Wenn die Geburt eines Kindes kein Grund zur Freude ist: die siebte Tochter – 18 Aug 16

Stadt:
Vrindavan
Land:
Indien

Gestern haben wir die Nachricht bekommen, dass einige unserer Schulmädchen nun eine kleine Schwester haben. Natürlich gibt es bei 250 Kindern ständig neue Geschwister. Wenn man normalerweise über eine Geburt spricht, freut man sich und feiert. In diesem Fall jedoch können wir uns nicht wirklich mit dieser Familie freuen – denn die Eltern selbst freuen sich nicht. Der Grund ist der Gleiche, doch etwas anders: es ist ihre siebte Tochter!

Oh, wir kennen diese Familie nun schon seit so vielen Jahren und sehen ihre Entwicklung mit Sorge: der Vater ist Maurer und hat bereits an unserem Ashram, der Schule und dem Restaurant-Gebäude gearbeitet. Seine älteste Tochter war eine der ersten Kinder unserer Schule – und die nächsten drei Töchter kamen in den darauffolgenden Jahren. 2013 stellte ich euch diese Familie in meinem Blog vor. Damals hatten sie bereits fünf Töchter und wir wussten genau warum: sie versuchten immer wieder, einen Sohn zu bekommen!

Der Vater ist ein harter Arbeiter und hat es geschafft, etwas Geld für den Bau seines Hauses zu sparen – doch natürlich ist es eine ziemlich große Aufgabe, sechs Kinder zu füttern – und nun will noch ein weiterer Bauch gefüllt werden! Wir werden da sein, um die Grundschulbildung der Mädchen zu übernehmen – doch es gibt andere Ausgaben, die auch gedeckt werden wollen!

Wir haben den Vater mit unseren Gedanken konfrontiert und erlebten eine Überraschung: er begann zu weinen und erzählte uns, dass er selbst und auch seine Eltern seiner Frau schon nach der zweiten Tochter gesagt hatten, dass zwei Kinder genug seien. Er beklagte sich, dass jeder meinte, er sei derjenige, der unbedingt einen Sohn haben wollte – wo es doch in Wirklichkeit seine Frau war!

Sie war sogar soweit gegangen, ihm zu drohen: wenn er sie nicht wieder schwängern würde, würde sie sich bei jemand anderem Hilfe holen! Für sie der Grund dafür, sich nicht wie verrückt über das Neugeborene zu freuen, ist klar: es ist ‚nur‘ ein weiteres Mädchen! Noch ein Mädchen, das gefüttert werden muss, das sie verheiraten müssen und das schließlich das Haus verlassen wird. Kein Sohn, der den Familiennamen weiterträgt, der daheim bleiben wird und für die Eltern Geld verdient, wenn sie alt sind oder dessen Frau sich um sie kümmern würde!

Es ist hier in Indien leider immer noch so und diese Mentalität ist etwas, das zu entfernen oder verändern es immer noch lange dauern wird! Mädchen und Jungen sind hier nicht gleichberechtigt. Eltern mögen ihre Töchter lieben, doch Töchter und Söhne sind in ihren Augen nie gleichwertig. Das sagen sie auch ganz deutlich vor ihren Mädchen: wir wollten einen Sohn!

Ich fühle mit diesen Mädchen, ich fühle mit diesen Familien, die ihre Armut nur mit diesem Wunsch nach einem männlichen Kind steigern. Eure Tochter ist wertvoll – denke nicht, sie sei weniger wert und gib ihr nicht das Gefühl, sie sollte etwas anderes sein, als sie ist!

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