Gestern habe ich bereits begonnen, meine Gefühle für Ganztagsschulen in Worte zu fassen. Ich habe euch gesagt, warum ich es als schrecklich empfinde, Kinder bereits in einem Alter in ein System zu pressen, in dem sie eigentlich noch frei und ohne Stress und Druck spielen sollten. Individualität geht verloren, die Verantwortung der Erziehung wird an Lehrer abgegeben, die sich weigern, diese zu übernehmen und Kinder, die nicht reinpassen haben riesige Nachteile. Heute jedoch würde ich gerne meinen zweiten Gedanken ein wenig erklären, der sich eher an die Eltern richtet: Wofür habt ihr denn überhaupt Kinder?
Ich weiß, dass diese Formulierung recht hart klingt, aber wenn man sich die Sache ohne jegliche Verschönerung betrachtet, ohne eine der Tatsachen schönzureden, so drängt sich diese Frage auf!
In Deutschland haben Eltern nun das Recht auf einen Platz in einer Kindertagesstätte, sobald ihr Kind drei Jahre alt ist. Viele, viele Eltern geben ihre Kinder bereits viel früher in eine solche Einrichtung, im Alter von einem Jahr, sechs Monaten oder drei Monaten! Wie viel Zeit verbringst du denn wirklich mit deinem Kind? Warum hast du ein Kind bekommen, etwa nur, um es so schnell wieder in die Hände anderer zu geben?
Betrachten wir das Ganze einmal realistisch: von dem Tag der Geburt an hattest du drei Monate mit deinem Baby. Danach arbeitest du und holst es für die Abende und Nächte ab, von denen du die meiste Zeit mit Schlaf verbringst. Da sind natürlich noch die Wochenenden, ja, aber da gibt es auch noch andere Dinge zu tun, Haushalt, andere Pflichten und natürlich Besuche beim Rest der Familie. Da bleibt schrecklich wenig Zeit, die man wirklich miteinander verbringt.
Das Kind wird älter und kommt von der Kinderkrippe in den Kindergarten, vom Kindergarten in die Schule. Die Schule ist eine Ganztagsschule und ihr beide, du und dein Kind seit diesen Rhythmus bereits gewöhnt. Dein Baby ist schneller als du glaubst ein Teenager und will, wie im Westen üblich, immer weniger Zeit mit dir verbringen. Du bist out, alt, nicht cool genug. Selbst wenn er oder sie eine bessere Meinung von dir hat, so wird doch die Freizeit eher selten mit den Eltern verbracht – Freunde, Musikinstrumente, Sport, Partys, es gibt so viel mehr zu tun als nur daheim rumzusitzen!
Im Alter von achtzehn Jahren will ‘dein Kleiner’ daheim ausziehen und sein eigenes Leben unabhängig leben. Manchmal besuchst du dein Kind am Wochenende. Er oder sie gründet die eigene Familie und die gemeinsame Zeit wird noch weniger. Du selbst wirst auch älter und gehst schließlich in den Ruhestand. Du ziehst in ein Altersheim und hoffst, dass dein Kind hin und wieder in seinem vollen Terminplan Zeit dazu findet, dich zu besuchen.
Wenn du auf ein solches Leben zurückblickst, wie viel Zeit hast du wirklich mit deinem Kind verbracht? Wofür hast du ein Kind bekommen? Was hat dir das gegeben? Natürlich wird es da einige Augenblicke voller Liebe geben, die du wie Schätze hütest – aber meinst du nicht, dass du so viel mehr hättest, wenn ihr nur mehr Zeit miteinander gehabt hättet? Wenn ihr die Tage miteinander verbracht hättet? Hast du dir vom Eltern-Dasein nicht noch ein bisschen mehr erhofft?
Nein, ich glaube, in einer Gesellschaft, in der solche Fragen aufkommen, läuft etwas ganz schrecklich schief! Und ja, ich sage ausdrücklich, dass es die Gesellschaft ist, die da auf dem Hohlweg ist – denn die Eltern sind oft auch nicht froh darüber, dass sie ihre Kinder weggeben müssen! Doch das ist ein weiterer Punkt, über den ich morgen schreibe.
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