Warum willst du, dass ein Guru die Führung über dein Leben übernimmt? – 22 Jul 13

Stadt:
Vrindavan
Land:
Indien

Heute ist in Indien Guru Purnima, der Tag der Meister. Es ist ein Tag, an dem jeder Schüler seinen Guru ehrt. Selbst wenn er das ganze Jahr nicht an ihn denkt, kommt er an diesem Tag, wäscht die Füße seines Gurus, zeigt seine Hingabe und überrascht ein Geschenk sowie etwas Geld. Selbst wenn er weit weg ist, wird er ihn anrufen, um ihn zu grüßen. Ich habe die Rolle des Guru selbst gespielt und kenne die Szene sehr gut. Ich habe mich geändert und zwar so sehr, dass ich heute das, was ich vor Jahren selbst empfohlen habe, vollständig ablehne. Und damit auch das Prinzip des Guruismus.

Ich glaubte und predigte das, was in den Schriften steht: ohne Guru erreicht man keine Erlösung. Erlösung ist das, wonach alle streben – also sollte jeder einen Guru finden, der ihn zur Erlösung bringt.

Heute habe ich das Gefühl, dass diese Bedingung der Grund ist, warum es in diesem Bereich so viel Korruption gibt. Unschuldige, leichtgläubige Menschen kommen und sie lehren ihnen drei Dinge:

1. Man kann nur Erlösung finden, wenn man einen Guru hat.

2. Man kann nur einen Guru haben, genau wie man nur einen Vater haben kann.

3. Dem Guru musst du alles widmen, was du hast und was du tust. Er übernimmt Verantwortung für dich und dafür musst du tun, was er sagt.

Von dem Augenblick an, in dem du von deinem Guru eingeweiht wirst, widmest du ihm alle deine Rituale. Du folgst seinem Rat und betest mit dem Gedanken an ihn. Du wirst freiwillig und freudig zur Marionette dieses Meisters mit seinem Versprechen, dass er dich aus dieser Welt der Illusion herausholt. Offensichtlich mögen diese Gurus die Macht und alles, was damit kommt. Darum sagen sie es sei ein Muss und notwendig, die Einweihung durch einen Guru zu haben. Um ihre Anhänger bei sich zu halten, fördern sie die Regel, dass jeder Anhänger nur einen Guru haben kann.

Dieses ganze System ist meiner nach wie für den Missbrauch gemacht, der in den vergangenen Jahrzenten und Jahrhunderten stattgefunden hat. Diese Gurus bekommen sehr viel Macht über die Gedanken dieser Menschen und sie missbrauchen diese Macht wissentlich, um Reichtum zu erlangen und nicht nur ihre körperlichen Bedürfnisse zu stillen, sondern auch ihre sexuellen Fantasien, die nicht selten die Grenze dessen überschreiten, was man ‚normal‘ nennt. Es ist falsch, was da geschieht.

Meiner Meinung nach ist ein Guru nur ein Lehrer, im grundlegenden Sinn des Wortes. Wenn man etwas lernen will, braucht man einen Guru. Als ich zur Schule ging, nannte unsere ganze Klasse unseren Lehrer ‚Guruji‘, um ihm Respekt zu zeigen. Es ist egal, wer es ist, jeder von dem du lernst, sei das eine jüngere oder ältere Person, kann dein Guru sein. Und es ist egal wie viele Gurus man hat, wer auch immer dir etwas beibringt, ist dein Guru.

Werde nicht zur Marionette eines anderen. Gib jedem, von dem du lernst, den Respekt eines Guru, aber mache dich nicht von einer Person vollständig abhängig. Schaffe eine Beziehung von Lehrer und Schüler – der Aspekt der Göttlichkeit ist da absolut unnötig.

Manch einer mag nun dagegenhalten, dass man einen spirituellen, religiösen Guru braucht, wenn man etwas zu den Schriften und zur Religionsphilosophie lernen möchte. Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, genau das zu lernen. Heute jedoch möchte ich euch frage: warum willst du diese Philosophie überhaupt lernen? Meiner Meinung nach ist das vollkommen nutzlos. Du willst ein ehrliches und glückliches Leben leben. Warum brauchst du dazu die Veden, den Koran oder die Bibel? Mit dem Studium dieser Bücher grenzt du nur dein Sichtfeld ein, schränkst du deinen Weg ein und verwirrst dich selbst. Wenn du diese Philosophie also nicht brauchst, wozu brauchst du dann einen Guru?

Sei dein eigener Guru. Lass deine eigene Liebe, Bescheidenheit und Moral dein Guru sein. Sie werden dir ein guter Führer sein, wenn du sie nur lässt.

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