Heute ist Akshai Tithya, ein religiöser Feiertag in Indien. Man sagt, dass alles, was man an diesem Tag macht ‚nicht verloren geht‘. Was auch immer man heute beginnt, soll Erfolg haben und was auch immer man bekommt, gehört einem für immer. Deswegen wird an diesem Tag jede Menge Gold gekauft und verkauft und es finden viele Hochzeiten statt. Die meisten davon sind arrangiert, da das in Indien immer noch üblich ist. Die Frage, über die ich heute schreiben möchte ist, ob diese Ehen erfolgreich sind oder nicht.
Das Allererste, was Menschen im Westen nun in den Kopf kommt ist eine laute Antwort ‘Nein! Es kann gar nicht erfolgreich oder gut sein, wenn jemand dazu gezwungen wird, einen Fremden zu heiraten! Das ist eine extrem veraltete Idee!‘. Die Realität ist jedoch, dass arrangierte Ehen in Indien immer noch recht normal sind und dass die Kinder, selbst wenn sie bereits 30 Jahre als sind, wenn sie heiraten, sich nicht dazu gezwungen fühlen und nicht traurig sind über die Tatsache, dass ihre Eltern ihre Ehe arrangiert haben.
Sie erwarten nichts anderes von ihren Eltern. Hier ist es normal, jeder in ihrem Umfeld hat so geheiratet oder wird so heiraten. Für gewöhnlich gibt es im Umfeld einer Person nur wenige Menschen, die aus Liebe geheiratet haben. Kinder freuen sich auf den Tag, an dem ihre Eltern ihnen erzählen, dass sie einen Lebenspartner für sie gefunden haben. Es ist ein Teil der Kultur. Manchmal witzeln wir und sagen, dass das den Kindern den Druck nimmt – wenn sie das akzeptieren, müssen sie sich nicht darum kümmern, jemanden zu finden – das ist die Aufgabe ihrer Eltern. Und die werden auch die Vorwürfe bekommen, sollte es nicht funktionieren.
Man kann jedoch nicht sagen, dass keine dieser arrangierten Ehen erfolgreich ist. Es gibt so viele Erfolgsgeschichten und ich kenne viele Paare, meine Eltern eingeschlossen, die sehr glücklich miteinander sind. Doch natürlich hängt der Erfolg, wenn sich zwei Fremde treffen und heiraten, von Anpassung, Kompromissen und Toleranz ab. Männer müssen das auch tun, aber der Hauptteil davon liegt bei den Frauen.
Warum sage ich das? In der indischen Kultur und Gesellschaft ist es für eine Frau normal, wenn sie heiratete, das Haus ihrer Eltern, in dem sie aufgewachsen ist, zu verlassen und bei ihrem Mann und seiner Familie einzuziehen. Das bedeutet, dass sie in einer ganz neuen Umgebung lebt, mit ihrem Ehemann, ihren Schwiegereltern, in einer neuen Stadt und einem ganz neuen Umfeld. Alles kann ganz anders sein als in ihrem vorigen Lebensabschnitt. Männer müssen ihre Leben natürlich auch ein bisschen anpassen – sie haben jetzt eine Frau an ihrer Seite – aber sie muss den größeren Teil der Anpassungen übernehmen. Wenn sie das tut und er auch seinen Teil dazu gibt, wird die Ehe ein Erfolg. Und gemessen an der Scheidungsrate in Indien sind die meisten Ehen immer noch erfolgreich.
An diesem Punkt muss man sich jedoch fragen, was da der Maßstab von Erfolg sein soll. Bedeutet ‚keine Scheidung‘ Erfolg oder sollte es nicht eher die Harmonie zwischen zwei Menschen sein, die für eine Ehe Erfolg bedeutet? Führen etwa 100% der Menschen, die als ‚erfolgreiche arrangierte Ehe‘ gelten, ein glückliches Eheleben? Man kann sich ziemlich sicher sein, dass das nicht der Fall ist. In der Statistik mag eine Ehe erfolgreich sein, weil sie nicht in der Scheidung geendet hat, die Partner nicht vor Gericht miteinander streiten und zusammen in einem Haus leben. Ich sehe jedoch oft, wie diese Ehen trotzdem nicht glücklich sind. Ihre Ehe ist oft nur noch intakt, weil sie nicht den Mut aufbringen zu sagen ‚Ich will nicht mehr mit dir zusammen leben‘.
Ich habe viele Paare gesehen, die viel streiten und an der Gesellschaft des anderen keinerlei Freude haben. Trotzdem leben sie immer noch zusammen und haben ein bitteres Leben akzeptiert. Warum? Weil Scheidung in dieser Gesellschaft immer noch den Ruf befleckt. Es ist die Angst vor einem Verlust in gesellschaftlichem Ansehen, die sie bei geschlossener Tür streiten lässt, während sie in der Öffentlichkeit ein zufriedenes Gesicht aufsetzen. Die Probleme beginnen nach ein paar Monaten, doch sie spielen weiter Glück und Liebe vor. Für die Öffentlichkeit sind sie erfolgreich verheiratet, aber wenn sie allein sind und streiten, sagen sie einander ganz ehrlich: ‚Du hast einen Platz in meinem Haus und meinem Leben, aber nicht in meinem Herzen.‘ Sieht so wirklich eine erfolgreiche Ehe aus?
Diese Art von Situation gibt es jedoch auch im Westen. Ich erinner mich an eine Freundin in Deutschland, die mir von ihren Eltern erzählte. Sie sagte, sie hätten sich die letzten 40 Jahre ihres Lebens gestritten und immer wieder von Scheidung gesprochen. Jetzt sind sie 80 Jahre alt und haben immer noch das gleiche Problem. Sie können sich nicht dazu durchringen, sich zu trennen – was würden denn die Menschen sagen? Gesellschaftlicher Ruf ist auch im Westen immer noch ein Thema, selbst wenn es so nur unter älteren Menschen aufkommt. Die heutige Generation will nicht mehr so viel leiden.
In Indien kann man auch sehen, dass die Erfolgsrate bei Ehen früher höher war als heute – oder die Scheidungsrate niedriger, je nachdem, wie man es sagen will. Ein Grund dafür ist, dass heutzutage später geheiratet wird. Mit dem Einfluss der äußeren Welt, den Veränderugnen in der Gesellschaft und vor allem mit höherer Bildung, wollen Männer und Frauen nicht mehr still alles in ihrem Leben akzeptieren, was ihnen so nicht gefällt. Sie protestieren und passen sich nicht mehr so leicht an. Sie heiraten vielleicht jemanden, den ihre Eltern ausgesucht haben, aber es scheint, dass nun mehr Leute den Mut haben, es zu sagen, wenn sie nicht mehr mit dem anderen leben können. Mehr Menschen beschließen heutzutage, dass ihr Ruf und der Ruf der Familie nicht mehr wert ist als ihr Glück. Und das würden sie aufgeben, wenn sie in einer Ehe ohne Liebe bleiben würden. Das Ergebnis ist, dass es heutzutage mehr Scheidungen gibt als zuvor.
Ich will nicht sagen, dass arrangierte Ehen keinen Erfolg haben können und dass Paare nicht in Harmonie leben können, wenn ihre Eltern sie füreinander gewählt haben. Ich glaube jedoch, dass es ein veraltetes System ist, dass in dieser Zeit mehr Leiden als Liebe bringt. In den nächsten Tagen schreibe ich noch mehr über arrangierte Ehen.
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