Gestern habe ich euch von einer UNICEF-Studie über Kinderarmut in reichen Ländern mit Fokus auf europäische Länder erzählt. Da gab es eine Liste von Entbehrungen. Wenn ein Kind zwei oder mehr der Dinge auf dieser Liste nicht hat, bedeutet es, dass er oder sie arm ist, oder zumindest ärmer, als es in dem Land möglich sein sollte. Während ich diese Liste las, konnte ich nicht anders, als an unsere Kinder in Indien zu denken, an die Jungen, die im Ashram leben, aber noch mehr an die Kinder, die in unsere Schule kommen, die in den armen Familien in der Umgebung leben. UNICEF hat diese Liste ganz deutlich für Kinder in bereits entwickelten Ländern gemacht, aber es war interessant, ihre Liste der Bedürfnisse von Kindern hier mit dem zu vergleichen, was auf einer Liste für Indien stehen würde oder eben auch nicht stehen würde. Ich dachte, ich teile meine Gedanken zu den einzelnen Punkten heute und in den nächsten Tagen in mein Tagebuch.
1. Drei Mahlzeiten am Tag
2. Eine warme Mahlzeit täglich (mit Fleisch, Fisch oder einem vegetarischen Äquivalent)
3. Täglich frisches Obst und Gemüse
Wenn wir uns diese ersten drei Punkte ansehen, so kann ich euch sagen, dass viele Familien in Indien bereits mit Punkt eins Probleme haben, ihr Bestes geben, dass sie Punkt zwei schaffen – natürlich mit der vegetarischen Version – und Punkt drei kann man gänzlich weglassen. Frisches Obst und Gemüse ist teuer. Kartoffeln sind das Billigste und deshalb auch öfter auf dem Speiseplan. Andere Zutaten tauchen nur zu besonderen Anlässen auf dem Teller auf oder wenn eine Gemüsesorte oder Frucht gerade viel wächst und deshalb billig ist.
Trotzdem liebt jede Familie ihre Kinder und sie geben alle ihr Bestes. Es ist jedoch eine Tatsache, dass unsere Schule von vielen Schülern besucht wird, deren Eltern hauptsächlich an dem warmen Mittagessen interessiert sind, das wir den Schülern täglich geben. Damit haben sie eine Sorge weniger, zumindest haben die Kinder schon einmal etwas im Bauch!
4. Altersgerechte Bücher (nicht ausschließlich Schulbücher)
Der Bildungslevel armer Eltern in Europa unterscheidet sich sehr von dem der armen Eltern in Indien. Es gibt in ganz Europa kaum Analphabeten, während zum Beispiel in unserem indischen Bundesland jeder Zweite, den man trifft, weder lesen noch schreiben kann! Warum sollten sie für ihre Kinder Bücher kaufen? Wer soll den Kindern denn überhaupt vorlesen? Sie sind froh, wenn sie sich die Schulbücher leisten können – und für viele Familien ist sogar das zu viel. Darum geben wir den Kindern unserer Schule alle Schulbücher kostenlos, darunter auch Bücher mit Geschichten, so dass die Kinder beim Lesen in der Schule auch noch etwas Freude haben.
5. Spielzeug für Aktivitäten im Freien (Fahrrad, Rollschuhe etc.)
Naja, mit diesem Punkt sind wir schon bei ‚Freizeit‘ angelangt und obwohl jeder Mensch Zeit braucht, um sich zu entspannen, das Leben zu genießen und zu spielen, gehört die Ausrüstung dafür nicht zu den Grundbedürfnissen. In einem Land, in dem Hunger und Kinderarbeit bekämpft wird, sind ein eigenes Fahrrad oder eigene Rollschuhe nicht die Punkte, die bestimmen, ob man arm ist oder nicht.
Und nur nebenbei muss ich noch die erste Person sehen, die auf indischen Straßen Rollschuh fährt – viel Glück dabei!
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