Meine Frau Ramona sagte vor einigen Tagen, für mich aus heiterem Himmel, ‚Ich bin ziemlich froh, dass ich keine Inderin bin‘. Sie hatte ja wohl über irgendetwas nachgedacht und so fragte ich sie warm denn. 'Inder haben jede Menge Erwartungen an Frauen, aber es ist in Ordnung, dass ich sie nicht erfülle und das nur deshalb, weil ich keine Inderin bin!‘ Als ich diesen Satz auf meine Facebook-Seite stellte, begann eine Diskussion, die sie dazu veranlasste, ihre Aussage etwas genauer zu erläutern. Ich dachte, euch würde es vielleicht interessieren, was sie nach sechs Jahren in Vrindavan für Eindrücke hat:
„Was ich sagte, kommt von meinen Erfahrungen in Vrindavan, mit Freunden, unseren Mitarbeitern und den Eltern der Kinder unserer Schule – wir leben nicht in einer der Metro-Städte, wo selbstbewusste Frauen als Führungskräfte in großen Firmen arbeiten! Vielleicht wäre meine Erfahrung in einer größeren Stadt Indiens völlig anders gewesen – hier denken immer noch viele Menschen, dass Frauen nur dann arbeiten, wenn die Familie zu arm ist, ohne das Geld zu überleben.
Die Erwartungen, von denen ich spreche, gibt es zum Verhalten der Frauen, ihrer Kleidung, wie sie sprechen, dass sie sich bei Gesprächen über bestimmte Themen zieren sollten, wie sie darauf reagieren sollten, wenn Männer sie ansprechen und dass sie ihre Meinung zurückhalten sollen. Erwachsene Frauen können nicht selbst entscheiden, ob sie arbeiten gehen sollten oder nicht, wie viel Gehalt sie bekommen sollten und ob die Arbeitszeiten ihnen passen. Sie kommen mit ihren Ehemännern, älteren Brüdern oder Vätern zum Bewerbungsgespräch und überlassen ihnen auch die Entscheidung. Lehrerinnen sagen mir ‚Ich arbeite noch sechs Monaten, dann heirate ich‘ und wenn ich sie frage, ob sie denn nach ihrer Hochzeit nicht mehr arbeiten wollen, sagen sie ‚Wenn meine Schwiegereltern es erlauben…‘! 25-Jahre-alte Frauen, die studiert haben und arbeiten, dürfen nicht an Schulveranstaltungen teilnehmen, die nach 19 Uhr zu Ende gehen. So viel zu den arbeitenden Frauen.
Im Privatleben gibt es auch so viele Erwartungen an Frauen und Einschränkungen bezüglich dem, was sie machen können. Wenn eine Freundin – eine erwachsene Frau – bei mir zu Besuch ist und sie eine halbe Stunde länger bleibt, fängt ihr Telefon an zu klingeln: ‚Wo bist du? Was machst du?‘ Wenn ich mich an einer Unterhaltung beteilige, mein Schwiegervater etwas sagt und ich ihm dann in einem Punkt widerspreche, bekomme ich schockierte Blicke zugeworfen und die Leute fangen an, nervös zu lächeln… Meinem Schwiegervater macht das nichts aus, aber die anderen denken ‚Oh, sie ist nicht von hier, sie weiß es wohl nicht besser…‘
Das alles habe ich mit einem Satz ausgedrückt. Ich weiß, dass die Veränderung in den großen Städten begonnen hat und dass es viele starke, indische Frauen gibt, die sich um solche Erwartungen nicht kümmern – doch das ist es, was ich hier in Vrindavan jeden Tag sehe.
Versteht mich bitte nicht falsch – ich liebe Indien und ich liebe die Leute Indiens, aber vor allem liebe ich meine Familie, die an keiner starren Tradition festhält, die keine Erwartungen an mich stellen und die mir ein zu Hause gegeben haben, in dem ich mich frei fühle, die zu sein, die ich nun mal bin.
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