Ziehe keine übereilten Schlüsse über eine andere Kultur – lerne sie erst kennen! – 29 Mai 13

Stadt:
Augsburg
Land:
Deutschland

Wir haben im Ashram viele Erfahrungen mit Gästen gemacht und natürlich gibt es, genauso wie ich hier unsere Erfahrungen in meinem Blog beschreibe, Gäste, die Blogs schreiben und darüber schreiben, was sie in Indien gesehen und getan haben. Wir sind oft über soziale Medien mit ihnen in Kontakt – vielmals bereits vor ihrem Besuch im Ashram – also lesen wir auch dort, was sie ihren Freunden so erzählen. Manchmal möchte ich den Schreibenden dann sagen, dass sie Indien noch ein bisschen länger reisen sollten, in Indien eine Zeit lang leben sollten, die Sprache lernen und sich mit Indern umgeben sollten anstatt mit anderen Ausländern.

Warum sage ich das? Ich habe so oft gesehen, dass Leute für zwei Monate, vier Wochen oder auch nur zwei Wochen nach Indien kommen und dann einen Artikel mit Ratgebern schreiben wie ‚Wenn du nach Indien kommst, musst du folgendes tun..‘ oder ‚Inder sind so..‘. Sie machen sehr starke Aussagen, die sich nicht nur auf ihre eigene Situation oder Erfahrung beziehen. Sie verallgemeinern alles, was sie gesehen haben und erzählen allen, dass das Indien ist.

Ich gebe euch ein Beispiel: In dem Blog einer Besucherin habe ich gelesen ‚Einander zu berühren ist selbst unter Freunden in Indien tabu! Niemand umarmt einander, es findet kein körperlicher Kontakt jeglicher Art statt!‘ Ich war so überrascht, so etwas zu lesen und fragte mich wie sie während ihrer Zeit in Indien und insbesondere im Ashram nicht mitbekommen konnte, dass viele Leute Arm in Arm spazieren gehen, dass sie nicht zögern, die Hand auf die Schulter des anderen zu legen und dass besonders Freunde miteinander recht engen Körperkontakt haben. Ja, Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter umarmen und berühren einander normalerweise nicht oft, das ist schon wahr. Doch besonders in Freundschaften unter Männern oder unter Frauen sind die Menschen einander sehr nahe, auch körperlich. Diese Frau hatte nur einen kleinen Teil Indiens gesehen und hatte offensichtlich nicht gut genug hingesehen – doch sie traf eine Aussage über ganz Indien und bemitleidete jeden in dem Land für ein Fehlen menschlicher Berührung, das nur in ihrem Geist existierte.

Diese Frau schrieb also von einem eher negativen Eindruck von Indien. Ein weiterer Blogautor überraschte mich jedoch mit einer übereilten Schlussfolgerung, die für das Land etwas zu positiv ausfiel. Ja, in Indien leben die Leute in Großfamilien mit ihren Eltern, Tanten, Cousins und anderen Familienmitgliedern. Es ist ein herrliches Konzept, das ich voll unterstütze und das meiner Meinung nach richtig ist. Auch bei uns im Ashram hat man ein Beispiel einer Gemeinschaft, die zusammen lebt, ohne die Streitereien und Spannungen, die Westler meistens für unvermeidbar halten. Das bedeutet jedoch nicht das, was dieser Autor annahm: ‚In ganz Indien leben die Familien in Frieden und Harmonie zusammen. Sie lieben einander und streiten sich nicht um das Geld und Eigentum ihrer Eltern und sie schaffen es, alles bedingungslos zu teilen!‘ Leider sieht auch in Indien nicht alles so rosig aus! Es gibt Konflikte in Familien, genau wie überall und in vielen ist es genau das, Geld und Erbe, an dem sie zerbrechen. Wir sind zur Zeit Zeugen einer Bewegung hin zu getrennten Häusern – etwas, das dieser Mann in einem Gespräch mit uns hätte erfahren können, aber schwerlich dadurch, dass er seine Umgebung beobachtet, da niemand gerne seine Familienprobleme vor einem Fremden ausbreitet…

Es ist gut, dass die Leute ehrlich und frei von ihrer Erfahrung erzählen. Andere bekommen einen Eindruck von Indien und wollen auch kommen. Ziehe einfach keine schnellen Schlussfolgerungen für ein ganzes Land, eine ganze Kultur und eine ganze Gesellschaft. Was du gesehen hast, ist nur ein kleiner Teil eines riesigen Landes mit unzähligen Aspekten des Lebens!

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