Gestern habe ich einen Brief an indische Eltern geschrieben und ihnen erzählt, dass ich mein Kind nicht bei ihnen lassen würde, weil sie ihre Kinder schlagen. Ich wurde gefragt, warum ich diesen Brief denn an alle indischen Eltern im Allgemeinen adressiert hatte, als ob sie alle ihre Kinder schlagen. Mir wurde gesagt, es wären nur einige wenige solche Familien und ich sollte nicht verallgemeinern. Dem stimme ich nicht zu. Ich habe das immer gesehen, in vielen Familien und mit fast allen indischen Eltern, die ich kenne. Und da bin ich nicht der Einzige, daheim habe ich die beste Möglichkeit, Dinge von außerhalb unserer Kultur, des Landes und damit von einem Sichtpunkt aus zu sehen, der nicht vom Aufwachsen hier beeinflusst ist: meine deutsche Frau.
Als Ramona nach Indien kam, kam sie mit dem Hintergrund einer Kultur, eines Landes und einer Familie, in der das Schlagen von Kindern ein Ding der Vergangenheit ist. In einer dunklen Vergangenheit, als der zweite Weltkrieg in Deutschland wütete, als Ramonas Großmutter zur Schule ging, damals wurden Kinder in der Schule noch körperlich gezüchtigt. Daheim hatte sie gelernt, dass das nur in Familien geschieht, wo es an Bildung fehlte, wo es Suchtprobleme gab oder andere, ernste Faktoren, die Eltern das Verbrechen begehen ließen, dass sie ihre Kinder schlagen.
Dann kam sie nach Indien. Natürlich stimmte sie der Philosophie der Gewaltfreiheit in unserer Schule vollkommen zu. Als sie sah, wie eine Lehrerin ein Kind ohrfeigte, trotz glasklarer Anweisungen und einem Verbot von jeglicher Gewalt, war sie innerlich erschüttert und zitterte am ganzen Körper wegen dieses ungerechten Gewaltakts an einem Kind, einem Wesen, das so viel kleiner und jünger war als diese große Frau, die sich da vor ihm aufgebaut hatte. Wir feuerten die Lehrerin sofort und Ramona erkannte, wie üblich Gewalt in Indiens Schulen wirklich noch ist. Sie begann, den Lehrerinnen an unserer Schule Workshops zu geben, wie man sich Respekt verschafft, während man mit Liebe unterrichtet.
Meiner Frau stand jedoch noch ein weiterer Schock bevor: Gewalt ist nicht nur in Schulen hier gang und gäbe, sondern auch bei den Kindern zu Hause! Sie begleitete mich zu Freunden mit nach Hause und begann, auch selbst Freunde zu schließen. Freunde mit kleinen Kindern. Sie besuchte sie hin und wieder zu Hause und in keinem einigen Haus hat sie nicht eines Tages gesehen, dass die Kinder geschlagen werden.
Wir sitzen und reden, machen Witze unter Freunden. Die Kinder spielen um uns herum. Sie werden zu laut, sie streiten und – klatsch – ohrfeigt die Mutter ihren fünfjährigen Sohn ohne Vorwarnung. Eine weitere Familie. Ramona hält das drei-Monate-alte Baby einer Freundin, die vierjährige Schwester tanzt um sie herum. Das Mädchen ist aufgeregt wegen dem Besuch, zeigt all ihre Dinge, macht etwas Unsinn und – klatsch – ihre Großmutter haut ihr eine runter. Sie fängt an zu weinen und ihre Mutter tröstet sie, sagt ihr, sie solle nicht so frech sein, um solche Situationen zu vermeiden. Ein weiteres Haus. Apra und ihre Freundin, auch zwei Jahre alt, spielen miteinander. Sie malen mit Filzstiften in ein Heft. Apras Freundin fängt an zu nörgeln, sie will von ihrer Mutter noch einen Stift und ein anderes Heft. Als sie das nicht bekommt, hat sie einen Trotzanfall und – klatsch – wieder landet die Hand einer Großmutter im Gesicht eines kleinen Mädchens. Die Mutter, unbewegt, unterstützt die Gewalt mit ihren Blicken. Ramona lenkt mit klopfendem Herzen Apra von der Szene ab, froh, dass diese gerade in ihr Bild versunken war und nicht hingesehen hatte.
Sobald meine Frau Hindi zu verstehen begann, brachte es sie aus der Fassung, wie normal es hier ist zu sagen ‘Teri pitai lagegi’, ‘Me marunga/ marungi’ und ähnliche Sätze – die alle bedeuten ‚Ich werde dich schlagen‘ und meistens verwendet werden, wenn Kinder ungezogen sind. Wir haben einander geschworen, dass unser Kind und die Kinder im Ashram solche Worte nicht zu Ohren bekommen werden.
Das sind die Erfahrungen einer ‘Ausländerin’ in Indien. Sie sieht die Dinge von außerhalb und ist schockiert. Sie ist die tägliche Gewalt nicht so gewohnt wie Inder, die sie schon gar nicht mehr sehen. Und sie ist auch nicht die Einzige! Eine ihrer Freundinnen aus dem Westen, die auch ein Kind mit einem indischen Mann hat und zuvor auch ein Jahr lang in Indien gewohnt hat, bestätigte das. Sie kann sich nicht dazu durchringen, nach Indien zu ziehen – weil sie Angst vor der Atmosphäre voller Gewalt hat, in der ihr Junge aufwachsen würde.
Nein, liebe indischen Eltern, ich muss sagen, es sind nicht nur einige einzelne Vorfälle. Man kann wahrscheinlich sagen, dass die Eltern, die nicht schlagen und nicht mit Gewalt drohen, die Ausnahme sind. Ihr merkt es einfach nicht mehr, da es euch so zur Gewohnheit geworden ist und für euch normal ist. Denkt darüber nach, wenn nicht über meine Worte, dann vielleicht darüber, welchen Eindruck ihr einem Besucher eines anderen Landes vermittelt.
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