Letzte Woche habe ich euch von einigen typischen Charaktereigenschaften der Deutschen und der Amerikaner erzählt. Natürlich sprechen wir hier von Klischeevorstellungen, aber diese bestehen schließlich auch nur aufgrund einer bestimmten allgemeinen Kultur und die findet man, wenn man in solchen Ländern lebt oder reist. In Indien können Menschen, die nicht von hier sind, auch einige Angewohnheiten und Einstellungen als verwirrend, seltsam oder lustig empfinden. Da meine Frau deutsch ist, aber hier lebt, kann sie von mehreren solchen Dingen erzählen.
Eines ist zum Beispiel, dass Inder oft höflich sein wollen, dann aber nicht meinen, was sie sagen. So kann es wirklich schwierig werden herauszufinden, ob sie gerade eigentlich das Gegenteil von dem tun wollen, was sie sagen. Das tun sie auch – wenn du nur fest genug darauf bestehst. Hier ist ein Beispiel:
Meine Frau hatte mit einer Freundin ausgemacht, dass sie sie zu einem Arzttermin begleiten würde. Es war Monsunzeit und an dem Tag hörte es kaum auf zu regnen. Kurz vor ihrem Termin rief ihre Freundin an und fragte Ramona ‚Es regnet. Sollen wir trotzdem gehen?‘ Ramona antwortete ‚Natürlich gehen wir! Sollen wir das Auto schicken und dich abholen?‘ Ihre Freundin meinte ‚Ach nein, ich kann mir eine Riksha nehmen!‘ – ‚Bist du sicher?‘ – ‚Ja, klar!‘ Also legte Ramona auf.
Yashendu und ich saßen neben ihr und Yashendu öffnete den Vorhang, um nach draußen zu deuten, wo es in Strömen regnete. Ramona verstand die Andeutung, dass sie das Auto hätte schicken sollen und protestierte ‚Ich habe sie zweimal gefragt und sie hat zweimal gesagt, dass sie mit der Riksha fahren will! Ich weiß auch nicht warum sie völlig durchnässt beim Arzt ankommen will!‘
Unter Lachen erklärte ich ihr, dass ihre Freundin keineswegs die Absicht hatte, im Regen rauszugehen – weshalb sie ja auch gefragt hatte, ob sie überhaupt gehen würden! Sie wollte abgeholt werden – die richtige Antwort wäre also gewesen: ‚Bleib wo du bist, wir kommen dich abholen!‘ Frag nicht nach und gib ihr gar nicht erst die Möglichkeit, sich in unnötigen Höflichkeiten zu verlieren!
Also rief Ramona an und sagte ihrer Freundin genau das – was diese natürlich freute. Doch auf dem Rückweg passierte das Gleiche nochmal und Ramona sagte ihr mit einem Lächeln: ‚Weißt du, ich bin da nicht gut drin, ich weiß nicht, wie oft ich nachfragen soll und wie sehr ich auf etwas bestehen soll! Das Auto ist hier, Pankaj, unser Fahrer, nimmt dich gerne mit nach Hause, aber wenn du willst, kannst du eine Riksha nehmen und dazu eine Regen-Dusche – wie du willst!‘ Ihre Freundin musste lachen und beschloss schließlich: ‚Weißt du was, ich nehme das Auto!‘
Es gibt so viele Fälle falscher Bescheidenheit oder angetäuschter Zurückweisung, dass es ziemlich verwirrend sein kann. Das ist beim Essen so, wenn der Essende ablehnt mehr zu essen, obwohl er eigentlich liebend gerne noch mehr hätte und derjenige, der ausgibt deshalb immer wieder darauf besteht, den Teller nochmal zu füllen. Bei diesem System kann man es kaum vermeiden sich zu überfressen! Und wenn man als Gastgeber nicht darauf besteht, dass der andere noch mehr isst, bleiben Gäste hungrig, die eigentlich noch was essen wollten, aus Höflichkeit aber abgelehnt haben!
Mit der Zeit und vielleicht mit jahrelanger Erfahrung in anderen Kulturen habe ich wirklich viele indische Gewohnheiten abgelegt und zuallererst diese Art der Formalitäten. Doch das ist eine andere Geschichte, über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde.
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