Gestern sagte ich, dass man eine starke emotionale Beziehung zu jemandem aufbauen kann, wenn man sich körperlich nahe ist. Ich sehe oft, dass da ein großer Unterschied besteht zwischen solchen Beziehungen in Indien und in westlichen Ländern.
Vor vielen Jahren war einmal ein Westler hier. Er sah mich und meine Schwester, die nicht mehr bei uns ist, und sah, wie wir spielten und uns umarmten. Er war auf eine Weise fasziniert und sagte ‚Wenn ich das mit meiner Schwester machen würde, würde sie mich sofort wegtreten! Wir halten nie die Hände oder sitzen so nahe beieinander. Wir hatten einfach nie diese körperliche Nähe und diese Dinge sind für mich etwas, was ich nur mit meiner Freundin machen würde.‘ Und wenn man nicht daran gewöhnt ist, sieht es vielleicht seltsam aus, dass Geschwister sich so nahe sind wie wir.
Oft haben Reisende in Indien auch den Eindruck, dass es in Indien viele homosexuelle Männer gibt. Sie sehen, wie sie Hand in Hand auf der Straße spazieren gehen. In westlichen Ländern bedeutet das üblicherweise, dass Männer schwul sind. Man sieht dort keine männlichen Wesen Händchen halten. Hier in Indien jedoch ist das völlig normal. Yashendu und seine engen Freunde sitzen oft eng beieinander, haben die Arme um die Schultern des jeweils anderen gelegt und sprechen mit gedämpften Stimmen, was einer Person aus dem Westen den Eindruck vermitteln könnte, dass sie ein Paar sind, das einander im Flüsterton die Liebe gesteht. Erst, wenn Touristen etwas Zeit in Indien verbracht haben, bemerken sie, dass Männer hier eine Freundschaft und körperlichen Kontakt haben können. Es ist ganz normal.
Ich schätze diesen Punkt der indischen Kultur sehr. Eine Familie schläft oft zusammen in einem Raum. Damit meine ich nicht nur Menschen, die sich kein Haus leisten können und nur einen Raum haben, in dem sie alle leben, kochen, essen und schlafen. Nein, auch Familien, die sich mehr als einen Raum zum Leben leisten können. In dem Haus, in dem wir in meiner Kindheit lebten, hatten wir vier Schlafzimmer und trotzdem schliefen alle sechs, meine Eltern, meine Schwester und wir drei Brüder immer in einem Zimmer. Eine Familie lebt zusammen in einem Haus und so haben sie einfach viel mehr körperliche Nähe zueinander. Dadurch ist natürlich auch die emotionale Verbindung stärker.
Ich habe in beiden Kulturen auch Fälle gesehen, in denen Familienmitglieder große Kämpfe und Probleme hatten, einfach nur, weil zwichen ihnen kein Band der Gefühle bestand, was wiederum aufgrund der körperlichen Trennung fehlte. Und ich fühle, dass besonders im Westen jeder auf körperliche Trennung vorbereitet wird.
Es beginnt in sehr junger Kindheit, wenn bereits ein Baby sein eigenes Zimmer in einer Wohnung oder einem Haus bekommt. Sie schlafen getrennt, bevor sie sogar ihre ersten Worte sprechen können! Und wenn ein Kind bis zu einem bestimmten Alter noch kein eigenes Zimmer hat, fangen die Leute um sie herum an zu denken, dass das auf eine Weise unnatürlich ist! Natürlich bringt man Familien Mitgefühl entgegen, die sich kein separates Zimmer für ein kleines Kind leisten können und es deshalb im Schlafzimmer der Eltern schlafen lassen, doch eigentlich glaubt man, es wäre besser für das Kind, getrennt zu schlafen. Für mich ist das seltsam mitanzusehen, einfach weil in meiner Kultur eine Familie auch dann noch in einem Bett schlafen kann, wenn die Kinder vom Alter her bereits erwachsen sind.
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