Wem gaben die Westler die Schuld, als ihre Kinder keine arrangierten Ehen mehr wollten? – 9 Mai 13

Stadt:
Vrindavan
Land:
Indien

Für viele Inder ist die Diskussion arrangierte Ehe vs. Liebesheirat ein sehr großes Thema. Wenn ich meine Blogs über arrangierte Ehen schreibe, die meiner Meinung nach die Ursache vieler Probleme sind, bekomme ich natürlich viele Antworten von Leuten, die das Gegenteil glauben. Es gibt wirklich viele Leute, die Liebesheiraten so entschieden entgegenstehen, dass sie sogar sagen, diese würden ihre Kultur zerstören. Und wem geben diese Traditionalisten daran wieder einmal die Schuld? Natürlich den Westen. Ich möchte hier ein paar Dinge für euch klarstellen.

Erstens, niemand hat gesagt, dass arrangierte Ehen niemals funktionieren. Wenn ich schreibe, so schreibe ich über meine persönliche Erfahrung und während meine Eltern, die in einer sehr traditionell arrangierten Ehe lebten, immer glücklich waren, sehe ich in meiner Umgebung, dass es kaum glückliche Paare in arrangierten Ehen gibt. Mit glücklich meine ich, dass sie nicht nur ihr Schicksal akzeptieren, sondern dass sie einander wirklich lieben und mit ihrem Ehepartner glücklich sind. Menschen, die meiner Meinung nach überstolz auf ihre Kultur, ihre Traditionen und damit zusammenhängend natürlich ihre Religion sind, bestehen darauf, dass das der einzige Weg ist. Liebesheiraten, die ganz genauso manchmal erfolgreich sind und manchmal nicht, wurden ihrer Meinung nach aus dem Westen importiert und zerstören die ursprüngliche indische Kultur.

In Wirklichkeit gab es im Westen früher jedoch auch arrangierte Ehen! Sie waren im Mittelalter ganz üblich und während die niedrigen Gesellschaftsschichten früher dort heirateten, wo die Liebe hinfiel, verheiratete der Adel selbst im 19. Jahrhundert noch seine Töchter an andere Familien, was ihnen strategisch günstige Beziehungen einbrachte! Besonders die Königsfamilien verbanden Länder miteinander, indem sie ihre Töchter verheirateten.

Als ich in Griechenland war erzählten mir ältere Menschen, dass sie sogar selbst noch arrangierte Ehen gesehen hatten – es ist den Menschen also zumindest in Europa nichts Fremdes! Es erscheint ihnen nur veraltet, ein uraltes Konzept, das heutzutage nicht mehr angewandt wird, weil es sich als unpraktisch erwies und nicht mehr in die Gesellschaft passte. Es ist einfach eine Entwicklung und heutzutage erinnern sie sich an arrangierte Ehen nur als etwas Geschichtliches aus der Vergangenheit.

Wenn ich sehe, wie Inder dem Westen für die erhöhte Anzahl an Ehen die Schuld gibt, frage ich mich, wen die Westler damals beschuldigten. Auf wen schimpften sie, als diese Veränderung im Westen stattfand, als junge Leute begannen, diejenigen zu heiraten, die sie heiraten wollten?

Mit diesem Gedanken im Kopf ist es glaube ich möglich, meinem Gedankengang weiter zu folgen bis zu dem Ergebnis, dass diese Entwicklung etwas ist, das natürlich und mit der Zeit geschieht. Die Menschen im Westen akzeptierten langsam, dass Liebeshochzeiten immer häufiger wurden, bis arrangierte Ehen schließlich kein Teil ihrer Kultur mehr waren. Auf die gleiche Weise werden die Inder das akzeptieren müssen und ich würde mich freuen, wenn sie endlich aufhören würden, dem Westen dafür die Schuld zu geben.

Auch in Indien müssen die Menschen es schließlich sowieso akzeptieren, da geht kein Weg drum herum. In Familien, in denen eines der Kinder beschlossen hat, gegen den Wunsch der Eltern auf Liebe zu heiraten, haben viele bereits den Ehepartner ihres Kindes akzeptiert. Widerwillig aber ja, weil sie einfach keinen andere Möglichkeit hatten. Sie glauben immer noch, dass es falsch ist, aber sie sehen, dass es eben so geschieht.

Ich werde morgen wahrscheinlich etwas Platz in meinem Blog dafür hernehmen, über solche und ähnliche Entwicklungen in unterschiedlichen Kulturen zu schreiben.