Ein Beispiel wie interkulturelle Paare den Mittelweg finden – 16 Oct 13

Stadt:
Vrindavan
Land:
Indien

Gestern habe ich euch erklärt, dass es kulturelle Unterschiede gibt, die es nicht jedem erlauben, dich auf jede Weise zu verändern – es mag sein, dass es für eine Person einer Kultur einfach nicht möglich ist, etwas zu tun, was eine Person einer anderen Kultur als einfach empfindet. Ich kann euch aus eigener Erfahrung berichten, dass die beste Möglichkeit, das hautnah zu erfahren, eine Heirat mit jemandem aus einer anderen Kultur ist. Irgendwann findet man heraus, was man kann und was man eben nicht kann und dass sein Partner ganz andere Grenzen hat. Die Lösung ist, sich in der Mitte zu treffen!

Als Beispiel können wir die Planung im Voraus hernehmen. Im Westen ist es ein allgemein bekannter Rat, man solle etwas mehr ‚mit dem Fluss‘ gehen, anstatt zu viel zu planen. Im Osten, oder zumindest in Indien, sollten die Leute eher lernen, etwas mehr zu planen. Die Frage ist jedoch, ob die Menschen diesen Rat auch wirklich anwenden können?

Meine Frau und ich stellen uns dieser Frage auch. Sie, eine Deutsche, ist es gewöhnt, alles im Voraus zu planen. Es ist ihre deutsche Erziehung, ihre Kultur und ihr Hintergrund. Ich jedoch plane normalerweise überhaupt nicht. Ich lebe und richte mich nachdem, was eben als nächstes kommt. Ich spreche hier nicht von großen Themen wie der Urlaubsplanung, sondern eher vom täglichen Leben.

Nehmen wir einmal die Frage, wann wir duschen sollten. Meine Frau wacht in der Früh auf und würde normalerweise sogar bevor sie noch einen Fuß aus dem Bett nimmt, einen Plan für den Tag machen. Es ist die Deutsche in ihr, die einen ungefähren Entwurf für den Tag und einen genaueren Plan für die nächsten Stunden macht. Die nächste halbe Stunde ist fürs Aufstehen und Fertigmachen, von sieben bis acht mache ich Yoga, ich brauche eine halbe Stunde zum Entspannen und dann gehe ich für eine halbe Stunde an den Computer. Um neun gehen wir duschen, arbeiten noch ein bisschen und haben dann um elf Uhr Mittagessen. So könnte ihr Plan aussehen.

Ich würde aufwachen und für den Augenblick nicht weiter denken als bis zum Badezimmer. Ich weiß nicht, wie ich mich in drei Stunden fühlen werde – welche Arbeit auf mich zukommt, ob ich mich überhaupt danach fühle zu duschen? Vielleicht würde ich viel lieber am Nachmittag duschen…

Ihr seht also bereits, wenn wir beide fest entschlossen wären, unsere kulturellen Angewohnheiten weiterhin beizubehalten würden wir nie zusammen duschen und würden uns jedes Mal bei dem Versuch streiten. Wir brauchen also eine Einigung: Ramona achtet darauf, mich nicht fünf Mal zu fragen, wann ich denn nun duschen wollte und sagt mir auch nicht immer wieder, dass sie nein Uhr eingeplant hatte. Sie erzählt mir in etwa, was sie vorhat, ist aber auch bereit, ihren Zeitplan leicht abzuändern.

Ich sage ihr dafür ganz deutlich, wenn ich am Morgen überhaupt nicht duschen will, so dass sie für den Vormittag andere Pläne machen kann und bereits eine Idee für den Nachmittag hat. Ansonsten versuche ich mit allem, was ich mache, bis etwa neun Uhr fertig zu werden.

Wir treffen uns in der Mitte. Es wäre mir nicht möglich, den Tag so zu planen, wie Ramona das macht. Für mich wäre das zu viel Stress, der es mir unmöglich machen würde, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auch die Uhrzeit. Genauso jedoch braucht sie diese Struktur, um überhaupt etwas machen zu können. Wenn sie keinen Plan hätte, zumindest in etwa, würde sie mit dem Gefühl durch den Tag gehen, dass sie eigentlich gerade etwas anderes machen sollte und ihre Zeit nicht ordentlich genutzt wurde.

In einer Beziehung und auch im allgemeinen Umgang mit Menschen anderer Länder und Kulturen, muss man oft einen Kompromiss finden, eine akzeptable Lösung für euch beide. Wir haben beide einen kleinen Teil der Kultur des anderen in uns aufgenommen – und in diesem Sinne flexibel zu bleiben macht das Leben doch um einiges einfacher!

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