Als ich 2005 in Australien reiste, gab es einen weiteren Ort, von dem ich mich noch an die Leute erinnere, aber nicht mehr an den Namen der Stadt. Besonders ein paar Unterhaltungen blieben in meiner Erinnerung hängen.
Mein Organisator war ein etwa 65 oder 70 Jahre alter Mann. Er war Yogalehrer, unterrichtete bei sich daheim und auch in den Yogastudios anderer Leute. Er stellte mich seinen Schülern vor, die zu Workshops und Vorträgen kamen und auch seinen Freunden, die ich dann manchmal bei ihm zu Hause auch traf.
Eines Tages saßen wir zu dritt beisammen: mein Organisator, eine Frau, die glaube ich eine Freundin von ihm war, und ich. Sie erzählten mir, dass sie beide Anhänger eines indischen Guru waren, den ich zufällig kannte. Mit natürlicher Neugier fragte mich die Frau, ob ich denn in meinem Leben jemals Sex gehabt hatte oder ob ich im Zölibat lebte und das seit meiner Geburt.
Ich hatte bereits einige seltsame Erfahrungen auf dieser Reise, wenn es zum Thema Sex kam, aber ich bin eine sehr offene Person – ich war schon immer offen und wollte das auch von einer solchen Erfahrung nicht verändern lassen. Also erklärte ich ihr, dass ich nicht im Zölibat lebte und dass ich wirklich bereits einige Male Sex gehabt hatte. Ich erzählte ihr daraufhin die Geschichte von meinem ersten Mal, wie es dazu kam, dass ich mit dreißig Jahren mit einer deutschen Frau Geschlechtsverkehr hatte.
Sie hörte sich die Geschichte voller Interesse an – wie sich wahrscheinlich jeder solche Geschichten anhört – aber ihre Reaktion war etwas anders, als man sie sich vielleicht vorstellt. Die Frau sah mich an, als hätte sie Mitleid mit mir und im nächsten Augenblick drückte sie so etwas auch aus: ‚Oh, stell dir einmal vor, du hättest nicht mit dieser Frau geschlafen!‘ Da war so viel Bedauern in ihren Augen für diese Handlung, die, wie ich jetzt verstanden hatte, für sie so aussah, als wäre mir in der Nacht etwas sehr wertvolles gestohlen worden! Etwas, das ich mir dreißig Jahre lang aufbewahrt hatte! Ein unwiederbringlicher Schatz, den ich an die Sünden des Fleisches verloren hatte. Es war ihr unverständlich, wie ich das nicht bereute und nicht traurig war.
So fühlte sie sich, weil sie die Anhängerin eines indischen Sanyasi war, ein Guru, der das Zölibar als eine der höchsten Tugenden predigte und damit als etwas, das man zu erreichen versuchen sollte. Ich versäumte absichtlich, ihr zu sagen, dass ihr Guru selbst definitiv nicht das war, was man eine Jungfrau nennen würde und auch nicht enthaltsam im Sinne der Definition dieses Wortes. In der Tat wusste ich zufällig, dass es unter seinen Anhängern mehrere Frauen gab, die meinten, den höchsten Segen bekommen zu haben, den es auf dieser Erde geben kann – eine intime Sitzung mit ihrem Guru. Eine dieser Damen lebte in der Nähe unseres Ashrams.
Ich war nie an Enthaltsamkeit interessiert gewesen und glaubte bereits damals, dass es ein lächerliches, unnatürliches Konzept war, aber ich verspürte nicht das Bedürfnis, diese Ansicht auch der Frau vor mir mitzuteilen. Sie ging schließlich, wahrscheinlich immer noch voller Mitleid für mich – und ich saß da, ohne zu wissen, dass ich jetzt eine Unterhaltung mit meinem Gastgeber, auch einem Anhänger dieses Guru, haben würde, die mir ein etwas unangenehmes Gefühl geben sollte, immer wenn ich während meines übrigen Aufenthaltes seine Frau sehen sollte. Aber das ist eine Geschichte, von der ich euch nächsten Sonntag berichten werde.
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