Gestern habe ich begonnen, die Liste der Dinge zu kommentieren, die UNICEF für Kinder in reichen Ländern für notwendig hält. Wer zwei oder mehr davon nicht hat, wird als arm angesehen. Ich vergleiche nun Punkt für Punkt mit Indien:
6. Regelmäßige Freizeitaktivitäten z.B. in Sportvereinen, Jugendorganisationen oder das Erlernen eines Musikinstruments
Das ist der erste Punkt, bei dem ich wirklich denke, dass das in den Ländern Europas nötig sein mag, aber nicht in Indien. Auf meinen langjährigen Reisen im Westen, in Europa, Australien und den USA, habe ich immer wieder gesehen, dass Kinder gern in ihren Zimmern bleiben, vor dem Fernseher sitzen und sich den ganzen Tag lang nicht bewegen. Obwohl das offensichtlich kein Armuts-Problem ist, halte ich es für wichtig, Kinder dazu zu motivieren, auszugehen und hin und wieder etwas anderes zu tun.
In Indien jedoch sind Kinder die ganze Zeit draußen. Es mag nicht so viele organisierte Angebote wie Sportvereine und Freibäder mit Programm geben, aber die Kinder brauchen es auch nicht. Sie gehen raus, treffen Freunde, spielen auf der Straße und verwenden dazu so ziemlich alles, was sie eben so finden. Als wir klein waren, trafen wir oft so viele andere Kinder am Fluss und gingen den ganzen Tag schwimmen. Unsere Ashram-Jungs brauchen nur einen Ball und vielleicht einen Kricket-Schläger und schon sind sie in ihr Spiel vertieft. Es gibt jede Menge Spiele, die auch mit weniger Ausstattung funktionieren. Ein Stecken, ein Schuh oder auch überhaupt nichts.
Ein weiterer Aspekt ist vielleicht, dass wir in Indien einfach so viele Kinder haben. Ich habe in Deutschland gesehen, wie schwierig es für Kinder ist, in Gesellschaft anderer Kinder zu kommen – und wenn sie sich den Mitgliedsbeitrag für einen Jugendverein oder ähnliches nicht leisten können, fühlen sie sich vielleicht ausgeschlossen. Indiens Bevölkerung ist jedoch so groß, dass man immer Leute aller Altersgruppen draußen auf der Straße antrifft und somit immer jemanden, der bereit ist für alle möglichen Aktivitäten.
7. Mindestens ein altersgerechtes Spielzeug pro Kind – z.B. Bauklötze, Brett- oder Computerspiele
Ich musste ein bisschen nachdenken, bevor ich hierzu einen Kommentar schreiben konnte. Nicht, weil ich nicht wusste, ob das auch auf Indien zutrifft, sondern weil ich sicher gehen wollte, dass ihr meine Antwort auch versteht. Es ist eine komplizierte Frage, hauptsächlich, weil UNICEF im Englischen für die Beispiele das Wort ‚educational‘ verwendet und sprechen also von pädagogisch wertvollem Spielzeug. Was für Spielzeug meinen sie damit?
Jede Familie, die irgendwie die Möglichkeit hat, versucht, ihren Kindern etwas Passendes zum Spielen zu geben, auch in Indien. In armen Familien ist das vielleicht eine handgenähte Puppe, zusammengenäht aus den Stücken alter Kleidung, die man nicht mehr hätte nähen können. Das Kind hätte damit ein Spielzeug, aber ist es pädagogisch wertvoll? Und dann ist da noch die Frage der Bildung der Eltern. Eine Puppe kann einem Kind viel beibringen, aber nur, wenn die Person, die die Puppe bewegt und für sie spricht, etwas hat, was sie beibringen kann!
Dazu kommt, dass der Unterschied zwischen drinnen und draußen in Indiens heißem Klima ganz anders ist als zum Beispiel in Deutschlands unregelmäßigen Wetter. Während ein deutsches Kind vielleicht Bauklötze braucht, kann ein indisches Kind, zum Beispiel Sohn eines Bauarbeiters, auf dem Bau sitzen und zum gleichen Zweck Ziegel oder Steine verwenden, die nicht mehr gebraucht werden.
Je nach Definition glaube ich also, dass solches Spielzeug auch für indische Kinder normal wäre, aber dass man es selbst bei den Ärmsten findet!
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