Gestern habe ich kurz erwähnt, dass Apra viel Aufmerksamkeit bekommt. Und das tut sie ganz bestimmt mit all den liebevollen Personen um sie herum. Da sind ja nicht nur Ramona und ich, sondern auch meine Brüder, Eltern und Großmutter, die immer hier sind. Yashendu mag für zwei Monate unterwegs und nicht hier sein, aber das macht die Anzahl der Leute nicht viel kleiner. Da sind noch die Jungs, Pawan, Jay Singh und Mohit, die sie herumtragen und natürlich unsere Angestellten, die auch gerne bei ihr sind und mit ihr reden. Sie hat also einfach wahnsinnig viele Bezugspersonen, mit denen sie sich wohl fühlt.
Dazu kommen noch die Familienmitglieder und Freunde, die sie regelmäßig auf Skype sieht, wie ihre deutschen Großeltern oder Thomas und Iris. Ich weiß nicht, was die wissenschaftliche Meinung zu Bezugspersonen im Computer ist, aber unsere Kleine erkennt definitiv diejenigen auf dem Bildschirm.
Und dann gibt es natürlich auch noch jede Menge Leute, die im Ashram zu Besuch sind und jeder darf Apra mal eine Weile lang halten, um das wundervolle Gefühl zu genießen, wenn man ein kleines Kind auf dem Arm hat. Diese Freude will ich niemandem vorenthalten und deshalb teile ich sie gerne mit unseren Gästen.
Das Wichtigste daran ist, dass es unserer Apra überhaupt nichts ausmacht. Mit offenen Augen und definitiv mit offenem Verstand setzt sie sich gerne bei jedem auf den Schoß. Ihr ist es egal, ob sie sich die Welt aus den Armen des einen oder des anderen ansieht. Es ist ihr Recht, hier oder dort einzuschlafen.
Bekannte Gesichter und Stimmen erkennt sie ganz klar und lächelt, wenn einer von uns unerwartet in ihrem Sehfeld erscheint oder nahe bei ihr anfängt mit ihr zu reden, während sie bei jemand Fremden auf dem Schoß sitzt. Aber sie weint nicht, wenn sie an eine ihr unbekannte Person weitergereicht wird. Sie beobachtet und genießt die Erfahrung einer neuen Person mit neuem Aussehen, anderer Berührung, anderem Geruch und anderem Klang. Und vielleicht hat die Person auch noch ein neues Spielzeug, mit dem sie spielen kann, ein neues Spiel mit Gesicht und Händen oder auch nur ein neues Geräusch, über das sie lachen kann.
Gestern hat eine unserer Angestellten ihre Nichte mitgebracht, die nur zwei Wochen älter ist als Apra. Babbaji kam mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm ins Büro, genau, wie er immer mit Apra reinkommt. Für Ramona und mich folgte darauf eine Sekunde der Verwirrung mit den Gedanken ‚Ihre Haare sind anders – ihr Haar ist viel länger! Oh, warte, das ist ja gar nicht unser Mädchen!‘ Wir lachten und nahmen sie auch auf den Arm, um sie Apra vorzustellen. Doch bei dem Ganzen war das Baby schüchtern und fing nach einer kleinen Weile an zu weinen und wollte wieder zu ihrer Tante zurück. Das ist ja ganz normal – sie ist die vielen Leute gar nicht gewöhnt! Sie war jedoch glücklich, als wir ihr ein kleines Geschenk gaben und als sie sicher wieder bei ihrer Tante auf dem Schoß saß, schenkte sie uns auch ein Lächeln.
Wir freuen uns also, dass unsere kleine Apra mit den Leuten so offen ist und wir hoffen und glauben auf jeden Fall, dass es in Zukunft so bleiben wird. Mein Freund Michael drückte das in Worten aus, bei denen ich lachen musste. Als ich ihm Apra zum ersten Mal gab, an dem Tag, als er im Ashram ankam, sagte er: ‚Hallo, ich bin noch so ein Tourist!‘ Und sie kam zu ihm auf den Arm, sah ihn an und schenkte ihm ein wundervolles Lächeln!
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