Unterhaltung etwas wie ‚Macht dir und deiner Freundin euer Urlaub Spaß?‘ oder stellte eine ähnliche, einfache und normale Frage. Ihre Antwort darauf fiel überraschend stark aus. Sie sagte sofort ‚Oh, sie ist doch keine Freundin! Sie ist einfach nur meine Reisebegleitung!‘
Ich sah sie überrascht an und fragte ‘Sie ist nicht deine Freundin?‘ ‚Nein, ich habe sie erst zwei oder drei Monate vor unserer Reise kennen gelernt!‘ Ich war von dieser Erklärung sehr überrascht! Wenn du diese Frau seit mehreren Monaten kennst und dann beschlossen hast, mit ihr nach Indien zu reisen, seid ihr denn dann keine Freunde?
Das zeigte mir, dass sich jedermanns Beziehung zu anderen Menschen auf sehr individuelle Weise bildet. Ich könnte dich meinen Freund nennen, während du mich immer noch nur als Bekannten betrachtest! In Indien nennt man andere ziemlich schnell so, als wären sie Verwandte. Jemand, der in einem Augenblick ein Fremder ist, wird im nächsten bereits zum Bruder oder Tantchen.
Ich fragte mich also: ist Indien oberflächlicher und geben die Menschen nur vor, eine gute Beziehung zu haben? Hatte unsere Besucherin wirklich Recht, wenn sie sagte, dass sie diese Frau nicht gut genug kannte, um sie als Freundin zu bezeichnen? Schließlich konnte sie ja die inneren Gefühle dieser Frau nicht kennen, dafür kannte sie nicht genug aus ihrer Vergangenheit und sie hatten einander nicht ihre tiefsten Geheimnisse preisgegeben!
Ich beschloss jedoch, dass ich es vorzog, den Menschen näher zu kommen. Wenn man immer Jahre wartet, bis man jemanden einen Freund nennen kann, hat man wirklich sehr wenige Freunde. Ich nenne viele Leute meine Freunde und obwohl sie mir vielleicht alle unterschiedlich nahe sind, finde ich, dass die Bezeichnung ‚Freund‘ sie mir bereits näher bringt. Ich glaube, dass es mehr Herz in die Beziehung bringt, wenn man die Menschen schnell als Freund oder Verwandter sieht. Es gibt ein besseres Gefühl, was den anderen angeht, man ist bereit, ihn besser kennen zu lernen und macht im Allgemeinen offen für neue Bekanntschaften.
So beschloss ich, als sie ging, mich von zwei Freundinnen zu verabschieden und nicht nur von Besucherinnen des Ashrams.
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