Als ich gestern meinen Tagebucheintrag über Erwartungen von Eltern an die Leben ihrer Kinder schrieb, haben Ramona und ich auch über finanzielle Erwartungen gesprochen und über die Frage, welche Erwartungen natürlich und gerechtfertigt sind. Wie ihr euch vorstellen könnt, ist unsere Unterhaltung auf die Unterschiede zu sprechen gekommen, wie ältere Menschen in der Gesellschaft im Westen leben und wie sie in Indien leben.
Hier in Indien funktioniert der sogenannte ‘Generationenvertrag‘, während er im Westen einfach nicht mehr vorhanden ist. Das bedeutet, dass es hier in Indien normal ist, dass Eltern sich um ihre Kinder kümmern, während sie aufwachsen und sich dann die Kinder um die Eltern kümmern, wenn diese alt sind. Es ist ein Konzept, auf das sich jeder ganz natürlich verlässt und es ist auch damit verbunden, dass die Menschen in Großfamilien leben, worüber ich letzte Woche geschrieben habe. Kinder wachsen in einer Familie auf, in der die Eltern sich um sie und gleichzeitig um ihre eigenen Eltern kümmern, die nicht mehr zur Arbeit gehen. Es ist für sie also einfach nur natürlich, das Gleiche auch für ihre Kinder und Eltern zu tun.
Menschen im Westen haben eine völlig andere Perspektive. Sie fragen, ob man dadurch auf die Kinder nicht zu viel Druck ausübt und sie sagen, dass man selbst für seine Zukunft sorgen sollte, anstatt sich auf seine Kinder zu verlassen. Im Westen, oder zumindest in Deutschland und mehreren anderen Ländern, die ich besucht habe, ist das gesamte System so ausgelegt, dass Kinder sich finanziell nicht um ihre Eltern kümmern müssen. Man zahlt sein ganzes Arbeitsleben dafür, dass man leben kann, wenn man in Rente geht. Man hat eine Rente, die man sich selbst geschaffen hat. Man ist unabhängig, wie man es war, seit man das Haus seiner Eltern verlassen hat.
Ich denke eigentlich nicht, dass es falsch ist, wenn alte Menschen erwarten, dass ihre Kinder sich um sie kümmern. Natürlich ist es nicht falsch, wenn man, sofern man das kann, für die Zeit vorsorgt, wenn man einmal nicht mehr arbeiten wird und das machen die Leute hier in Indien auch. Sie wollen sich auch im Alter an den Ausgaben des Haushalts beteiligen. Doch was sollten die armen Leute tun?
Was ist mit Arbeitern, den Eltern der Kinder, denen wir in unserer Schule Essen und Bildung bereitstellen? Sie arbeiten, wo auch immer sie Arbeit finden. Sie haben keine Festanstellung in einer Firma und kein geregeltes Einkommen. Sie verdienen ihr Geld für einen Tag und kaufen dann Essen von diesem Geld. Davon geben sie zuerst ihren Kindern und Eltern, bevor sie selbst etwas essen. Sie haben nicht viel Geld und wenn an einem Tag etwas übrig ist, verwenden sie es dafür, ihren Kindern neue Kleidung zu kaufen, selbst wenn ihre Kleidung auch schon am Zerreißen ist. Sie haben keine Möglichkeit, Geld für später zur Seite zu leben. Sie haben vielleicht fünfzig Jahre ihres Lebens gearbeitet und haben in der Zeit ihren Kindern von dem Geld, das sie verdient haben, Kleidung und Essen gekauft. Sie haben selbst auf dem Boden geschlafen und die einzige Matratze, die sie hatten, ihren Kindern gegeben. Jetzt, da sie alt sind und auf einer Baustelle keine Ziegelsteine mehr tragen können oder keine Fahrrad-Rikscha mehr fahren können, warum wäre es da falsch, wenn sie von ihren Kindern erwarten, dass sie ihnen zu Essen geben. Ich kann nicht sagen, dass das falsch ist.
Ich weiß, dass es auch in Deutschland viele Menschen gibt, deren Rente nicht sehr hoch ist und deren Kinder sie also auch finanziell unterstützen. Es ist nur so, dass das ganze System und das Denken der Gesellschaft völlig anders ist und ich glaube, dass es dazu noch viel Unterschiede bei den emotionalen Erwartungen im Alter gibt. Das ist jedoch ein anderer Aspekt, über den ich morgen schreiben werde.
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