Gestern habe ich eine Angewohnheit von Indern beschrieben, die besonders Leute aus anderen Ländern manchmal in schwierige Situationen bringt: ihre Höflichkeit und Formalitäten. Neben der Tatsache, dass man viele Inder als sehr höflich empfinden wird, merkt man auch, dass sie sehr enthusiastisch werden können, wenn sie etwas Neues beginnen, ein neues Projekt, etwas erschaffen, etwas verändern und ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen wollen. Das ist der Geist zu Beginn einer Sache. Wenn man sich die Dinge etwas später betrachtet, zu einem Zeitpunkt an dem das Ende näher rückt, trifft man auf eine völlig andere Einstellung. Oft hat man den Eindruck, als planten sie in Gedanken bereits das nächste Projekt. Sie sind nicht wirklich gut darin, das zu beenden, was sie begonnen haben!
Dafür gibt es so viele Beispiele und am Deutlichsten wird das bei Bauarbeiten und in Gebäuden. Der Maler zum Beispiel malt die Wand mit seinem Pinsel, nicht mit einer Malerrolle. Er verbringt Stunden damit, es ordentlich und schön zu machen, ohne zum Beispiel auf den Gipsstuck zu malen – fährt dann mit dem Pinsel aber achtlos über den Lichtschalter, was natürlich einen Farbstreifen darauf hinterlässt, der jedem Besucher ins Auge sticht.
Der Schreiner baut einen maßgefertigten Schrank am engeren Ende eines Zimmers ein, in der Ecke, die genau dafür gemacht war. Er passt genau dorthin und sieht auf den ersten Blick toll aus. Bei genauerem Hinsehen jedoch merkt man etwas, das einen von dem Augenblick an jedes Mal beschäftigt, wenn man sich den Schrank ansieht: da ist ein Türgriffe des Schranks und daneben der zweite – aber dieser etwa zwei Zentimeter über dem anderen!
Der Klempner installiert die sanitären Einrichtungen. Um alle Löcher zu schließen und die Arbeiten fertig zu stellen, verwendet er Zement. Er schließt die Löcher – achtet jedoch nicht auf die Umgebung, wo er mit der Hand den Zement an die Wand schmiert, oder auf den Boden, wo Zement heruntergetropft ist und nun für immer auf dem Marmor klebt.
Unser Elektriker hat einmal den Türschließer unseres Büros nur vorübergehend in Ordnung gebracht, da dieser lose geworden war und bei jedem Öffnen die Türe blockierte. Er band eine Schnur an einen Haken und die andere Seite an den Türschließer, so dass der Schließer oben gehalten wurde und man die Tür öffnen konnte. Einen Tag später kam er mit dem Werkzeug, um den Schließer zu reparieren, tat das und band die Schnur von dem Türschließer los. Er stand bereits auf einem Stuhl, konnte den Haken an der Decke aber nicht erreichen, um ihn von dort loszubinden. Was machte er also? Natürlich machte er sich nicht die Mühe, etwas Größeres als einen Stuhl zu holen, um da hoch zu kommen! Er streckte einfach den Arm so weit aus wie er konnte und zog mit einem Ruck – die Schnur riss und ein kleines Stück baumelte weiterhin am Haken. Hier in unserem Büro saßen wir also wochenlang da, starrten dieses kleine Stück an und überlegten uns, warum er das getan hatte, bis sich schließlich einer von uns erbarmte und es runterholte.
Ein andermal wurde eine Badewanne eingebaut. Sie kam, eingepackt in Plastik, wir ließen die Arbeiter rein, sie machten ihre Arbeit und gingen. Das Putz-Team erledigte den Rest und so standen wir schließlich vor einer strahlend neuen Badewanne – halt warte, nicht alles strahlte! Sie hatten einen Aufkleber drangelassen, der sich über die ganze Seite der Badewanne erstreckte, so dass jeder, der ins Bad kam lesen konnte: ‚Achtung, vorsichtig behandeln!‘ Es war ein Aufkleber, aber sie hatten ihn zusammen mit der Badewanne dauerhaft im Badezimmer installiert, indem sie die Hälfte davon mit Zement an den Marmor klebten.
Wenn ihr eines Tages durch Indien reist, haltet die Augen nach solchen kleinen Unvollkommenheiten. Es ist eine Merkmal, das man im ganzen Land finden kann und sobald ihr euch nicht mehr davon stören lasst, könnt ihr darüber lachen!
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