Manchmal scheint es mir, besonders hier in Indien, als würden die Leute die Reaktion von Kindern nicht verstehen. Oder ihnen sind deren Gefühle nicht wichtig. Sie versuchen, nur für ihr eigenes Vergnügen, Kindern eine Reaktion zu entlocken und dabei denken sie nicht an die Wirkung, die das auf das Kind haben wird. Sie versuchen, dem Kind Angst zu machen, es aufzuziehen, und das nur, um über eine ängstliche Reaktion lachen zu können – aber was macht das mit dem Kind? Habt ihr daran schon einmal gedacht?
Ich habe zuvor schon mal über diese Art Hänselei geschrieben, die in Indien recht üblich ist, aber nach einem Vorfall vor Kurzem dachte ich, dass ich diese Erfahrung als weiteres Beispiel aufschreiben sollte!
Apra ging mit ihrer Mutter und einem ihrer Onkel eine Freundin im Krankenhaus besuchen. Diese Freundin hatte gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht, einen süßen kleinen Jungen, und natürlich wollte Apra unbedingt das Baby sehen. Bereits beim Betreten des Krankenhauses trafen sie auf eine der Ärztinnen. Nach einem kleinen Gespräch fragt diese Frau Apra ‚Willst du das Baby besuchen?’ Apra nickt. ‘Hast du Mama und Papa mitgebracht?’ Apra sagt nein, das ist ihr Onkel. ‚Oh, dein Onkel! Weißt du was, den behalten wir gleich hier, okay?‘
Was? Du hast meine Tochter gerade erst getroffen, sie kennt dich nicht und du kennst ihren Onkel nicht – wie kannst du so etwas überhaupt sagen? Ich weiß warum: du willst bei meinem Kind eine Reaktion provozieren und wenn sie Angst bekommt, findest du das lustig. Apra war unsicher und sagte zu Ramona ‚Ich will das Baby sehen!‘
Sobald sie bei dem Baby war, saß sie voller Staunen neben diesem winzigen Neugeborenen. Sie streichelte ihm vorsichtig die Backe und nahm die kleine Hand in ihre. Sie beugte sich sogar vor und küsste ganz sanft die Stirn des kleinen Jungen. Sie war einfach so liebevoll, dass alle im Raum berührt waren. Doch dann sagte die frische Mutter etwas, das Apras Stimmung sofort kippen ließ: ‚Also du bleibst bei uns hier und deine Mutter und dein Onkel können gehen.‘
Es fehlen mir die Worte zu beschreiben, wie schlecht Ramona sich in diesem Augenblick gefühlt hat. All die Liebe, die zarten Gefühle und das Staunen, das Apra für dieses neue Leben, für diesen winzigen Jungen hatte, waren verschwunden. Sie hatte überhaupt kein Interesse mehr. Stattdessen nahm sie Ramonas Hand und drängte sie ‚Komm, wir gehen!‘ Ihre Augen wanderten nach ihrem Onkel suchend umher. Der war gerade rausgegangen um vor der Tür einen Anruf entgegen zu nehmen. Nochmal setzt die junge Mutter nach: ‚Dein Onkel ist schon weg. Er hat das Auto mitgenommen – jetzt musst du hierbleiben!‘
Ganz egal, wie sehr Ramona ihr zu erklären versuchte, dass das Auto und auch ihr Onkel noch da waren, dass sie auch heimlaufen könnten oder eine Rikscha nehmen könnten und dass sie sie doch niemals einfach so zurücklassen würde, Apra wollte gehen. Kein einziger Blick mehr für das Baby, nur ein Gedanke: nach Hause.
Nun denk mal, was du dieser Zweijährigen für einen Eindruck vermittelt hast! Du hast sie nicht über das Wunder des Lebens staunen lassen, ihr nicht gegönnt, so etwas Wertvolles zu genießen, sondern hast stattdessen versucht, ihr mit Lügen Angst einzujagen. Ja, es war eine Lüge und das lernt dieses Kind auch, wenn sie etwas älter ist. Apra wird lernen, dass alles, was du ihr sagst, einfach nur Hänselei ist, falsch und gemein. Jetzt jedoch hatte sie das Gefühl, dass du sie gegen ihren Willen bei dir behalten willst, ihr ihren Onkel und ihre Mutter wegnehmen willst. Genau dieses Gefühl wolltest du ihr vermitteln – aber was ist denn daran lustig? Warum sollte sie denn bei dir deinem Krankenhauszimmer bleiben wollen, wenn du solche Sachen sagst?
Sobald sie aus dem Zimmer draußen war, weg von dieser Frau, ging es Apra wieder gut. Sie kletterte ihrer Mutter vom Schoß und spielte sogar eine Weile Krankenhausgarten. Aber in unseren Herzen war dieser Stich, dieses Gefühl, dass ein so schöner Augenblick verloren gegangen war. Selbst jetzt, viele Tage später, wird mir das Herz schwer, wenn ich dieses Erlebnis beschreibe. Wenn ich daran denke, wie meine Kleine sich gefühlt haben muss! Warum hast du denn kein Feingefühl für die Gefühle eines Kindes?
Wenn du das nicht gesagt hättest, wenn du einfach nur den Mund gehalten hättest und beobachtet hättest, wie diese zwei kleinen Wesen einander ansehen, hätte unser Baby einen wunderschönen bleibenden Eindruck dieses ersten Treffens. Sie hatte uns mit einem Strahlen auf dem Gesicht davon erzählt. Dieses Gefühl und diese Erfahrung hast du zerstört.
Für eine Hänselei. Einen Augenblick deines Vergnügens. Wegen einer schlechten Gewohnheit. Und du merkst es noch nicht einmal.
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