Von harmloser Scharlatanerie bis hin zu gefährlichem Aberglauben – 2 Jul 13

Mein Freund ist nicht der einzige, der zwischen Medizin und Aberglaube steht. Hier in Indien gibt es so viele Menschen, die wissen, dass sie einen Arzt aufsuchen müssen, wenn sie krank sind, aber sie würden deswegen trotzdem nie die Zeremonien und Rituale vergessen, die ihre Religion und Tradition ihnen als richtig vorschreibt. Nicht nur das – sie gehen sogar zu ziemlich offensichtlichen Scharlatanen, die vorgeben, ihre Krankheiten auf wundersame Weise heilen zu können. Ihr großes Problem ist wie gesagt, dass sie sich trotzdem nicht nur auf solche Methoden verlassen können, sie brauchen auch einen Arzt! Es gibt so viele Beispiele hierfür, dass ich euch gerne noch ein weiteres zeigen möchte:

Als ich Teenager war, lebten wir in der Stadt. In der Gegend, in der wir lebten, gab es einen Mann, der dafür bekannt war, dass er angeblich Gelbsucht heilte. Er war kein Arzt, kein Apotheker und hatte auch keinen ähnlichen Beruf. Er war ein Sadhu, ein religiöser Mann, von dem man glaubte, dass er eine so hohe Bewusstseinsebene erreicht hat, dass seine Methoden einen Gelbsuchtpatienten retten könnten.

Als einer unserer Nachbarn an Gelbsucht erkrankte, begleitete ich ihn zur Behandlung bei dem Sadhu. Der Vorgang war recht einfach: der Sadhu gab unserem Nachbar ein paar Stücke von etwas, das wie Baumrinde aussah und sagte ihm, er solle sich leicht nach vorne gebeugt hinsetzen und die Rinde auf seinen Kopf legen. Der Sadhu nahm einen Krug in die Hand und schüttete unserem Nachbar daraus Wasser über den Kopf und damit natürlich auch über die Kräuter, die darauflagen. Das Wasser in dem Krug war klar, aber sobald es auf die Rinde traf, verfärbte es sich und lief unserem Nachbarn dann in einem tiefgelben Farbton über das Gesicht. Der Sadhu erklärte gleich, dass diese gelbe Farbe die Gelbsucht war, die aus dem Körper floss. Natürlich war der Patient begeistert und vom Erfolg überzeugt!

Ich zweifelte bereits damals als Teenager an den magischen Kräften dieses Sadhu und fragte mich, was für eine Rinde das gewesen war – ich war sicher, dass es eine chemische Reaktion des Wassers auf dieses Ding war, was das Wasser gelb machte. Es mag vielen Lesern lächerlich erscheinen, aber die Menschen glaubten diesem Mann und er war für seine ‚Behandlung‘ sehr bekannt!

Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass unser Nachbar trotzdem auch zu einem normalen Arzt ging… kein Vertrauen in seinen Aberglauben und auch nicht in seinen Arzt!

Es gibt so viele Leute, die behaupten, sie könnten mit magie-artigen Methoden alle möglichen Krankheiten heilen und es gibt viele andere, die zu ihnen kommen, um sich zusätzlich zu der medizinischen Behandlung, die sie bereits bekommen, behandeln zu lassen. Sie lassen sich Nierensteine, Krebszellen und andere Körperteile wegoperieren und gleichzeitig gehen sie zu einem Zauberkünstler, der ein paar Tricks macht und die Illusion erschafft, er hätte sie geheilt.

Das ist ja noch relativ harmlos, aber wenn man in Dörfer auf dem Land geht und sich die ländlicheren Teile Indiens betrachtet, so findet man dort noch viel mehr Aberglaube, der sogar gefährlich werden kann. Menschen zahlen Exorzisten, um geliebte Menschen von Geistern und Wesen zu befreien – selbst, wenn sie eigentlich eine ganz normale Krankheit haben. Diese Methoden gehen von seltsam bis grausam und sind dabei oft auch höchst gefährlich für das Opfer. Das wird in Indien ‚Tantra‘ genannt – und es versetzt uns zurück in mittelalterliche Zeiten. Selbst heute noch werden Frauen der Hexerei angeklagt und ermordet.

Natürlich würden unser Nachbar oder auch mein Freund niemals glauben, dass jemand eine Hexe ist und sterben sollte. Sie sind abergläubisch, aber auf einer anderen Ebene, nicht so sehr und immer noch ein klein wenig mit der modernen, fortschrittlichen Welt in Kontakt. Trotzdem glaube ich, dass ihr Verhalten zu diesen extremen Formen des Aberglaubens beitragen kann. Sie lassen sie nicht sterben, sondern besuchen weiter Scharlatane und halten den Aberglauben am Leben!

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