Die Kinder unserer Schule haben mit ihren Halbjahres-Prüfungen begonnen. Sie sind am Lernen, aufgeregt, alles richtig zu machen und freuen sich auf nächste Woche, wenn alle Prüfungen vorbei sind. Während Ramona Pranshu, einem der Jungen, die in unserem Ashram leben, beim Lernen für eine Prüfung half, blätterte sie durch sein Heft und fand eine Frage, von der sie erst gar nicht glauben konnte, dass sie in einem Schulbuch stand: ‚Vor wem hast du daheim am meisten Angst?‘
Es war eine Frage im Fach ‚Moral Values‘, also ‚Moralische Werte‘. Das ist ein Fach, das wir im Allgemeinen für unsere Kinder als hilfreich und wichtig ansehen. Es gibt ihnen die grundlegenden Vorstellungen davon, wie wir miteinander, unserer Umgebung und uns selbst umgehen sollten. Da gibt es Kapitel darüber, dass man höflich und respektvoll sein soll, andere dazu, dass man jedermanns Arbeit wertschätzen sollte und darüber, wie man Konflikte im Klassenzimmer löst. Das einzige Problem mit diesem Fach ist, dass das Buch und auch der Lehrer unvermeidlich eine subjektive Ansicht zu diesem Thema haben – und das mag nicht immer eine sein, der ich zustimmen würde.
In diesem Fall war es das Buch, das in einem Kapitel erklärte, dass jeder daheim wichtig ist. Die Großeltern, die Geschichten aus ihrer Zeit erzählen konnten, die Eltern, von denen einer oder beide zur Arbeit gehen, um Geld zu verdienen und auch die Kinder, die im Haushalt und den älteren Haushaltsmitgliedern helfen. So weit, so gut. Doch dann waren da noch Fragen, auf die die Kinder ihre eigene Situation erklären sollten: Wie viele Mitglieder hat deine Familie? Wer macht die Hausarbeit daheim?
Und ‘Vor wem hast du daheim die meiste Angst?’
Es zeigt sehr deutlich, dass das, was ich über die Situation in den Familien Indiens geschrieben habe, wahr ist: es herrschen Gewalt und Angst. Eltern denken, dass ihre Kinder nur auf sie hören, wenn sie Angst haben. Sie müssen Angst haben, um Anstand zu lernen und sich zu benehmen. Sie werden geschlagen, wenn sie das nicht tun. Und was wäre die Standard-Antwort auf diese Frage? Natürlich: vor dem Vater.
Den ganzen Tag lang drohen Mütter, Tanten und Großeltern den Kindern des Hauses: warte nur, bis dein Vater heimkommt! Oder ‚Das werde ich deinem Vater erzählen!‘ mit dem Versprechen, körperlich dafür bestraft zu werden.
Wie sollte ein Vater jemals eine gesunde Beziehung zu seinen Kindern aufbauen? Er ist den ganzen Tag nicht da, arbeitet hart, um Geld zu verdienen und wenn er heimkommt, erwartet man von ihm, die Strafen des Tages auszuführen! Was schafft man damit im Kopf des Kindes?
Als Vater finde ich das schrecklich und in meiner Familie würde niemand auch nur auf die Idee kommen, so etwas zu meiner Tochter zu sagen. Angst ist hier kein Erziehungs-Konzept – aber leider ist es das für viele indische Familien und dadurch auch in Schulen.
In unserer Schule jedoch haben wir nun sichergestellt, dass diese Frage aus dem Schulbuch gestrichen wurde und dass die Lehrer auch wissen warum: Kinder sollten keine Angst haben. Ihr Zuhause und ihre Schule sind sichere Umgebungen und ihre Eltern sowie ihre Lehrer sind diejenigen, die sie lieben und sie glücklich sehen wollen.
Related posts
Die hässliche indische Angewohnheit, überall hinzuspucken – 21 Sep 16
Wenn die Geburt eines Kindes kein Grund zur Freude ist: die siebte Tochter – 18 Aug 16
Warum man in Indien Vierjährige dazu bringt, sich für Nacktheit zu schämen – 5 Jul 16
Inder schlagen ihre Kinder in der Öffentlichkeit – und haben keinerlei Schuldgefühle! – 8 Jun 16
In Indien solltest du Pläne nur nach ‘Indian Standard Time’ schmieden! – 16 Feb 16
Warum junge Inder nicht viel überlegen müssen, bevor sie ihre Eltern anlügen – 18 Jan 16
Das Leben der Frau in Indien ändert sich – doch nicht da, wo es am nötigsten wäre! – 14 Jan 16
Lass die alten Zeiten hinter dir – ‚Kein Sex vor der Ehe‘ ist eine veraltete Moralvorstellung – 13 Jan 16
Die schrecklichen Folgen des Drucks auf Frauen, Kinder zu bekommen – 12 Jan 16
