In den letzten Tagen habe ich euch über seltsamen Aberglauben rund um den Unfall meines Freundes Govind und seinen Krankenhaus-Aufenthalt geschrieben. Viele meiner Leser waren erstaunt darüber, dass wirklich jemand glauben würde, dass eine Operation an einem Donnerstag das Risiko, nochmal eine Operation durchmachen zu müssen, erhöhen würde. Was ich mehrere Male besonders von westlichen Lesern gehört habe, die ja an einem Ort wohnen, wo die Menschen weniger abergläubisch sind, war die Frage: ‚Glauben die Leute das wirklich?‘ Ich dachte, diese Frage wäre doch eine persönliche Analyse im heutigen Tagebuch wert.
Ich glaube, nein, ich bin sogar zuversichtlich genug zu sagen, dass ich weiß, dass sie sich darüber bewusst sind, dass dieser Arberglaube Unsinn ist. Vielleicht glauben die Leute in den kleinsten Dörfern in den länglichsten Gegenden wirklich noch, dass dieser Aberglaube wahr ist. Wenn man jedoch über Menschen spricht, die in der modernen Welt leben, die wissen, dass es Millionen Menschen gibt, die nicht daran glauben, denke ich nicht, dass die Wirklichkeit noch nicht bis zu ihnen gelangt ist. Warum also, wenn sie tief in sich wissen, dass es nur Unsinn ist, reden sie trotzdem darüber und handeln sogar danach?
Es ist eine Art kollektive Entscheidung, an etwas zu glauben, das jeder schon immer so akzeptiert hat. Es ist Tradition, es ist normal, es ist, was alle glauben. Es wurde nie in Frage gestellt und selbst wenn es jemand doch anzweifelte, so wurden die Zweifel verworfen, da das nunmal das ist, ‚was wir eben glauben‘. Es ist fern der Zweifel und Beweise. Hunderte oder Tausende Menschen können beweisen, dass der Aberglaube einfach nicht wahr ist, abder sie brauchen nur eine Person, eine Einzelperson, die eine Geschichte erzählt, wie er an einem Dienstag Glück hatte oder wie etwas an einem Donnerstag noch einmal geschehen ist und schon sehen sie das als endgültigen Beweis.
Die beste Antwort auf jegliches Argument gegen Aberglaube ist einfach nur ‘Ja, naja, du magst ja recht haben, aber ich glaube es.’ Sie wissen, dass du Recht hast, entscheiden jedoch, das zu verdrängen, es in die dunkelste Ecke ihres Verstandes zu stecken und mit ihrem Aberglauben glücklich zu sein. Schließlich ist da ja immer noch diese Angst, wenn sie wirklich vom Aberglauben abkommen, könnte ihnen etwas schreckliches passieren! Es ist einfacher, dem Aberglauben zu folgen und es ist immer gut ‚auf der sicheren Seite‘ zu sein. Man braucht Mut, um aus diesem einprogrammierten Unsinn auszusteigen.
Vielleicht fragt ihr euch, wie ich Govind meinen besten Freund nennen kann, wenn er doch offensichtlich abergläubisch ist, wogegen ich in meinem Blog zu stark schreibe. Ich kenne ihn, ich weiß, an was er glaubt und er weiß, an was ich glaube oder nicht glaube. Es ist zwischen uns ganz klar, aber trotzdem haben wir eine enge Freundschaft.
Wir sind wie Zuggleise – wir laufen parallel zueinander und wir brauchen einander, um gut zu funktionieren, aber gleichzeitig werden unsere Gedanken nie den gleichen Punkt erreichen. Wir können einander in Bezug auf so viele Themen nicht überzeugen, laufen jedoch trotzdem nebeneinander her.
Wir teilen unsere Herzen und unsere Liebe. Wir waren für einen großen Teil unserer Leben zusammen. Viele Dinge haben sich geändert, aber Veränderungen in der Philosophie und im Glauben hatten keinen Einfluss auf unsere Liebe und ich vertraue darauf, dass sie das auch nie haben werden. Ich weiß, dass er und ich immer Freunde sein werden, egal, an was wir glauben.
Ich fahre nun nach Agra los, um Govind endlich abzuholen und heimzubringen.
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