Ich habe bereits begonnen, euch ein bisschen von den Unterschieden zu erzählen, die ich auf Gran Canaria bemerkt habe, dazu, was das Leben auf Gran Canaria vom Leben auf dem ‚Festland‘ Europas unterschiedet. Neben ihren ganz anderen Urlaubsgewohnheiten, scheinen die Kanaren sich auch bei einem anderen Lebensaspekt anders zu fühlen und zu verhalten: ihre Familien. Während ich gesehen habe, dass die Leute in großen Teilen Europas, wenn man von einer Familie spricht, an Mutter, Vater und ihre Kinder denken, sind die Familien auf Gran Canaria den Großfamilien, die wir aus Indien kennen noch näher. Alles in allem scheinen die Leute sich im Leben dort einander noch näher zu sein, ein bisschen weniger auf die Einzelperson konzentriert.
Ich habe die ersten solchen Eindrücke bereits von unserer Freundin Betty bekommen. Naja, eigentlich nicht, ich wusste nur, dass sie in einer Wohnung wohnte, die praktisch ein Teil des Hauses ihrer Mutter war und dass ihre Großeltern nebenan wohnten. Das selbst zeigte mir, dass die Mitglieder dieser Familie einander nahe standen. Während das im Westen vielleicht nicht üblich sein mag, habe ich mehrere Freunde, die auch solche Nähe zu ihren Eltern und ihrer Familie vorziehen. Ich habe das jedoch als Ausnahme erlebt und als wir selbst nach Gran Canaria kamen, mit den Leuten sprachen, hörten, wie sie miteinander sprachen und sahen, wie sie lebten, verstand ich, dass diese Insel etwas erhalten hatte, was ich für wichtig halte: die Möglichkeit für Familienmitglieder, einander nahe zu sein! Sie kennen alle ihre Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, treffen ihre Eltern und Großeltern regelmäßig und, was am Wichtigsten ist, sie mögen einander wirklich. Es ist mehr als nur eine Formalität, ihre Familie ist ihnen wichtig!
Wir waren für ein Programm von drei Tagen auf Teneriffa. Eine dieser Nächte war eine Art von Festnacht, ein Feiertag, der ‚San Juan‘ genannt wird, und der Mann, der das Programm auf Teneriffa organisiert hatte, lud uns ein, in sein Dorf zu kommen. Traditionell machten die Menschen große Feuer an der Küste, aber aus irgendeinem Grund – wahrscheinlich wegen Brandgefahr – war es nun verboten. Die Dorfbewohner kümmerten sich da jedoch nicht sehr darum. Wir kamen zum Ozean runter, wo schwarze Felsen ins Wasser führten und wir sahen Leute zusammensitzen, einige gingen ins Wasser für eine nächtliche Runde zum Schwimmen und andere saßen um ein Feuer. Eigentlich war das Feuer ein brennendes Regal, aber Betty erzählte uns, dass sie als Kinder an diesem Tag von Tür zu Tür gingen und die Leute fragten, ob sie alte Möbel oder kaputte Gegenstände hätten, sie brennen könnten, so dass das Feuer größer würde. Also war da das Feuer und die Leute drum herum, alt und jung. Die Atmosphäre war so schön: ein Inseldorf, Familien an der Küste, die schwammen, aßen, lachten und spielten!
Es ist einfach ein Gefühl, das man bekommt, ein Gefühl der Liebe, der Wärme und Nähe, das einen glücklich macht über die Tatsache, dass diese Leute zusammen sind. Dass die Familienbande immer noch geschätzt werden und dort wichtiger erscheinen als in vielen anderen Ländern im Westen, die ich besucht habe!
Ich spreche kein Spanisch, aber Ramona schon und im Laufe der drei Wochen erzählte sie mir, wie sie es erst etwas seltsam fand, doch dann eigentlich mochte, wie sie von einem älteren Verkäufer im Früchte- und Gemüsegeschäft um die Ecke ‚Mi niña‘ genannt wurde, ‚Meine Tochter‘ – eine liebevolle Art, einen völlig Fremden zu begrüßen, meint ihr nicht? Doch es ist ähnlich wie das, was wir in Indien machen, wenn wir uns bemühen, uns zu der Person vor uns in eine Beziehung zu setzen, je nach ihrem Alter oder der Verbindung, die wir zu ihnen haben, wie wir sie kennen gelernt haben. Also kann jeder zu Bruder, Onkel, Tochter oder Mutter werden. Ein Ausdruck dessen, das uns der andere wichtig ist, wie unsere Familie.
Erzähl mir also nicht, dass das etwas ist, das nur auf einer Insel möglich ist. Uns können andere Leute wichtig sein. So sollte es sein. Und wenn das so ist, werden wir mit Glück und Liebe tausendfach belohnt!
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