Nachdem ich in meinem Brief an indische Eltern und in den Einträgen der letzten Tage gegen Gewalt geschrieben habe, wurde ich gefragt, ob ich wirklich dachte, dass ich durch das, was ich schreibe, irgendjemanden verändern könnte. Zuallererst ist das nicht der Grund, warum ich schreibe. Ich will mich nur ausdrücken. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Wenn es für ein paar Eltern und Kinder das Leben verändert, freut es mich. Ich weiß jedoch, dass diese Veränderung schwierig ist, denn die Gewalt mit Handlungen und Worten ist vielen zur Gewohnheit geworden. Ich denke, man braucht da praktische Hilfe, um etwas zu verändern. Ich kann euch das Beispiel unseres Ashrams geben, wo genau das gerade jetzt geschieht.
Einer unserer Mitarbeiter hatte hier schon eine ganze Zeit lang gearbeitet, während seine Frau etwas weiter weg in einem Dorf bei seinen Kindern wohnte. Er ging am Wochenende dorthin, um sie zu besuchen. Er sah, wie wir die Kinder behandeln, die hier im Ashram leben und auch ein Kind anderer Mitarbeiter, einen Jungen in etwa im gleichen Alter wie sein Sohn, etwa zwei Jahre alt. Er hörte, wie wir den Eltern sagten, sie sollten ihren Jungen nicht schlagen und er hörte sich unsere Argumente an, warum man mit Gewalt nicht einmal drohen sollte.
Er verstand, dass das gut war. Er wollte diese Atmosphäre auch für seine Kinder – und so holte er sie in den Ashram. Nun arbeitet auch seine Frau hier und seine Kinder wohnen bei uns.
Trotzdem hat es sich als sehr schwierig erwiesen, die Gewohnheit, das Kind zu schlagen, loszuwerden. Er und besonders seine Frau, die so viel mehr Zeit mit den Kindern verbrachte als er, mussten hart daran arbeiten, ihre Art der Erziehung zu ändern. Oder besser gesagt, einen Weg zu finden, wie sie ihren Kindern etwas beibringen, weil ich verweigere, Gewalt als ‚Erziehungsweg‘ zu akzeptieren.
Es dauerte eine Weile, bis sie aufhörten, ihre Hand zu erheben, als würden sie gleich zuschlagen. Es brauchte ein strenges Verbot von unserer Seite, damit sie aufhörten, den Kindern mit Schlägen zu drohen. Und es brauchte und braucht immer noch unser Vorbild, unsere Erklärungen und damit unsere Hilfe, damit sie einen anderen Weg sehen. Sie kennen nichts anderes! Sie selbst sind aufgewachsen, ohne geschlagen zu werden, sie haben ihr ganzes Leben lang gesehen, wie Kinder mit Gewalt aufgezogen wurden und erst jetzt erfahren sie, dass es auch eine andere Art gibt.
Wir helfen ihnen also und versuchen, ihnen andere Möglichkeiten zu eröffnen – weil sie ihre Kinder lieben und verstehen, wie gut es für sie wäre, sie ohne Gewalt großzuziehen. Sie müssen sich noch dran gewöhnen – und ihre Kinder auch. Die Jungen wurden die ersten zwei Jahre ihres Lebens geschlagen und nicht immer aus Gründen, die sie verstehen könnten, nicht immer nach einer Warnung und nicht immer mit einer Erklärung. Sie müssen nun wieder von neu lernen, wie man sich benimmt, neue Regeln lernen, mit der neuen Verhaltensweise ihrer Eltern umgehen und auch die Liebe aufnehmen, die sie in ihrer neuen Umgebung wahrnehmen.
Es ist das Beste, was diesen Eltern und auch ihren Kindern hatte passieren können, wenn man mich fragt. Und auch für den Ashram, denn wie ich gestern sagte, machen wir dies den besten Ort, an dem meine Tochter aufwachsen könnte – frei von Gewalt und voller Liebe!
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