In den vergangenen Tagen habe ich über die verschiedenen Probleme in arrangierten Ehen geschrieben. Als ich meine Einträge noch einmal las, dachte ich, man könnte den Eindruck bekommen, dass ich nur von einer bestimmten Gesellschaftsschicht spreche. Viele Leute im Westen, denen das Konzept der arrangierten Ehen völlig fremd ist, denken vielleicht, dass nur Menschen aus einer bestimmten sozialen Schicht in einer Ehe bleiben würden, obwohl sie solche Probleme haben. Sie wissen nicht, dass die Probleme dieser Ehen in allen verschiedenen Schichten der Gesellschaft vorhanden sind und dass sie alle eher dazu neigen, ihr Schicksal anzunehmen, als sich zu trennen und scheiden zu lassen. Egal, ob man ein Paar der Unterschicht, der Mittelschicht oder der Oberschicht fragt, ihre arrangierten Ehen sind nicht erfolgreich, aber sie bleiben trotzdem weiterhin verheiratet. Das ist ja auch logisch, wenn man sich die Gesellschaftsstruktur ansieht – lasst mich euch einmal erklären warum.
Beginnen wir damit, uns die Leute anzusehen, die man nach ihrer finanziellen Situation ‘Unterschicht’ nennen würde. Sie haben nicht viel Geld und sicherlich nicht genug, um für eine indische Hochzeit zu sparen, die für gewöhnlich ein halbes Vermögen kostet. Sie arbeiten jeden Tag, so dass sie am Abend genug zu Essen bekommen, sich etwas Kleidung leisten können und ihre Kinder aufziehen können. Sie verlassen sich bei größeren Veranstaltungen auf andere. Wenn ihre Töchter heiraten, fragen sie überall dort um Hilfe, wo sie meinen, dass sie welche bekommen können. Einzelpersonen geben etwas Geld und auch wohltätige Organisationen steuern etwas bei, so dass sie eine Mitgift haben, die sie dem Bräutigam übergeben können, sowie das Geld, um die Hochzeitsfeier und die Zeremonie zu organisieren. Sie strengen sich sehr an, genug Geld zusammen zu bekommen, aber wenn es nicht ausreicht, leihen sie sich Geld von einem Verwandten, einem Freund oder irgendjemandem, dessen Geschäft es ist, Kredite zu vergeben und dann bei der Rückzahlung Zinsen zu verlangen.
Der hohe finanzielle Aufwand, den die Eltern so haben, ist einer der Gründe, warum viele Leute sich einen Jungen wünschen – wenn sie mehrere Mädchen haben, müssen sie für all ihre Hochzeiten zahlen und dann noch die Mitgift obendrauf!
Sobald sie das Geld zusammen haben und einen Bräutigam der richtigen Preisklasse gefunden haben, wird das Mädchen verheiratet. Das kann auch bereits recht früh geschehen, besonders in armen Familien. Mädchen werden im Alter von vierzehn oder fünfzehn bereits verheiratet, obwohl es vom Gesetz her illegal ist, unter 18 zu heiraten. In den Dörfern jedoch gibt es jedes Jahr viele Kinderehen. Diese Mädchen sind noch nicht reif genug, etwas anderes zu tun als das, was ihre Eltern von ihnen wollen. Ihr ganzes Leben lang hat sie das getan, was sie ihr sagten, selbst wenn sie also heiratet und den Ehemann, an den sie verheiratet wurde, nicht mag, wird sie das ihren Eltern erzählen. Und diese werden ihr sagen, dass sie ihn akzeptieren soll, sich selbst anpassen soll und es irgendwie hinbekommen muss.
Stellt euch die Situation der Tochter vor! Sie hat keinen Beruf gelernt und wäre vom Betteln oder harter, körperlicher Arbeit abhängig, wenn sie sich allein ernähren müsste. Ihre Eltern wären auch schwerlich in der Lage, sie wieder aufzunehmen! Vielleicht würden sie es aus Liebe tun, aber stellt euch ihre Schuldgefühle vor, wenn sie wirklich zurückkäme und sie wieder in einer schwierige finanzielle Situation brächte! Wenn sie bereits Kinder hat, ist das noch viel schwieriger.
Für den Jungen, den neuen Bräutigam, ist die Situation auch nicht leichter. Wenn er merkt, dass sich seine Frau nicht mit seiner Familie versteht und vielleicht auch mit ihm zu streiten versucht, steckt er in einer Zwickmühle: was soll er denn nun tun? Wenn sie sich wirklich scheiden ließen, würde er überall ausgelacht werden dafür, dass er noch nicht mal seine Ehefrau bei sich behalten kann! Und würde er sich nicht auch verantwortlich fühlen für sie?
Also bleiben sie zusammen, egal, was zwischen ihnen alles im Argen liegt. Sie leiden und streiten, oft ganz deutlich für die Leute um sie herum, da sie in unmittelbarer Nähe zu anderen leben. Trotzdem ändern sie auch nichts.
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