2005 war das fünfte Jahr in Folge, das ich in Deutschland verbrachte und mit jedem Jahr war die Zeitspanne, die ich in diesem Land verbrachte, ein bisschen länger geworden. Natürlich lernte ich dort viele Leute kennen, was bedeutet, dass ich langsam in der Lage war, nicht nur zwischen ‚westlicher Kultur‘ und ‚indischer Kultur‘ oder üblichem Verhalten zu unterscheiden, sondern konnte sogar einige Eigenschaften aufzeigen, die typisch deutsch waren. Natürlich war einer der ersten Stereotypen, die ich bestätigt sah, der durchorganisierte und strukturierte Deutsche.
Ich war einmal bei einer meiner Organisatorinnen, mit der ich eine sehr starke und eigentlich recht lustige Erfahrung dieser deutschen Eigenschaft hatte. Ich kam am Abend bei ihr an und sie fragte mich, um wie viel Uhr ich am Morgen Frühstück haben würde. Ich sah sie etwas überrascht an. Sie hatte eine solche Betonung auf die Worte ‚um wie viel Uhr‘ gelegt, dass ich nicht genau wusste, was ich antworten sollte. Ich wusste noch nicht, wann ich aufstehen würde. Also war es etwas schwierig, eine genaue Zeit anzugeben! Ich wusste, dass meine Einzelsitzungen um zehn anfangen würden, also sagte ich ihr, dass ich davor essen würde, rechtzeitig, um in das Zentrum zu kommen, wo ich mich mit den Leuten treffen würde.
Am nächsten Morgen kam ich gegen neun Uhr runter. Meine Organisatorin war auf und fertig, also frühstückten wir gemeinsam. Nach einem Tag voller Arbeit hatten wir auch zusammen Abendessen und als ich gerade zu Bett gehen wollte, fragte sie mich ‚Isst du morgen dann auch um neun Uhr?‘ Ich stimmte zu, ja, warum nicht.
Als ich am nächsten Morgen wieder runterkam, saß sie bereits am Tisch und alles war für das Frühstück bereit, genau so, wie es am Tag zuvor gedeckt gewesen war. Ich sah sie aus dem Gange, bevor sie mich sah und was ich sah, machte mir gleich ein schlechtes Gewissen: ihre Finger trommelten auf den Tisch und machten ein kleines, ungeduldiges Geräusch. Immer wieder blickte sie auf die Uhr. Ich folgte ihrem Blick und sah, dass es fünf nach neun war. Sie war ganz offensichtlich gestresst, dass ich noch nicht am Tisch saß – fünf Minuten nach der Zeit, die wir vereinbart hatten! Als ich ganz in das Zimmer kam, drehte sie sich zu mir, sah mich und schenkte mir ein großes Lächeln. Ich fühlte mich sofort besser und zusammen hatten wir ein gutes Frühstück.
Ich war es nicht gewohnt, für jede kleine Sache auf die Uhr zu sehen! Ich war nie zu spät für mein Programm, hatte jedoch meine Mahlzeiten noch nie genau auf die Uhrzeit abgestimmt. Darum kam ich auch am nächsten Morgen erst etwas nach neun zum Tisch und hatte gleich schon wieder Schuldgefühle. Als sie mich dann auch noch fragte, warum ich spät dran war, war es genug. Ich musste darüber reden! Ich sagte ihr, dass ich nicht genau vorhersehen konnte, wann ich denn Hunger haben würde! Sie protestierte wirklich, so dass ich erklären musste, dass ich Angst hatte, sie könnte mich als Nächstes fragen, wann ich denn zur Toilette müsste und wenn ich dann nicht genau zu der Zeit gehen würde, so würde sie sich beschweren ‚Aber du hast doch gesagt, du würdest um diese Zeit gehen!‘
Versteht mich nicht falsch, ich wusste, dass mir diese Frau viel Liebe entgegenbrachte! Sie hatte beobachtet, was ich aß und was ich auf mein Brot schmierte und wusste, was mir schmeckte. Am nächsten Morgen waren genau die gleichen Dinge dort, so dass ich ein schönes Frühstück haben würde! Diese Organisation bis ins letzte Detail war ein Weg für sie, ihre Liebe auszudrücken!
Am gleichen Ort traf ich auch ein paar Leute, dich bei sich daheim auch Programm organisieren wollten. Als ich im gleichen Jahr später zu ihnen kam, erfuhr ich, dass meine Organisatorin mit ihrer Liebe fürs Detail wieder zu weit gegangen war – sie hatte ihnen eine ganze Liste dafür gegeben, was ich normal aß und was ich nicht aß!
Neben der Tatsache, dass die Liste nicht einmal stimmte, ging mir dieses Verhalten wirklich zu weit. Ich war kein Guru, also sollte man sich doch auch nicht so verhalten, als wäre man mein engster Vertrauter, mein nähester Anhänger, der anderen die Regeln erklärte, wie man sich mit mir zu verhalten habe! Redet doch einfach mit mir, ich bin ein Mensch, genau wie du!
Naja, das war meine Erfahrung vom überstrukturierten und zu sehr durchorganisierten deutschen Verstand, den es verwirrt, wenn man beschließt zu einer anderen Zeit als täglich zum pinkeln zu gehen. Und da ich nicht darüber Buch führe, wann ich pinkeln gehe, konnte ich leider solche Standards einer Tagesstruktur nie erfüllen!
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