Rajaram – In der Ashram Familie so akzeptiert wie er ist – 25 Mar 11

Stadt:
Vrindavan
Land:
Indien

Hier im Ashram sind immer viele Leute. Meine Familie, die Kinder, die hier leben, unsere Gäste, Teilnehmer des Ayurveda Yoga Urlaubs, der Yogalehrerfortbildung und anderer Retreats und natürlich die Menschen, die hier arbeiten, unsere Angestellten, die natürlich ein wichtiger Teil der Ashram Familie sind. Einem von ihnen möchte ich den heutigen Tagebucheintrag widmen und euch von ihm erzählen: Rajaram.

Rajaram ist jetzt ungefähr 35 Jahre alt und kommt aus einem kleinen Dorf, etwa 600 Kilometer von Vrindavan entfernt. Nachdem seine Schwester in Vrindavan geheiratet hat, kam er auch, wie viele andere, um hier Arbeit zu finden.

Mehrere Mitglieder seiner Familie haben zu unterschiedlichen Zeiten im Ashram gearbeitet und Suraj und Chhotu, im Moment die jüngsten Mitglieder der Ashram Familie, sind seine Neffen. Rajaram selbst ist vor fünf Jahren in den Ashram gekommen. Er war nicht durchgehend hier, war zwischendurch immer mal wieder in seinem Dorf und kam nach ein paar Wochen oder Monaten wieder zurück.

Das klingt nun alles wie die Geschichte eines jeden anderen Angestellten, doch wenn du hier bist, merkst du, auf welche Weise Rajaram besonders ist. Wenn du an ihm vorbei gehst, während er im Garten arbeitet, kannst du ihn lachen hören und hörst, wie er Selbstgespräche führt. Du schaust genauer hin, um zu sehen, mit wem er sich unterhält, aber er hat einfach ein gutes und unterhaltsames Gespräch mit sich selbst.

Neben anderen Interessen habe ich gesehen, dass er sehr viel Interesse am Lesen und Schreiben hat. Ich weiß, dass er nicht zur Schule gegangen ist und nicht Lesen oder Schreiben kann. Man sieht ihn jedoch oft, wie er unter einem Baum sitzt, eine Zeitung in der Hand – nicht nur Hindi, auch Englische Zeitungen – und vollkommen konzentriert liest.

Oder man sieht ihn, mit einem Stift in der Hand, wie er auf ein Stück Papier schreibt. Ein- oder zweimal bin ich aus reiner Neugier zu ihm gegangen um zu sehen, was er schreibt, aber da waren keine Buchstaben, nur Zeichen und etwas Farbe, das Papier mit Zeichen seiner Vorstellung gefüllt. Besonders wenn andere Leute um ihn herum sind, zeigt er das gerne. Ich finde es schön, dass er, obwohl er nicht lesen oder schreiben kann, denkt, dass es etwas Gutes ist, es respektiert und gibt sogar vor, lesen und schreiben zu können.

Manchmal ist ihm danach, sich schön anzuziehen. Dann kauft er ein neues Kleidungsstück oder lässt ein altes bügeln, zieht es an und läuft mit seiner Sonnenbrille auf dem Kopf durch den Ashram, mit einem stolzen Gang, als wäre er ein König.

Manchmal sieht man, wie er einen ansieht, fast anstarrt, oder wie er sich zu dir stellt, während du mit jemandem sprichst und einfach dem Gespräch lauscht, obwohl er kein Englisch versteht. Das kann jemandem, der neu im Ashram ist, verwirrend sein, aber nach einiger Zeit hier kennt man ihn und es macht einem nichts mehr aus. Er hat keine bestimmte Absicht, wenn er dich ansieht oder dir zuhört.

Wir wissen alle, dass das einfach nur Rajaram ist, so wie er ist. Ich kann euch nicht genau oder in medizinischen Worten sagen, was in seinem Gehirn geschehen ist oder was sich da nicht entwickelt hat, aber eine Tatsache ist, dass er im Denken nicht so schnell ist wie andere Erwachsene. Er ist vielleicht nicht einmal so schnell wie Teenager in einem bestimmten Alter sind.

In seiner Arbeit ist er flexibel. Er liest Blätter im Garten auf, macht den Abwasch und macht, was auch immer anfällt. Er ist kein Experte, aber was auch immer gemacht gehört, macht er. Wir wissen alle, dass er langsam ist und darum macht es auch keinem etwas aus.
Mit seinem besonderen Geisteszustand würde Rajaram sich schwer tun, irgendwo anders eine Arbeitsstelle zu finden. Er ist nicht gebildet, er spricht mit Bäumen und sich selbst und er lacht ohne jeglichen ersichtlichen Grund. Er ist froh, dass er im Ashram einen Ort gefunden hat, an dem er mit seiner Arbeit auf seine Weise mithelfen kann. Die anderen Ashram-Mitglieder haben ihn so akzeptiert wie er ist. Sie nennen ihn ‚Mama ji‘, was Onkel bedeutet. Natürlich machen sich die jüngeren Jungen manchmal einen Spaß daraus, ihn zu ärgern, doch jeder liebt ihn. Niemandem macht sein seltsames Verhalten etwas aus und ich glaube, er ist wirklich glücklich hier.

Es ist wirklich schön, dass wir hier unterschiedliche Menschen haben und wir jeden von ihnen mit seinen eigenen Charaktereigenschaften schätzen.