Vor ein paar Wochen habe ich mit einem Gast hier im Ashram eine Beratungssitzung gehabt. Es war ein Mann, der nach Indien gekommen war, um sich körperlich zu entspannen und geistig Klarheit zu bekommen. Er hatte sich für unseren Ayurveda Yoga Urlaub entschieden und hatte deshalb Yogastunden, Ayurvedische Massagen und Anwendungen. Dazu bat er mich, ob ich mich ein wenig mit ihm unterhalten würde. Es wurde schließlich ein Gespräch über Geheimnisse und Fragen der Klarheit.
Dieser Mann erzählte mir von seiner Beziehung. Seit acht Jahren war er nun schon mit einer Frau zusammen. Sie liebten einander sehr, hatten jedoch nie das Bedürfnis verspürt, auch zu heiraten. Sie waren glücklich, so wie sie waren, ohne eine offizielle Urkunde, die sagte, dass sie ‚zueinander gehörten‘. Seit drei Jahren wohnten sie auch zusammen.
Da hielt er kurz inne und zögerte, bevor er fortfuhr: ‘Aber ich war ihr nicht treu.‘ Seit Langem schon betrog er seine Partnerin. Er hatte mit mehreren anderen Frauen geschlafen. Viele dieser Begegnungen waren One-Night-Stands mit Frauen, die er gerade erst getroffen hatte und nicht weiter kannte, doch er hatte auch mit einer ihrer gemeinsamen Freundinnen Sex gehabt.
Ich hatte in Beratungen schon viele Leute vor mir sitzen gehabt und auch dieses Thema ist mir nicht ganz neu. Als dieser Mann also zu sprechen aufhörte und mich erwartend ansah, erzählte ich ihm, was ich normalerweise empfehle: sei ehrlich! Wenn du deine Partnerin liebst, sag es ihr. Wenn du es versteckst, ist es ein Geheimnis, das langsam nicht nur deine Beziehung, sondern auch deinen Verstand vergiften wird. In dir wirst du dich so schuldig fühlen, dass du es irgendwann nicht mehr verstecken kannst. Wenn du offen bist und es bereust, besteht die Möglichkeit, dass sie dir vergibt. Sonst wirst du durch eine Hölle voller Schuldgefühle gehen!
Hierauf bekam ich eine sehr ungewöhnliche Antwort: ‘Oh, ich habe keine Schuldgefühle! So einer bin ich nicht. Ich kann mir vergeben! Doch ich befürchte, dass sie ausflippen könnte! Wir leben in ihrem Haus – vielleicht wirft sie mich raus… ich bin nicht sicher, ob ich mir in unserer Stadt allein eine Wohnung leisten könnte!‘
Tja, hier war also die Wahrheit: dieser Mann war spirituell so fortgeschritten, dass er sich selbst dafür vergeben konnte, dass er die Frau betrog, die er gerade behauptet hatte zu lieben. Ganz klar. Gleichzeitig sah er auch ganz klar und deutlich die Vorteile einer gemeinsamen Wohnung – ihrer Wohnung. Nun lag es an mir, eine weitere Sache in seinem Kopf klar zu stellen: es kann nicht wirklich Liebe sein, wenn du etwas machst, was deine Partnerin verletzen würde und es dann versteckst, weil du ihre Liebe ausnutzen willst!
Ein klarer Fall – was meint ihr?
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